ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2020Praxisalltag in Zeiten von Corona: Jeder versucht, das Beste aus der Situation zu machen

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Praxisalltag in Zeiten von Corona: Jeder versucht, das Beste aus der Situation zu machen

Dtsch Arztebl 2020; 117(13): A-638 / B-544

Korzilius, Heike

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Um Patienten, Personal und sich selbst vor Ansteckung zu schützen, haben die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte den Routinebetrieb heruntergefahren und die Telefonberatung ausgebaut. Probleme gab es bislang insbesondere mit der Schutzausrüstung. Ein Stimmungsbild.

„Drivein“-Test auf Coronavirus: Zentrale Abstrichstellen gibt es inzwischen bundesweit. Foto: picture alliance/Marijan Murat/dpa
„Drivein“-Test auf Coronavirus: Zentrale Abstrichstellen gibt es inzwischen bundesweit. Foto: picture alliance/Marijan Murat/dpa

Selfkant ist die westlichste Gemeinde Deutschlands. Hier, im ländlich geprägten Kreis Heinsberg, betreibt Dr. med. Bernd Beckers eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis. 807 bestätigte Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus gibt es im Kreis (Stand 20. März). Er ist damit der am heftigsten betroffene im ganzen Land.

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Beckers ist der Hausarzt des schwer erkrankten Ehepaares, bei dem am 26. Februar erstmals in Nordrhein-Westfalen das Virus nachgewiesen wurde. Die Frau ist Kindergärtnerin, das Ehepaar war im Karneval aktiv. Beckers hat seine Patientin am Vortag noch zu Hause besucht. Ihr geht es wieder gut. Der Ehemann befindet sich allerdings nach wie vor in kritischem Zustand in der Klinik. Etwa 30 seiner Patienten hätten sich mit dem Coronavirus infiziert, schätzt Beckers. Ein 80-Jähriger sei am Vorabend infolge einer Coronainfektion im Krankenhaus verstorben. „Die meisten Fälle verlaufen aber glimpflich“, meint der Hausarzt. Erstaunlich finde er, dass sich von den Kindern im Kindergarten, in dem seine Patientin arbeitete, nur vier mit dem Virus infiziert hätten. Und keines der Kinder sei erkrankt.

Die Ärzte reagieren besonnen

Wenn man mit Beckers am Telefon darüber spricht, wie die Coronakrise seinen Praxisalltag und den der Kollegen in der Region beeinflusst, antwortet er sachlich und besonnen. Die Behandlung des Corona-positiven Ehepaars hatte zur Folge, dass er selbst in Quarantäne und die Praxis für einen Tag geschlossen werden musste. Dann konnten die Kollegen übernehmen. Zwei Medizinische Fachangestellte, die dieselbe Karnevalsveranstaltung besucht hatten wie das erkrankte Ehepaar, wurden positiv auf das Coronavirus getestet und fielen für längere Zeit aus. „Wir hatten Glück“, meint Beckers. Zwei Mitarbeiterinnen, die auf 450-Euro-Basis in der Praxis arbeiten, hätten sich damals bereit erklärt, Vollzeit für die erkrankten Kolleginnen einzuspringen.

Er habe in der Praxis schon immer streng auf die Einhaltung der Hygienevorschriften geachtet, sagt Beckers. Seit Corona seien er und sein Team aber noch einmal besonders vorsichtig. „Wir tragen konsequent einen Mundschutz, desinfizieren diszipliniert die Hände, halten ausreichend Abstand und die Kontakte zu den Patienten kurz“, erklärt der Hausarzt. Auch organisatorisch hat man sich in der Praxis an die neuen Bedingungen angepasst. Patienten ohne Erkältungssymptome benutzen weiterhin den offiziellen Praxiseingang. Alle anderen betreten durch einen Seiteneingang einen separaten Untersuchungsraum. Einer der Ärzte aus dem Team ist dort jeweils für den Tag abgestellt, um die erkälteten und fiebernden Patienten zu behandeln. Die drei anderen machen derweil das „Tagesgeschäft“. Tests auf das Coronavirus nehme die Praxis in der Regel nicht vor, sagt Beckers. Diese würden unter der Regie des Gesundheitsamtes auf Überweisung an drei zentralen Stellen im Kreis abgenommen. „Die Anweisungen des Kreises, wer einen Abstrich erhalten soll, sind aufgrund des großen Andrangs noch einmal verschärft worden“, sagt Beckers. Zurzeit sollten nur noch diejenigen einen Abstrich erhalten, die schwere Symptome aufwiesen. Patienten mit einfachen Erkältungssymptomen kämen für einen Test nicht mehr infrage.

