ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2020Medizinstudium während der Pandemie: Suche nach Lösungen

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Medizinstudium während der Pandemie: Suche nach Lösungen

Dtsch Arztebl 2020; 117(13): A-645 / B-550

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die Medizinstudierenden fordern Politik und zuständige Behörden auf, schnellstmöglich Planungssicherheit für die Durchführung von Staatsexamina und Praktischem Jahr im Medizinstudium zu schaffen. Die Medizinischen Fakultäten stellen sich bereits auf eine Phase der digitalen Lehre ein.

Leer bleiben könnten in diesem Frühjahr möglicherweise die Säle, in denen planmäßig das große schriftliche Examen (M2) am Ende des Medizinstudiums geschrieben werden sollte. Foto: Robert Moore/iStock
Leer bleiben könnten in diesem Frühjahr möglicherweise die Säle, in denen planmäßig das große schriftliche Examen (M2) am Ende des Medizinstudiums geschrieben werden sollte. Foto: Robert Moore/iStock

Während sich nahezu täglich die Bevölkerung auf weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens einstellen muss, zeichnet sich gleichzeitig mehr und mehr ab, wie sehr sich die COVID-19-Pandemie auch auf die Ausbildung von künftigen Ärztinnen und -Ärzte auswirkt. Besonders bemerkenswert ist: Viele Medizinstudierende zeigen eine enorme Einsatzbereitschaft in der Krise und helfen in den verschiedensten Einrichtungen mit, die Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten (Kasten). Mehr als 21 000 Studierende hatten nach Angaben der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) bei Redaktionsschluss am 23. März bereits ihre Bereitschaft zur Hilfe signalisiert.

Generell hat sich der Alltag der Medizinstudierenden mittlerweile komplett verändert: Alle Bundesländer haben den Beginn des Sommersemesters 2020 verschoben beziehungsweise den Lehrbetrieb in Präsenzform eingestellt. Dies betrifft auch den Unterricht am Krankenbett. Wann und ob das Sommersemester starten kann, ist unklar.

Taskforce zum Medizinstudium

Neben der Versorgung von Corona-patienten und der wissenschaftlichen Erforschung des Virus arbeitet die Universitätsmedizin deshalb mit Hochdruck an Lösungsansätzen für eine Sicherstellung der medizinischen Lehre an den Fakultäten. Ziel ist, auch die nächsten Jahrgänge von Ärztinnen und Ärzten unter den gegebenen Umständen möglichst optimal auszubilden. „Wir haben eine Taskforce gegründet und beraten die jeweils anstehenden Schritte“, berichtete Prof. Dr. med. Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT), dem Deutschen Ärzteblatt. Dies erfolge fortlaufend, da angesichts der dynamischen Entwicklung der Pandemie die Empfehlungen nur den jeweils aktuellen Stand abbilden könnten. Die aus 13 bis 15 Dekanen, Studiendekanen sowie Forschungsdekanen verschiedener medizinischer Fakultäten bestehende Taskforce treffe sich deshalb virtuell zweimal wöchentlich.

Bezüglich der anstehenden Prüfungen und Examina steht der MFT in engem Kontakt mit dem Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP). Dieses hat mit den Landesprüfungsämtern ebenfalls eine Taskforce gebildet und eine ausführliche Risiko- und Situationsanalyse durchgeführt: Dabei sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Durchführung der schriftlichen M2-Prüfungen nach Plan zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine enorme Herausforderung darstelle, sagte Prof. Dr. med. Jana Jünger, Direktorin des IMPP, dem Deutschen Ärzteblatt.

Planungssicherheit für Examina

Angesichts einer sich zuspitzenden Pandemiesituation empfehlen IMPP und MFT den zuständigen Ministerien, die 4 600 betroffenen Studierenden nicht länger in Ungewissheit zu lassen und möglichst rasch Lösungen für die Examina zu finden. Aufgrund der aktuellen Gefährdungslage halten sie die Durchführung von schriftlichen Prüfungen in Sälen mit vielen Kandidaten nicht für zumutbar und plädieren vorausschauend dafür, das für Mitte April geplante große schriftliche Examen (M2) auf das Jahr 2021 zu verschieben und die zum M2 bereits zugelassenen Studierenden direkt ins Praktische Jahr (PJ) zu schicken. Sie könnten das M2 dann in einem Jahr mit dem M3 absolvieren – so wie es vor Jahren generell als „Hammerexamen“ üblich war, erklärten sie.

Ferner empfehlen lMPP und MFT eine sichere Durchführung der Ärztlichen Prüfung (M3) in Absprache mit dem jeweiligen Bundesland, den Landesprüfungsämtern und den Einrichtungen. „Die praktische M3-Prüfung als eine schriftliche Abfrage von Wissen durchzuführen, halte ich an dieser Stelle nicht für sinnvoll“, erläuterte Jünger. Stattdessen könnten kleine Gruppen gebildet werden. Denkbar sei, die Examina zu splitten, sodass jeweils nur zwei Prüfer an einem Tag die Kandidaten prüfen.

Kritik an „Hammerexamen-Idee“

Dies sehen die Medizinstudierenden auch so. Indes stößt der Vorschlag, das M2 zu verschieben, bei ihnen auf Widerstand. Sie erkennen an, dass es im Zuge der COVID-19-Pandemie zu massiven Einschränkungen im täglichen Leben komme und dass diese auch die Studierenden betreffen könnten, die für die Staatsexamina lernen. „In der aktuell sehr undurchsichtigen Lage sprechen wir uns aber weiterhin dafür aus, die Examina unter adäquaten Maßnahmen des Infektionsschutzes durchzuführen“, sagte bvmd-Präsidentin Aurica Ritter zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses am 23. März dem Deutschen Ärzteblatt. Die Beurteilung der Machbarkeit der Examina liege außerhalb des Verantwortungs- und Kompetenzbereiches der Studierenden, räumte Ritter ein. „Sofern eine Durchführung der Examina nicht möglich ist, sollten diese entsprechend aktueller internationaler Beispiele ersatzlos erlassen werden“, verwies sie auf die Empfehlungen der bvmd. „Wir sprechen uns auf jeden Fall entschieden gegen die Einführung eines neuen Hammerexamens aus“, sagte sie.

