ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2020Thromboseprophylaxe: Nicht evidenzbasiert
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Eine Publikation von Matharu et al. JAMA Intern Med hat für zahlreiche Nachfragen aus der deutschen Ärzteschaft gesorgt. Auch das Koordinationskomitee der AWMF-S3-Leitlinie zur VTE-Prophylaxe wurde mit der Frage konfrontiert, ob man auf die bisher empfohlene Gabe von niedermolekularem Heparin (NMH) zur venösen Thromboembolie-(VTE-)Prophylaxe nach großen orthopädischen Eingriffen verzichten und Acetylsalicylsäure (ASS) verschreiben kann.

Kürzlich erschien auch ein Bericht über diese Meta-Analyse im Deutschen Ärzteblatt, der lediglich die Ergebnisse aus der Publikation zusammenfasst und das Fazit der Autoren wiedergibt: „ASS ist für die verlängerte Thromboseprophylaxe nach Knie- oder Hüftprothesenoperationen vergleichbar effektiv und sicher wie andere Antikoagulanzien.“ Diese Aussage können wir nicht teilen, weil diese Publikation erhebliche Schwächen aufweist, wie zum Beispiel:

  • In einigen RCTs wurde Aspirin nicht als Monoprophylaxe mit einer antikoagulationsbasierten Prophylaxe verglichen. Es wurden Studien eingeschlossen, in denen Aspirin in Kombination mit anderen Methoden mit einer medikamentösen Monoprophylaxe verglichen wurde.
  • Es wurden zwei Studien eingeschlossen, wo Aspirin mit Dextran (keine anerkannte VTE-Prophylaxe) verglichen wurde.
  • Die getesteten Dosierungen von Aspirin schwanken von 81 mg tägl. bis zu 3000 (!) mg tägl. (2x tägl. 1500 mg).
  • Die Fallzahlen einiger Studien sind so niedrig, dass die Ergebnisse aus statistischer Sicht als fragwürdig angesehen werden müssen.
  • Die Erfassung des klinischen Endpunkts ist in den einzelnen Studien unterschiedlich. Es wurden Studien zusammenfasst, wo die Patienten einem objektiven Screening hinsichtlich asymptomatischer tiefer Venenthrombosen unterzogen wurden oder sich ein Verdacht auf ein symptomatisches Ereignis ergab.

Aufgrund unserer inhaltlichen und methodischen Analyse der Publikation von Matharu et al. kommen wir zu dem Schluss, dass diese Meta-Analyse keinen Anlass gibt, die Empfehlungen der evidenzbasierten S3-Leitlinie zu revidieren. Die Aussagen zum Einsatz von ASS zur VTE-Prophylaxe lauten weiterhin: „ASS soll zur VTE-Prophylaxe nur in begründeten Einzelfällen eingesetzt werden. Zugelassene Arzneimittel zur wirksamen medikamentösen VTE-Prophylaxe sind Heparine, Danaparoid, Faktor-Xa-Inhibitoren, Thrombininhibitoren und Vitamin-K-Antagonisten (Kumarine).“

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Eine VTE-Prophylaxe mit ASS ist derzeit nicht evidenzbasiert und verbleibt weiterhin im Bereich des „off label use“.

Prof. Dr. med. A. Encke, 60596 Frankfurt,
Prof. Dr. S. Haas, 81925 München,
Prof. Dr. med. I. Kopp, 35043 Marburg

Literatur bei den Verfassern

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