ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2020Strahlentherapie bei soliden Tumoren: Bestrahlung mit Protonen verträglicher als mit Photonen und vergleichbar effektiv

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Strahlentherapie bei soliden Tumoren: Bestrahlung mit Protonen verträglicher als mit Photonen und vergleichbar effektiv

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: picture alliance/BSIP
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Die Radiochemotherapie ist bei vielen lokal fortgeschrittenen Tumoren Standard, zum Beispiel Kopf-Hals-Tumoren, ZNS-Tumoren, Lungenkarzinomen oder Tumoren des Gastrointestinaltrakts. Die Intention der Behandlung ist im Allgemeinen die Heilung. Klinisch relevante unerwünschte Effekte sind jedoch vergleichsweise häufig, zum Beispiel Mukositis im Mund-Rachen-Raum, Übelkeit, Erbrechen und strahleninduzierte Lungenschädigungen. Bestrahlungen mit Photonen in Form der intensitätsmodulierten Radiotherapie (IMRT) oder der 3-dimensionalen konformalen Bestrahlung sind Standard, die aufwendigere Protonenbestrahlung ist wenig verbreitet. In der Analyse einer großen US-amerikanischen Kohorte sind Effektivität und Nebenwirkungen von Protonen und Photonen verglichen worden.

1 483 erwachsene Patienten mit lokal fortgeschrittenen, nicht metastasierten soliden Tumoren, die zwischen Januar 2011 und Dezember 2016 an der Universitätsklinik St. Louis mit Photonen (n = 1 092) oder Protonen (n = 391) bestrahlt wurden und Zytostatika erhielten, wurden eingeschlossen. Entitäten waren Kopf-Hals- und ZNS-Tumoren, Lungen-, Ösophagus-, Rektum- und Pankreaskarzinome. Primärer Endpunkt waren die 90-Tages-Morbidität und -Mortalität.

Die mit Protonen bestrahlte Kohorte waren durchschnittlich 3 Jahre älter als die mit Photonen therapierte (63,3 Jahre vs. 60,2 Jahre) und hatte durchschnittlich mehr Komorbiditäten. Bei der Protonentherapie war die durchschnittliche Strahlenbelastung von Gewebe außerhalb des Zielvolumens signifikant geringer als bei der Bestrahlung mit Photonen (p < 0,01). Das Risiko für unerwünschte Effekte von ≥ Grad 3 bis Tag 90 (Frühreaktionen) war bei der Protonen-Radiochemotherapie um 69 % reduziert im Vergleich zur Photonen-Chemoradiotherapie (p = 0,002). Unterschiede im krankheitsfreien Überleben oder im Gesamtüberleben gab es dagegen nicht.

Fazit: „Die Studie unterstreicht einen wichtigen Aspekt der Radiotherapie mit Protonenstrahlen: Die reduzierte Integraldosis im Normalgewebe führt insgesamt zu einer besseren Verträglichkeit, vor allem bei der Kombination mit Chemotherapie und bei Komorbiditäten des Patienten“, kommentiert Prof. Dr. rer. nat. Oliver Jäkel, Leiter der Abteilung Medizinische Physik in der Strahlentherapie am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg und der Medizinphysik am Heidelberger Ionenstrahltherapiezentrum (HIT). „Die allgemein verbesserte Verträglichkeit der Partikeltherapie zeigt sich auch bei den am HIT behandelten Patienten durchgängig. Dies ist insbesondere bei pädiatrischen Patienten ein unumstrittener Vorteil und bei komplexen, radioresistenten Tumoren, etwa an der Schädelbasis, wo durch Dosiseskalation hervorragende Ergebnisse erzielt werden.“

Auch bei Kopf-Hals-Tumoren könne die gezielte Schonung der Risikoorgane sehr erfolgreich umgesetzt werden. „Im Gegensatz zu den USA wird die Partikeltherapie am HIT sehr viel systematischer in klinischen Studien angewendet, sodass die Entscheidung über den Einsatz nach klinischen Erwägungen erfolgt und nicht – wie in der vorliegenden Arbeit – durch die Kran­ken­ver­siche­rung“, so Jäkel. „In diesen Studien kann auch der Einfluss weiterer Faktoren kontrolliert werden, wie sie in der sehr heterogenen Patientengruppe der Publikation vorliegen.“ In Heidelberg können Patienten sowohl mit konventionellen Verfahren als auch mit Protonen und Kohlenstoffionen bestrahlt werden.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Baumann BC, Mitra N, Harton JG, et al.: Comparative effectiveness of proton vs photon therapy as part of concurrent chemoradiotherapy for locally advanced cancer. JAMA Oncol 2019; doi: 10.1001/jamaoncol.2019.4889.

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