Rückendeckung erhalten die Medizinstudierenden vom Bündnis Junge Ärzte (BJÄ), einem fachgebietsübergreifenden Zusammenschluss von Nachwuchsmedizinern aus 22 Verbänden. Eine Entscheidung, das M2 wenige Wochen vor dem Termin abzusagen, führe zu potenziell demotivierten Studierenden im Praktischen Jahr (PJ). Sie könnten ihre Energie nicht vollends in die Versorgung der Patienten einbringen, sondern müssten den viermonatigen Vorbereitungsprozess im Rahmen ihres PJs erneut beginnen. „Für das BJÄ ist eine Absage der ärztlichen Prüfung nicht nur Ausdruck zu geringer Wertschätzung gegenüber den Strapazen der Prüflinge, sondern auch ein inakzeptables Missverständnis der Bedeutung der Arbeitskraft der Studenten im letzten Jahr vor der ärztlichen Approbation“, erklärte BJÄ-Sprecher Max Tischler. Eine so kurzfristige Verschiebung der Prüfung sei für die jungen Ärzte ein zu simpler, fatalistischer Lösungsansatz ohne Interessensausgleich, bestätigte BJÄ-Sprecherin Mira Faßbach.

Spezifizierungen im Studium

Neue Lösungen sind jetzt auch generell für das Medizinstudium gefragt. „Die Digitalisierung der Lehre wird einen enormen Aufschwung erhalten“, ist MFT-Präsident Frosch überzeugt. Viele Ansätze gebe es bereits. Die Formate würden bisher nur noch nicht in vollem Umfang genutzt. So wurde bereits 2014 das Hochschulforum Digitalisierung als gemeinsame Initiative des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) sowie der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) gegründet. Seine sich derzeit etablierenden Formate könnten das Sommersemester überbrücken, hofft Frosch.

Zudem unterstützten die Fakultäten es, wenn Medizinstudierende während der Pandemie Aufgaben in der Gesundheitsversorgung übernehmen und fragen Hilfsangebote und Qualifikationen ab. „Entsprechend werden pragmatische und differenzierte Lösungen für Lehrveranstaltungen und Ausbildungsabschnitte vorgesehen“, bestätigte der Präsident. Die jeweiligen Tätigkeiten der Medizinstudierenden sollten – entsprechend auch der Forderung der Medizinstudierenden im Marburger Bund – vertraglich geregelt werden.

Studierende, die sich derzeit im Praktischen Jahr (PJ) in den Unikliniken oder den Lehrkrankenhäusern und Praxen befinden, sollten ihre PJ-Abschnitte wie vorgesehen abschließen. „Von einer Aussetzung des PJ sollte abgesehen werden“, sagte der MFT-Präsident. Stattdessen sollten die Studierenden dem Bedarf entsprechend in Kliniken, Praxen oder im Öffentlichen Gesundheitsdienst eingesetzt werden.

Die Taskforce der Hochschulmedizin fordert zudem, dass Einsätze von Studierenden großzügig – beispielsweise als Famulaturen oder Wahlfächer – von den Ämtern anerkannt werden sollten, auch wenn sie von den Vorgaben der geltenden Approbationsordnung abweichen würden. Ferner sollten Famulaturen im Bereich des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) und der Labordiagnostik möglich sein. „Vielleicht hat dies zudem den günstigen Nebeneffekt, dass Medizinstudierende durch Kennenlernen der Aufgaben und Tätigkeiten des ÖGD mehr Interesse an diesem wichtigen Fachgebiet bekommen“, sagte Frosch dem .

Nach Ansicht des MFT-Präsidenten sollten die Landesprüfungsämter zudem den Sorgen der Studierenden bezüglich der Fehlzeitenregelung im PJ Rechnung tragen: Wenn PJ-Studierende Symptome einer COVID-19-Infektion zeigten, wenn sie wegen des Kontakts zu Patienten mit COVID-19-Infektion in Quarantäne müssten oder zur Betreuung ihrer Kinder zu Hause bleiben müssten, sollte es flexible Regelungen bei der Anerkennung des PJ-Abschnitts geben, fordert die Hochschulmedizin. Auch begonnene Famulaturen, die wegen der Pandemie früher abgebrochen werden müssten, sollten anerkannt werden. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Neu am Start: match4healthcare

Die bundesweit einheitliche, berufsgruppenübergreifende Plattform match4healthcare geht dieser Tage an den Start und entlastet das Gesundheitswesen während der COVID-19-Pandemie durch eine zielgerichtete Vermittlung von freiwilligen Helfern. Sie ist einen gemeinsames Projekt der Initiative Medis-vs-COVID19 und der Bundesvertretung Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) und wird vom Hackathon „Wir-vs-Virus“ der Bundesregierung und der Bundes­ärzte­kammer unterstützt:

https://www.medis-vs-covid19.de/match4healthcare

Zudem kooperiert die bvmd mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) und entwickelte die Freiwilligenbörse „Medis4ÖGD“, die Studierende mit Gesundheitsämtern in Kontakt bringt. Engagieren können sich Studierende auch beim Patientenservice 116117 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (medstud@kbv.de).

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