ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2000Kognitive Störungen nach traumatischer Distorsion der Halswirbelsäule: Wenig Hilfe für den Patienten

MEDIZIN: Diskussion

Kognitive Störungen nach traumatischer Distorsion der Halswirbelsäule: Wenig Hilfe für den Patienten

Dtsch Arztebl 2000; 97(8): A-461 / B-369 / C-349

Hörr, Bernhard

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Klaus Poeck FRCP in Heft 41/1999
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LNSLNS Beim Lesen des Artikels fällt Folgendes auf: Wenn man die Schlussfolgerung konsequent als Richtschnur für ein ärztliches Handeln bei Schleudertraumen befolgt, bleibt für den Patienten wenig an Hilfe übrig. Es wird dargelegt - wahrscheinlich nicht ohne polarisierende Absicht - dass ein Schleudertrauma ähnliche Symptome wie die Multiple Chemical Sensitivity und das Chronic Fatigue Syndrome bietet. Die von der Ursache her völlig unterschiedlichen Krankheitsbilder können durchaus gleichartige Symptome verursachen, da sie nämlich ein Zielorgan haben, das ZNS, beziehungsweise beim Schleudertrauma auch den Hirnstamm, die Medulla oblongata und das angrenzende Halsmark. Der Autor bemüht sich, jegliche Hypothese, die bei einem Schleudertrauma zu einer eventuellen Hirnbeeinträchtigung führen kann, ad absurdum zu führen. Auch bei genauem Hinschauen stellt sich schließlich für den Leser die ungewisse Frage, ob es überhaupt noch ein Schleudertrauma gibt. Bei Unfällen billigt man dem PKW auf einer Skala von leichten Blechschäden bis zum Totalschaden alles zu. Dem Insassen wird eine Schädigungsmöglichkeit im Rahmen einer HWS-Distorsion mit Hinweis auf die Sicherheit in der Fahrgastzelle schlichtweg abgesprochen. Auf der Skala von leichten Distorsionen ohne bleibende Veränderungen bis zu schweren Verletzungen mit Abriss des Ligamentum alaria und auch einer direkten Traumatisierung des ZNS ist in der Realität alles möglich. Zu berücksichtigen sind verschiedene Auffahrmechanismen. Ein schräges Auffahren ist sicherlich anders zu beurteilen als eine Traumatisierung in sagittaler Richtung. Auch macht es einen Unterschied, ob die HWS während des Auffahrunfalls rotiert oder gebeugt ist.
Wenn im ZNS-CT oder NMR bei Beschwerden keine Veränderungen nachweisbar sind, kann dies auch dafür sprechen, dass diese Untersuchungen bei dieser Art der Verletzung nicht geeignet sind. Es geht hier nicht um eine Zerstörung von Hirngewebe. Es handelt sich hier nicht direkt um einen Zelluntergang mit einer Narbe und auch nicht direkt um Blutungen, die makroskopisch nicht nachzuweisen sind. Die Diskussion über den Zeitpunkt von noch wieder zu belebenden Hirnzellen und auch Luxusperfusionen über den Circulus Willisii ist für die Beschwerdesymptomatik der Patienten nicht adäquat. Es handelt sich hier um mikroskopische Veränderungen, die sich in einer Funktionsstörung manifestieren. In seiner ursprünglichen Funktion ist der Arzt verpflichtet, dem Patienten erst einmal Glauben zu schenken und die Plausibilität einer Ursache von Verletzung und Beschwerden zu überprüfen. Dazu sollte ihm jedes Mittel Recht sein. Auch sollte dies unbedingt unter dem Aspekt erfolgen, dem Patienten eine nachträgliche Würdigung und eventuell eine entsprechende Entschädigung zukommen zu lassen. Die Betrachtung eines Patienten als möglicher Kostgänger für Versicherungen sollte primär unterbleiben, wobei naturgemäß immer auch der Missbrauch berücksichtigt werden muss. Dieser sollte allerdings nie primär unterstellt werden. Auch wenn der Mechanismus der Störung der intrakraniellen Perfusion und des Metabolismus nachweisbar in SPECT und PET noch nicht vollständig geklärt ist, kann hier eine Hypothese herangezogen werden. Schließlich ist ein nicht erforschter medizinischer Bereich nicht zu Ungunsten einer Patientengruppe zu verwerten. Die Hypothese, die im Zusammenhang mit dem Schleudertrauma und persistierenden Beschwerden diskutiert wird, ist in einer Reaktion der Nozizeptoren im Bereich der oberen HWS zu suchen, die eine reaktive Veränderung der intrakraniellen Perfusion über vegetative Bahnen verursacht (1, 2). Jedem ist der posttraumatische M. Sudeck bekannt, bei dem Gefäßprozesse ablaufen, die im Einzelnen noch völlig unklar sind.


Literatur
1. Otte A et al.: Zerebrale Befunde nach Halswirbelsäulendistorsion durch Beschleunigungsmechanismus (HWS-Schleudertrauma): Standortbestimmung zu neuen diagnostischen Methoden der Nuklearmedizin. Schweiz Rundschau Med Praxis 1996; 85: 1087-1090.
2. Otte A, Ettlin TM, Fierz L, Kischka U, Murner J, Muller-Brand J: Brain perfusion patterns in 136 patients with chronic symptoms after distorsion of the cervical spine using single-photon emission computed tomography, technetium-99m-HMPAO and technetium-99m-ECD: a controlled study. J Vascular Investigation, 1997; 3: 3-5.


Dr. med. Bernhard Hörr
Arzt für Radiologie
Zehntgasse 1
73207 Plochingen

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