Beckers betreut im Kreis auch zwei große Altenheime. „Da sind wir natürlich sehr besorgt, dass dort etwas passieren könnte“, sagt der Hausarzt. Er behandle zurzeit in einem der Heime eine 96-jährige demente Patientin, die positiv auf das Coronavirus getestet wurde. In Absprache mit dem örtlichen Gesundheitsamt habe man beschlossen, die Frau im Altenheim unter Isolierbedingungen weiterzuversorgen. „Rein pflegerisch ist sie dort im Moment am besten aufgehoben“, sagt Beckers. Denn die Krankenhäuser in Heinsberg und Umgebung arbeiteten am absoluten Limit. In der ambulanten Versorgung gebe es dagegen kaum Engpässe. Das bestätigten auch die Gespräche mit den Kollegen. Auch für den Quarantänefall hätten sie vorgesorgt, meint Beckers. Es gebe Absprachen mit mehreren anderen Praxisinhabern, wie man die Versorgung vor Ort sicherstellen könne.

Ähnliche Erfahrungen wie Beckers schildert Dr. med. Khaled Abou Lebdi, Kinder- und Jugendarzt sowie Kinder- und Jugendkardiologe, der in Heinsberg zusammen mit einer Kollegin eine große Versorgerpraxis betreibt. Bei ihnen sei die Zahl der Patienten im Moment stark rückläufig, meint Abou Lebdi. „Die Menschen hier haben sich alle gut informiert und verstanden, dass sie sich in einer Arztpraxis grundsätzlich anstecken können.“ Viele Patientenkontakte liefen deshalb über das Telefon. Das führe dazu, dass nur noch die Patienten in die Praxis kämen, die dringend ärztliche Hilfe benötigten. „Ich habe kürzlich mit Kollegen im Kreis gesprochen. Die sagen alle, dass sie zurzeit maximal auf ein Viertel ihrer normalen Patientenzahlen kommen.“ Um Patienten und Personal nicht zu gefährden, sei dieses Vorgehen absolut sinnvoll.

Es drohen finanzielle Einbußen

Allerdings werde der Rückgang der Patientenzahlen für die Praxen auch finanzielle Einbußen bedeuten, meint Abou Lebdi: „Wenn das so weitergeht, wird uns das alle vor große Probleme stellen.“ Vor allem die kleinen Einzelpraxen dürften nach Ansicht des Kinderarztes mit den Folgen zu kämpfen haben. Diesen gehe es wie vielen anderen Betrieben im Kreis Heinsberg, in dem das öffentliche Leben schon seit Ende Februar stillsteht. „Ob das jetzt Busunternehmer sind, die im zweiten Monat keine Schulkinder mehr fahren, oder die Caterer, die die Ganztagsschulen mit Essen beliefert haben – die stehen alle am Rande der Insolvenz“, sagt Abou Lebdi.

Wie Beckers hat aber auch Abou Lebdi nicht den Eindruck, dass die ambulante Versorgung unter der Coronakrise leidet. Im Gegensatz zu den umliegenden Kreisen gebe es in Heinsberg und Umgebung auch keinen Mangel an Schutzausrüstung. „Wir sind im Moment so exponiert, dass wir hier alles haben“, sagt der Kinderarzt. Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein und das örtliche Gesundheitsamt hätten Engpässe überbrückt. Das einzige, was in seiner Praxis allmählich knapp werde, sei Desinfektionsmittel. Aber auch hier habe die KV Unterstützung signalisiert.

„Mittlerweile haben alle ein Schild an der Tür“: Patienten mit Corona-Verdacht sollen möglichst nicht in die Praxis kommen. Foto: picture alliance/Bodo Marks/dpa
„Mittlerweile haben alle ein Schild an der Tür“: Patienten mit Corona-Verdacht sollen möglichst nicht in die Praxis kommen. Foto: picture alliance/Bodo Marks/dpa

Abou Lebdi zeigt sich im Gespräch ebenso wie Hausarzt Beckers mit der Informations- und Kommunikationspolitik von KV, Behörden und Krisenstab vor Ort zufrieden. „Vor allem das Gesundheitsamt war von Anfang an interessiert zu hören, was die Kollegen an der Basis umtreibt. Das habe ich durchweg als positiv und hilfreich empfunden“, sagt Abou Lebdi.

Über eine gute Zusammenarbeit vor Ort berichtet auch Dr. med. Michael Berbig, Vorsitzender des Ärztenetzes Kreis Ahrweiler im nördlichen Rheinland-Pfalz. Der Hausarzt, der in Ahrweiler eine Praxisgemeinschaft betreibt, lobt die kollegiale und unbürokratische Zusammenarbeit mit dem örtlichen Gesundheitsamt und auch die hilfreichen Informationen, mit denen insbesondere der Hausärzteverband Rheinland-Pfalz seine Mitglieder ausgestattet habe.

