ArchivMedizin studieren1/2020Neue ärztliche Approbationsordnung: Der Teufel steckt im Detail

Politik

Neue ärztliche Approbationsordnung: Der Teufel steckt im Detail

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Trotz guter Ansätze sehen Medizinstudierende und Ärzte erheblichen Änderungsbedarf am Arbeitsentwurf des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums für die neue Approbationsordnung für Ärzte.

Foto: Alex Malikov/stock.adobe.com
Foto: Alex Malikov/stock.adobe.com

Grundsätzlich positiv bewerten Ärzte und Medizinstudierende den Arbeitsentwurf für eine neue Ärztliche Approbationsordnung (ÄApprO), den das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) Anfang Dezember 2019 – und damit fast drei Jahre nach Verabschiedung des Masterplans Medizinstudium 2020 – vorgelegt hatte. Verbände und Organisationen hatten jetzt Gelegenheit, den Entwurf im Detail durchzusehen. Dabei entdeckten sie so manchen „Teufel im Detail“.

Der Entwurf der Reform der Approbationsordnung enthalte viele gute Ansätze, resümiert die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in ihrer Ende Januar vorgelegten Stellungnahme. Damit die Reform jedoch tatsächlich zu einem Erfolg werde, seien zahlreiche Nachbesserungen notwendig. Zu den positiven Ansätzen gehören nach Ansicht der BÄK die konsequente Vermittlung wissenschaftlicher Grundlagen und eine gleichzeitig praxisnahe Gestaltung des Medizinstudiums sowie die Förderung der Allgemeinmedizin. Auch dass die Themen Datennutzung und digitale Anwendungen als Ausbildungsinhalte neu ins Medizinstudium aufgenommen werden sollen, begrüßt die Ärzteschaft.

Anzeige

Problematisch ist für die BÄK aber die damit verbundene Ausweitung des Umfangs des Medizinstudiums. Es müsse geprüft werden, inwiefern im Gegenzug eta-blierte Studieninhalte reduziert werden könnten. Konkret schlägt die BÄK vor, das vorgeschriebene dreimonatige Krankenpflegepraktikum im Rahmen des Medizinstudiums auf zwei Monate zu verkürzen.

Diskussionsbedarf sehen Ärzte, Fakultäten und Studierende zudem bezüglich der Umsetzung der geplanten Lehre im ambulanten Bereich. Dem Arbeitsentwurf zufolge sollen künftig Lehrinhalte aus der Allgemeinmedizin aufgestockt und longitudinal in das gesamte Studium integriert werden. Gleichzeitig soll das Praktische Jahr (PJ) von derzeit drei Tertialen auf vier Quartale umgestellt werden, wobei die Studierenden künftig mindestens ein Wahlfach im ambulanten Bereich absolvieren sollen.

Um dies zu ermöglichen, sei eine ausreichende personelle und finanzielle Ausstattung der medizinischen Ausbildungsstätten, insbesondere der nun zu gewinnenden ambulanten Lehrpraxen erforderlich, mahnt die BÄK. Dass diese in der erforderlichen Menge und Qualität rechtzeitig zur Verfügung stehen, sei „herausfordernd“: „Ein langfristiges Konzept, um studentische Ausbildung als selbstverständliche Aufgabe in die ambulante Versorgung zu integrieren, ist dringend erforderlich“, betont die BÄK.

Ähnlicher Ansicht ist die Deutsche Hochschulmedizin, vertreten durch den Medizinischen Fakultätentag (MFT) und dem Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD). Neben den qualifizierenden, logistischen und finanziellen Herausforderungen, die die neuen Vorgaben zur Stärkung der Allgemeinmedizin mit sich bringen, bereitet den Fakultäten die Gewinnung von ausreichend Lehrärzten Sorgen: „Juristisch dürften die Fakultäten kaum in der Lage sein, Lehrärztinnen und Lehrärzte zu einer Zusammenarbeit zu zwingen“, heißt es in der Stellungnahme der Deutschen Hochschulmedizin.

Auch die Studierenden sind skeptisch. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) befürwortet zwar eine stundenneutrale Längsschnittintegration der Allgemeinmedizin ins Studium. Ob die vorgesehenen acht Wochen Blockpraktikum in Lehrpraxen aber gut umsetzbar sind, bezweifelt sie. „Eine qualitativ hochwertige Lehre eignet sich zur Stärkung der Allgemeinmedizin deutlich besser als ein rein quantitativer Ausbau“, meint Tobias Henke, Bundeskoordinator für Gesundheitspolitik der bvmd.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) begrüßt indes die Ausweitung des Faches Allgemeinmedizin. Positiv zu bewerten sei insbesondere die Quartalisierung des PJs sowie die Verankerung der Allgemeinmedizin als Prüfungsfach im vierten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung.

