ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2020Corona und die Folgen: Gute Seiten schlechter Zeiten

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Corona und die Folgen: Gute Seiten schlechter Zeiten

Dtsch Arztebl 2020; 117(13): A-629 / B-537

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Schwere Zeiten bringen durchaus wichtige Wahrheiten an den Tag. In ihrer Ansprache zur Coronakrise galt Bundeskanzlerin Angela Merkels ausdrücklicher Dank zuerst denen, die im Gesundheitswesen gegen die COVID-19-Pandemie angetreten sind. Sie meinte Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte, aber auch all diejenigen, die in Zeiten notwendiger Einschränkungen für die Aufrechterhaltung der Versorgung und öffentlichen Ordnung sorgen.

Nicht vergessen werden sollten auch Menschen, die durch ehrenamtliche oder nachbarschaftliche Hilfe ihren Beitrag leisten, entstehende Not zu lindern. Die derzeit laufenden Aufrufe vieler Organisationen an Hilfsbereite – ob Ärzte, Pflegekräfte, Heilhilfsberufe oder auch Medizinstudierende – werden hier sicherlich noch einiges zur Unterstützung beitragen.

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Dem von der Bundeskanzlerin in Worte gefassten symbolischen Schulterklopfen müssen aber jetzt Taten folgen: Überbordende Bürokratie gehört in Zeiten der Krise untergeordnet, niedergelassene Praxen wie auch Krankenhäuser brauchen für das, was jetzt zu tun ist, finanzielle Absicherung. Der Aufbau von Intensivbetten und zusätzlichen Beatmungsplätzen ist so richtig wie wichtig. Das darf aber nicht dazu führen, dass nach erfolgreicher Arbeit die Akteure insolvent zurückbleiben.

Das Aufbegehren der Krankenhäuser gegen die von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn vorgeschlagenen Zahlungen, die in der Notgesetzgebung ursprünglich angeboten wurden, ist insofern keineswegs Schacherei. Angesichts chronischer finanzieller Unterversorgung vieler Krankenhäuser seitens der Bundesländer können die aktuellen Maßnahmen einzelne Kliniken durchaus in den Ruin treiben.

Es ist gut, dass endlich wieder einmal der Expertise folgend Entscheidungen getroffen werden. Trotzdem brauchen die Versorgungseinrichtungen auch pekuniär absichernde Lösungen. Sollte man den zur Zeit noch belobigten Notfallrettern ihren Einsatz später nicht ausreichend ausgleichen, wäre das ein vielleicht folgenschwerer Vertrauensbruch an dieser Gesellschaft.

In Krisenzeiten zeigt sich, wie eine Gesellschaft funktioniert. Die teils radikalen Einschränkungen unseres Alltags werden von den meisten mit viel Vernunft akzeptiert. Das ist ein gutes Zeichen. Mal abgesehen von Windfall-Profiteuren, die den aus der Not resultierenden Mangel an Hilfsmitteln durch Wucherpreise ausnutzen, sind wir da auf einem wohl richtigen Weg. Vielleicht fällt dem Gesetzgeber zur Wucherei mit Atemmasken, Schutzanzügen und Desinfektionsmitteln etwas Wirksames ein.

Ein wichtiger Aspekt ist aber auch, dass jenseits möglicher Niedergangsapologeten aufmerksame Querdenker dazu verhelfen, schlechten Zeiten gute Seiten abzugewinnen. Vieles von dem, was in der Krise funktioniert, wird auch danach nicht mehr verschwinden. In der Versorgung könnte das genauso für die Fernbehandlung wie für die vorübergehend aufgeweichten Krankschreibungsregelungen gelten, aber auch für die hoffentlich durch Lockerung bürokratischer Überforderung wiedererkannte Pragmatik in Teilen der gesundheitlichen Versorgung. Das gilt letztlich auch für die Digitalisierung. Die Diskussionen werden kommen, die dafür notwendigen Argumente werden ausgetauscht.

Zu hoffen bleibt, dass die verantwortlichen Politiker sich später ihrer in der Not gewachsenen Erkenntnisse und Versprechungen erinnern.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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