ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2000Kognitive Störungen nach traumatischer Distorsion der Halswirbelsäule: Iatrogener Anteil erscheint bemerkenswert

MEDIZIN: Diskussion

Kognitive Störungen nach traumatischer Distorsion der Halswirbelsäule: Iatrogener Anteil erscheint bemerkenswert

Dtsch Arztebl 2000; 97(8): A-462 / B-390 / C-364

Schuck, Peter

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Klaus Poeck FRCP in Heft 41/1999
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LNSLNS Der Autor unterstreicht in seiner Übersichtsarbeit die Unspezifität der Symptome, der Anamnese und der neuropsychologischen Testverfahren bei kognitiven Störungen nach einem so genannten Schleudertrauma der Halswirbelsäule (HWS). Insbesondere verweist er auch auf den im Einzelfall meist zweifelhaften Wert aufwendiger Verfahren wie MRT, PET und SPECT und verbannt die ätiologischen und pathogenetischen Vorstellungen der Vergangenheit in den Bereich des wenig Wahrscheinlichen, wenn nicht sogar Unmöglichen. Der offenbar iatrogen (mit-)verursachte Anteil an der Beschwerdesymptomatik soll hier noch etwas ergänzt werden: In einer randomisierten, kontrollierten und untersucherseitig verblindeten Studie mit 201 Patienten konnten Borchgrevink et al. (1) bei einer Nachbeobachtungszeit von sechs Monaten zeigen, dass die Patienten, die der Gruppe zugelost worden waren, die ihrer üblichen Tätigkeit wie vor dem Auffahrunfall nachgehen sollte (ohne arbeitsunfähig geschrieben oder mit Halskrawatte versorgt worden zu sein), nach sechs Monaten signifikant weniger subjektive Beschwerden (verschiedene Schmerzskalen, vor allem aber auch Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen) angaben, als eine Vergleichsgruppe, die nach vielfach immer noch üblichen Therapiestandards (Teilimmobilisierung mittels Halskrawatte und Krankschreibung für zwei Wochen) versorgt wurde. Keine statistisch bedeutsamen Unterschiede ergaben sich für "objektive" Parameter wie Nackenbeweglichkeit und Dauer der krankheitsbedingten Abwesenheit vom Arbeitsplatz. Ergebnisse neuropsychologischer Tests zur kognitiven Leistungsfähigkeit ein halbes Jahr nach dem Auffahrunfall wurden allerdings nicht berichtet.
Das Inanspruchnahmeverhalten - nicht nur im Hinblick auf medizinische, sondern auch bezüglich potenzieller versicherungsrechtlicher Leistungen (finanzielle Kompensation für den vermeintlichen "Schaden" und die verbliebenen Fähigkeitsstörungen beziehungsweise Beeinträchtigungen) - dürfte jedoch weitgehend durch die subjektive Wahrnehmung von Symptomen und deren Ursachenzuschreibung determiniert sein. Sicherlich muss das Ergebnis dieser Untersuchung an weiteren Studien repliziert werden. Es stützt aber die in der Übersichtsarbeit zitierten Stimmen zur zumindest partiellen psychogenen Mitverursachung mancher Beschwerden, wie auch - wenigstens in Teilen - die Konsensusempfehlungen der Quebec Task Force zur Akuttherapie der unkomplizierten Distorsion der HWS (deutsche Zusammenfassung in 2).
Literatur
1. Borchgrevink GE, Kaasa A, McDonagh D, Stiles TC, Haraldseth O, Lereim I: Acute treatment of whiplash neck sprain injuries. A randomized trial of treatment during the first 14 days after a car accident. Spine 1998; 23: 25-31.
2. Lucka J: Schleudertrauma. Eine Zusammenfassung neuerer Erkenntnisse. Aspekte der gutachterlichen Beurteilung. Phys Rehab Kur Med, 1998; 8: 214-219.
Dipl.-Psych. Dr. med. Dr. phil.
Peter Schuck
Forschungsinstitut Bad Elster (FBK)
Lindenstraße 5
08645 Bad Elster

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