ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2000Hermine Heusler-Edenhuizen: Entscheidende Erfolge

VARIA: Geschichte der Medizin

Hermine Heusler-Edenhuizen: Entscheidende Erfolge

Dtsch Arztebl 2000; 97(8): A-465 / B-373 / C-353

Schönbohm-Wilke, Wiebke

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die erste in Deutschland ausgebildete Spezialärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe

"In der Beständigkeit liegt das Geheimnis des Erfolgs." Dieser Satz ihrer Lehrerin Helene Lange war auch das Lebensmotto von Hermine Heusler-Edenhuizen (1872 bis 1955). Nach anfänglichen persönlichen Krisen fasste sie ihr berufliches Ziel fest ins Auge und kämpfte unerbittlich für seine Umsetzung. Ergebnis: Die geborene Ostfriesin wurde 1909 die erste in Deutschland ausgebildete Spezialärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.
"Fern von jeglichem Einfluss frauenrechtlicher Ideen bin ich in einem kleinen ostfriesischen Dorf, Pewsum bei Emden, aufgewachsen", schreibt Hermine Heusler-Edenhuizen in ihren Lebenserinnerungen. Nach dem Besuch einer privaten Töchterschule in Emden stagniert ihre Ausbildung. Eigentlich möchte sie Lehrerin werden, kann sich aber nicht gegen die Vorbehalte des Vaters, eines Landarztes, durchsetzen. Zwei Jahre lang kränkelt sie und kommt dann zunächst, wie viele Mädchen ihres Standes, in Pension nach Berlin.
Vorbehalte der Professoren
Ein Jahr später zu Hause wie im "goldenen Käfig" lebend, stürzt sich die 18-Jährige in die Lektüre von Büchern und findet durch Zufall einen Artikel von Helene Lange, der aus Oldenburg stammenden zentralen Figur der deutschen Frauenbewegung. "Wie ein Blitz" schlagen diese Gedanken bei ihr ein. Nun reift ein Plan: In Berlin will Hermine den von Helene Lange angebotenen "Gymnasialkursus für Frauen" besuchen, ein Medizinstudium aufnehmen und Frauenärztin werden. Ein halbes Jahr lang muss die junge Frau um die Zustimmung des Vaters kämpfen. Unter der Leitung von Helene Lange muss Hermine von 1894 bis 1898 hart arbeiten. Bei der Zulassung zur Prüfung gibt es Schwierigkeiten: "Weil sich an das Reifezeugnis konsequenterweise die Erlaubnis zum Universitätsstudium knüpfen musste, gab es große Diskussionen. Die Herren Abgeordneten fürchteten für die Familie, weil sie der Meinung waren, dass die Frau durch geistige Beschäftigung ihre Mutterfähigkeit verliere." Auf mühsame und erniedrigende Weise muss sich Hermine nach erfolgreicher Prüfung im Medizinstudium gegen die Vorbehalte der Professoren und Kommilitonen durchsetzen. "Zu der Zeit, in der dies alles spielte, hielt man die Frau ernsthaft für geistig minderwertig. Nach der Theorie eines Professor Bischof sei ihr Gehirn zu klein und im Gewicht zu leicht, wobei ein Männerhirn als Norm hingestellt wurde", schreibt Hermine HeuslerEdenhuizen. So können sich Frauen 1898 noch nicht immatrikulieren, sondern werden, wenn der jeweilige Professor sein Einverständnis erklärt, nur als Gasthörerinnen geduldet. Im ersten Semester in Berlin mischen sich Hermine und ihre Freundin nur "mit Grausen" unter die 300 Studenten, die mit Pfiffen und Füßescharren gegen ihre Anwesenheit in den Vorlesungen protestieren. Vor allem in Zürich, aber auch in Halle und Bonn, den weiteren Stationen in ihrer Ausbildung, nimmt dann die Zahl der Frauen zu und damit die Taktlosigkeit der männlichen Kommilitonen ab.
1903 wird die junge Frau zusammen mit ihrer Mitabiturientin und Freundin Frida Busch als erste Frau an der Universität Bonn zum Dr. med. promoviert. Nach zwölf Ausbildungsjahren wird die Pewsumerin 1906 die erste etatmäßige Assistentin in Deutschland an der Frauenklinik Bonn. Drei Jahre später lässt sie sich als Spezialärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe zunächst in Köln, dann in Berlin nieder. Hermine Heusler-Edenhuizen merkt rasch, dass viele Frauen froh sind, sich einer Ärztin offenbaren zu können. Dennoch warnen zu dieser Zeit noch viele Haus- und Frauenärzte vor der langsam anwachsenden weiblichen Konkurrenz. Als Argument wird beispielsweise die "Unzurechnungsfähigkeit" der Ärztinnen während der Zeit der Menstruation angeführt. Einsatz für "ihre Frauen"
Nach 1922 ist Hermine Heusler-Edenhuizen vor allem für die höheren Sozialschichten tätig. Auch nach der Heirat mit Dr. med. Otto Heusler im Jahr 1912 und der Adoption von zwei Kindern gibt sie entgegen der damaligen Norm ihren Beruf nicht auf. Beständig setzt sie sich mit großem Einfühlungsvermögen für "ihre Frauen" ein. Beispielsweise propagiert sie die Schwangerschafts- und Rückbildungsgymnastik, praktiziert gegen den "Widerstand des Publikums" die Methode des Frühaufstehens der Wöchnerin und Operierten und erringt entscheidende Erfolge gegen das Kindbettfieber. Später wird sie Gründungsvorsitzende des Deutschen Ärztinnenbundes. Wiebke Schönbohm-Wilke


Hermine Heusler-Edenhuizen: Du mußt es wagen! Lebenserinnerungen der ersten deutschen Frauenärztin, kartoniert, Rowohlt TB, Reinbek, 1999, 14,90 DM

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige