ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2020Placebo: Noch viel Arbeit investieren
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… Beecher errechnete in einer Meta-Analyse von 15 Arbeiten mit 1 082 Patienten, dass 35,2 % „Placebo-Reaktoren“ sind,

allerdings je nach Indikation mit einer Streuung von 15 % bis 87 %. Auch Schmerzen können subjektiv gebessert werden, je nach Kontextsituationen bis zu 70 %.

Von dem Heidelberger Internisten A. Kussmaul … ist der Satz überliefert: „Das rechte Wort zur rechten Zeit aus dem Munde eines erfahrenen human gebildeten Arztes tut oft größere Wunder als Arzneien und Wasserkuren.“ Heutzutage – in einer Zeit einer eher technikaffinen Medizin – wird oft vergessen, dass die Arzt-Patienten-Beziehung eine entscheidende Rolle für den Therapieerfolg haben kann. 1957 sprach Balint von der „Droge Arzt“ und Shapiro brachte es 1969 mit dem Begriff „Iatroplacebogenese“ auf den Punkt.

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… Zu den beiden Studien: Carvalho und Mitarbeiter randomisierten in einem offenen Versuch 83 Patienten (70 % Frauen) mit chronischen Rückenschmerzen in eine Gruppe, die wie üblich antiphlogistisch behandelt wurde (n = 42) und eine Gruppe (n = 41), die zusätzlich Placebo (2x täglich 2 orangefarbene Gelatinekapseln) erhielt. Nach 3 Wochen wurden die Schmerzen auf einer 10-Punkte-Skala bewertet. Unter Placebo verringerte sich die Schmerzintensität um 1,5 Punkte, unter der üblichen Therapie nur um 0,24 Punkte (p < 0,001).

In der aktuelleren Studie randomisierten Kleine-Borgmann und Mitarbeiter 127 Patienten, die seit mindestens 12 Wochen an Rückenschmerzen litten: Übliche Therapie (n = 60, 70 % Frauen) versus zusätzlich 2x täglich Placebo (n = 67, 56 % Frauen). Nach 3 Wochen verringerte sich die Schmerzintensität auf einer 11-Punkte-Skala unter Placebo um 0,62 Punkte, unter der üblichen Therapie kam es zu einer leichten Verschlechterung um 0,11 Punkte (p = 0.001).

Die Limitationen der Studien sind gravierend. Die Patientenzahlen sind viel zu gering, um valide Ergebnisse erzielen zu können. Die Dauer der Behandlung (3 Wochen) ist für eine chronische Erkrankung viel zu kurz, da wir aus der Literatur wissen, dass Placebo-Effekte im Lauf der Zeit schnell nachlassen. Ob es im Praxisalltag gelingen kann, die Patienten z. B. per Video ausreichend zu motivieren, ist fraglich. …

Fazit: Die Idee einer „offenen Placebo-Gabe“ ist gut. Die „Wirkung“ einer Placebo-Therapie ist aber noch viel weniger vorhersagbar, absehbar und reproduzierbar als die einer Verum-Therapie. Es muss also noch viel Arbeit investiert werden, um nach diesen beiden „Pilotstudien“ klinisch relevante Aussagen gewinnen zu können.

Prof. Dr. med. Frank P. Meyer, 39164 Wanzleben-Börde

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