ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2000Kognitive Störungen nach traumatischer Distorsion der Halswirbelsäule: Wegweisende Symptome der PTBS beachten

MEDIZIN: Diskussion

Kognitive Störungen nach traumatischer Distorsion der Halswirbelsäule: Wegweisende Symptome der PTBS beachten

Hase, Michael

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Klaus Poeck FRCP in Heft 41/1999
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LNSLNS In der umfassenden Abhandlung geht der Autor kurz auf die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ein. Unter Verweis auf die diagnostischen Kriterien der DSM III R kommt er zu dem Ergebnis, dass die Voraussetzungen für eine PTBS bei einem Auffahrunfall nicht gegeben sei. Hier muss ich ergänzen. Die in den Klassifikationssystemen DSM III-R, DSM IV und ICD 10 geforderte Schwere der traumatischen Situation ist nicht ganz unproblematisch. Ein Blick zurück in die Vergangenheit und in die Gegenwart der Psychotraumatologie hilft weiter. Eine frühe Beschreibung stammt eben von Sigmund Freud: "Wir nennen so (gemeint ist traumatisch) ein Erlebnis, welches dem Seelenleben innerhalb einer so kurzen Zeit einen so starken Reizzuwachs bringt, dass die Erledigung oder Aufarbeitung desselben in gewohnter Weise missglückt, woraus dauernde Störungen im Energiebetrieb resultieren müssen." (2)
Fischer und Riedesser definieren das Psychotrauma wie folgt: "Ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt." Hier findet sich jeweils ein Verweis auf die Individualität, die in den genannten Klassifikationssystemen bedauerlicherweise abhanden kommt. Ohne den Traumabegriff unzulässig ausdehnen zu wollen, möchte ich die Berücksichtigung der individuellen Belastbarkeit nicht missen. Im Übrigen haben jüngst Beyer et al. auf die doch beeindruckende Häufigkeit der PTBS nach Verkehrsunfällen hingewiesen. Sicher sind eher schwere Ereignisse als ein leichter Auffahrunfall gemeint.
Es kommt noch eine weitere Besonderheit der PTBS hinzu. Ein traumatisierendes Ereignis kann auf den ersten Blick ohne Folgen überstanden werden. Erst bei genauem Hinsehen erkennt man konstriktive Symptome der PTBS. Nach langer Zeit kann unter entsprechenden Bedingungen eine deutliche intrusive PTBS-Symptomatik beginnen. Ich kenne aus der Praxis einige Fälle, in denen ein schwerer Verkehrsunfall seelisch überstanden schien, bis nach einem Jahre dauernden Intervall ein banaler Auffahrunfall eine intrusive PTBS-Symptomatik auslöste. Der Zusammenhang wird vom Patienten in der Regel nicht gesehen, sondern muss vom Diagnostiker erkannt werden. Dies ist bedeutsam, da eine spezifische Psychotherapie unbedingt angezeigt ist.
Ein möglicher Ausweg scheint mir zu sein, nicht nur nach der Schwere einer traumatisierenden Situation zu beurteilen, sondern nach den wegweisenden Symptomen der PTBS zu sehen, die im Übrigen in den gängigen Klassifikationssystemen zu finden sind. Sollten diese vorhanden sein, dann ist eine Aufarbeitung der Gesamtsituation mit spezifischem psychotraumatologischem Wissen hilfreich.


Literatur
1. Fischer G, Riedesser P: Lehrbuch der Psychotraumatologie. München, Basel: Reinhardt, 1998; 79.
2. Freud S: Gesammelte Werke. XI: 284.
3. Frommberger UH et al.: Prediction of posttraumatic stress disorder by immediate reactions to trauma: a prospective study in road traffic accident victims. Europ Archives Psych Clin Neurosci 1998; 248: 316-321.
4. Meyer C, Steil R: Die posttraumatische Belastungsstörung nach Verkehrsunfällen. Der Unfallchirurg, 1998; 101: 878-893.


Michael Hase
Facharzt für
Psychiatrie/Psychotherapie
Niedersächsisches Landeskrankenhaus Lüneburg
Am Wienebütteler Weg 1
21339 Lüneburg
E-Mail: Michael.Hase@t-online.de

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