Mit 24 positiv getesteten Coronafällen (Stand: 20. März) ist die Situation in Ahrweiler im Vergleich zu Heinsberg zurzeit noch entspannt. „Aber das ist ja erst der Anfang“, sagt Berbig. Ähnlich wie die Kollegen am Niederrhein haben die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte an der Ahr ihren normalen Praxisbetrieb heruntergefahren, um das Infektionsgeschehen möglichst einzudämmen. Routineuntersuchungen werden abgesagt, Beratungsgespräche am Telefon geführt. „Mittlerweile haben alle ein Schild an der Tür: Verdachtsfälle müssen draußen warten“, sagt Berbig. Auch im Kreis Ahrweiler gebe es inzwischen eine zentrale Abstrichstelle zum Test auf das Coronavirus. „Die kann aber nicht die Patienten aus dem gesamten Kreis bewältigen“, meint Berbig. Seine Praxis teste deshalb auch weiterhin selbst – allerdings nur, weil sie noch über ausreichend Schutzkleidung verfüge. „Ich hatte, Gott sei Dank, gleich zu Beginn der Coronakrise schon einmal Schutzkleidung bestellt“, sagt Berbig. „Aber auch wir sind mengenmäßig nicht für den Katastrophenfall gerüstet.“ Der Mangel an Schutzbrillen und -kitteln, Atemmasken und Desinfektionsmittel sei das Hauptproblem, das die meisten Kollegen drücke und verärgere. „Da fühlen wir uns schon sehr alleingelassen“, sagt Berbig.

Abstimmung per WhatsApp

Um sich untereinander abstimmen zu können, haben die Hausärzte in Ahrweiler inzwischen eine Whats-App-Gruppe gegründet. Ein gemeinsames Vorgehen musste zum Beispiel mit Blick auf die Ausstellung von Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen gefunden werden. Angesichts geschlossener Schulen und Kitas kämen zurzeit viele Eltern in die Praxen, die sich krankschreiben lassen wollten, um zu Hause ihre Kinder zu betreuen. „Wir haben nun noch einmal klargestellt, dass es dafür keine Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung geben kann“, sagt Berbig. Ebensowenig für die Risikopatienten und Menschen in Umgebungsquarantäne.

Und wie ist die Stimmung unter den Kollegen vor Ort? Es wisse ja niemand, wie sich die Infektionszahlen und die Zahl der schweren Erkrankungsfälle entwickeln werden, meint Berbig. „Jeder versucht, das Beste aus der Situation zu machen und den Spagat aus Infektionsmanagement bei Ausrüstungsmangel und der Versorgung der normalen Patienten und chronisch Kranken zu meistern.“

Zehn Millionen Atemmasken

Derweil zeichnet sich beim Mangel an Schutzausrüstung in den Praxen eine Lösung ab. Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) am 19. März mitteilte, sind rund zehn Millionen Atemschutzmasken geliefert worden, die jetzt dezentral über die Kassenärztlichen Vereinigungen vor Ort an Praxen, Testzentren und Bereitschaftspraxen verteilt werden. Auch Desinfektionsmittel sei ausreichend verfügbar. Zum Teil verhinderten allerdings logistische Schwierigkeiten vor Ort eine Abgabe der Mittel. Darüber hinaus habe Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) angekündigt, wirtschaftliche Nachteile von Praxen auszugleichen, deren Betrieb durch COVID-19 eingeschränkt sei, erklärte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen.

Wie wichtig es angesichts der steigenden Fallzahlen bei den Coronainfektionen ist, die ambulante Versorgung aufrechtzuerhalten, betonte Gassens Vorstandskollege Dr. med. Stephan Hofmeister. Könnten die Praxen die Routineversorgung der chronisch Kranken nicht mehr leisten, müsse diese in die Krankenhäuser verlagert werden. Dort benötige man aber alle Ressourcen, um schwer kranke Coronapatienten zu behandeln. Heike Korzilius

Bislang keine vermehrten Lieferengpässe bei Arzneimitteln

Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände kann zurzeit keine durch die Coronakrise verursachten Engpässe in der Arzneimittelversorgung erkennen. Das bestätigte der Verband am 17. März gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Es sei allerdings nicht auszuschließen, dass Auswirkungen der Krise im Laufe des Jahres spürbar würden. Zudem wies die ABDA darauf hin, dass die Herstellung von Desinfektionsmitteln in den Laboren der Apotheken vor Ort gut angelaufen sei.

Wie die ABDA für die niedergelassenen Apotheker sieht auch Prof. Dr. phil. nat. Frank Dörje, Präsident des Bundesverbandes deutscher Krankenhausapotheker, zurzeit keine vermehrten Lieferengpässe bei Arzneimitteln. Seriöse Angaben über die Folgen der Coronapandemie auf die Arzneimittelversorgung seien jedoch erst ab dem 2. Halbjahr möglich. In den Krankenhäusern in Deutschland gehe es zurzeit darum, sich für die Behandlung schwer an COVID-19 erkrankter Patienten zu wappnen. Zwar gebe es derzeit keine dafür zugelassenen Arzneimittel. Aufgrund der Erfahrungen in China bevorrateten sich die Kliniken aber mit den „alten“ Malariamitteln Chloroquin und Hydroxychloroquin sowie mit HIV-Virustatika wie Kaletra, einem Kombinationspräparat aus Lopinavir und Ritonavir.

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