Mehrheitlich abgelehnt wird die Innovationsklausel, die neu als § 137 des BMG-Entwurfs in der Approbationsordung verankert ist. Mit ihr sollen bei Bedarf weitgehende Abweichungen vom Regelstudiengang ermöglicht werden. Sie eröffnet sogar die Möglichkeit, die Dauer des Medizinstudiums auf fünf Jahre zu reduzieren.

„Immer mehr Inhalte sollen in immer kürzerer Zeit vermittelt werden. Das wird das Risiko steigender Burn-Out-Raten im Medizinstudium verschärfen“, kommentiert Philipp Schiller, Vorsitzender des Sprecherrats der Medizinstudierenden in der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, den Gesetzesentwurf. Auch die Ärzteschaft und die Fakultäten lehnen die Innovationsklausel ab. Die BÄK fordert sogar die Streichung der entsprechenden Passage. Nach Ansicht der Deutschen Hochschulmedizin steht sie in „deutlichem Widerspruch zur Gestaltung des Medizinstudiums als universitäres Studium“.

Wie beurteilen Sie den Entwurf?

Foto: Bundesärztekammer
Foto: Bundes­ärzte­kammer

Der Entwurf enthält viele richtige Ansätze und ist eine gute Grundlage für die Umsetzung des Masterplans Medizinstudium 2020. An einigen zentralen Stellen muss aber nachgebessert werden. Das Studium darf nicht überfrachtet werden. Wenn neue Anforderungen hinzukommen, müssen an anderer Stelle vorhandene Studieninhalte reduziert werden. Wichtig ist auch, dass die vorgesehene Fokussierung auf Praxisnähe und Patientenorientierung mit einer ausreichenden finanziellen und personellen Ausstattung der Ausbildungsstätten einhergeht. Sonst wird sich die Arbeitsverdichtung in den Kliniken und in den Lehrpraxen noch weiter verschärfen. Für wenig sinnvoll halten wir außerdem die Innovationsklausel, die deutliche Abweichungen vom Regelstudiengang ermöglichen soll. Eine Straffung oder Verkürzung des Studiums wäre einer qualitativ hochwertigen Ausbildung ebenso wenig dienlich, wie die Möglichkeit, große Teile der Studieninhalte via Fernstudiengang zu absolvieren.

Dr. med. (I) Klaus Reinhardt,
Präsident der Bundes­ärzte­kammer



Foto: privat
Foto: privat

Der Entwurf bietet viele Ansätze, das Medizinstudium im Sinne einer zukunftsfähigen universitären Lehre, Forschung und medizinischen Versorgung der Bevölkerung weiterzuentwickeln. Diese guten Ansätze müssen nun konsequent zu Ende gedacht und der Entwurf an vielen Stellen nachgeschärft werden. Positiv hervorzuheben ist, dass das Studium durch die Fokussierung auf Praxisnähe sowie ärztliche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen konsequent kompetenzorientiert ausgerichtet werden soll – die vorgesehene Verknüpfung theoretischer und klinischer Inhalte im Sinne eines Z-Curriculums trägt dem Rechnung. In der konkreten Umsetzung besteht jedoch noch weitreichender Verbesserungsbedarf: Klinische Inhalte sollten in größerem Maße Einzug in die Vorklinik finden, der vom Wissenschaftsrat empfohlene Wahlbereich von 25 Prozent zur Profilbildung ermöglicht und die Vermittlung digitaler Kompetenzen stärker mitgedacht werden.“

Aurica Ritter,
Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland



Foto: privat
Foto: privat

Die explizite Verankerung der Wissenschaftlichkeit im Medizinstudium und den Wunsch, die Digitalisierung der Medizin stärker zum Studieninhalt zu machen, unterstützen wir ausdrücklich. Positiv ist die erstmalig verankerte Ausrichtung des Medizinstudiums am Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin, der maßgeblich vom Medizinischen Fakultätentag getragen wird. Allerdings bietet der vorgelegte Entwurf zu wenig Raum, um die vom Wissenschaftsrat vorgeschlagene Differenzierung in ein Kern-Curriculum (75 Prozent) und in ein Wahl-Curriculum (25 Prozent) umzusetzen. Gemäß Masterplan Medizinstudium 2020 sollte den Universitäten ermöglicht werden, ein Profil auszubilden und den Studierenden ihr Studium bis zu einem gewissen Grad entsprechend ihrer Neigungen zu gestalten. Kritisch sehen wir zudem die Innovationsklausel, mit der das Studium deutlich verkürzt werden könnte, jedoch auf Kosten der praktischen Ausbildung und der wissenschaftlichen Kompetenzen.

Dr. Frank Wissing,
Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema