ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2020Von schräg unten: Arbeitsplatzbeschreibung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Arbeitsplatzbeschreibung

Böhmeke, Thomas

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Meine Fachangestelltin platzt während der Pause in mein Sprechzimmer. „Hier, werfen Sie doch mal einen Blick auf meine Arbeitsplatzbeschreibung!“ Ich mustere den vorgelegten Ausdruck. „Ich bin in der Lage, gleichzeitig Rezepte für drei Personen auszudrucken, Überweisungen zu fünf verschiedenen Fachärzten zu machen und 15 eingehende Telefongespräche anzunehmen.“ Hm. Sagen wir mal, zu entspannten Sprechzeiten, wenn es trubelig wird, geht noch mehr. „Ich habe magische Fähigkeiten und kann Termine bei ausgebuchten Fachärzten und in vollen Krankenhäusern ausmachen.“ Das sind doch Prüfungsinhalte im ersten Ausbildungsjahr, wenn ich mich nicht irre, oder? „Ich weiß auch, dass Sie, wenn Sie eine Überweisung zum Chirurgen bestellt haben, in Wirklichkeit zum Urologen wollen und kann Tabletten anhand ihrer Beschreibung und Farbe erkennen.“ Dem ist wahrlich nichts hinzuzufügen, das muss schließlich so sein. „Ich bin verantwortlich für die Preise in den Apotheken, die Wartezeiten und das Gesundheitssystem.“ Ja, wer denn sonst?! „Ich kann schauspielern, singen, tanzen und den Drucker reparieren.“

In der Tat eine vollumfängliche, detailgetreue, schnörkellose Beschreibung ihrer Tätigkeit als medizinische Fachangestelltin. Wo hat sie das her? „Aus dem Internet, ich weiß nicht, wer das geschrieben hat.“ Unzweifelhaft ein sehr kluger und kenntnisreicher Mensch, der die tägliche Arbeit in der Praxis in all ihren Details zutiefst durchdrungen hat. „Ha! Da können Sie nicht mithalten, oder?!“

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Nein, ich scheitere schon am Drucker. Von den anderen Fähigkeiten ganz zu schweigen. Aber von mir werden ganz andere Kenntnisse verlangt. „Soso. Welche denn?“ Ich muss sämtliche kardiologische Krankenakten aller Kliniken auswendig im Kopf haben. „Sie wollen mich veräppeln!“ Nein, will ich nicht. Vor einiger Zeit wurde ein neuer Patient vorstellig, der laut Anamnesebogen keine kardiale Vorerkrankung hatte, keine Medikamente einnehmen würde und auch niemals in einer kardiologischen Klinik war. Auf meine freundliche Frage, was ihn denn zu mir führen würde, raunzte er mich nur an: „Das müssen Sie doch wissen!“ Nachdem ich auf Nachfragen nach Vorerkrankungen und Beschwerden immer nur die gleiche „Das-müssen-Sie-doch-wissen!“-Antwort erhielt, dachte ich mir, dass vielleicht die körperliche Untersuchung ein bisschen Aufschluss über den Grund seines Besuches bei mir geben würde.

„Und dann kam die Überraschung!“ Das können Sie laut sagen. Nachdem er sein Hemd geöffnet hatte, kam eine klassische kardiochirurgische Sternotomienarbe zum Vorschein. „Nein!“ Doch! Des Rätsels Lösung war folgende: Der gute Mann war herztransplantiert und ging ganz selbstverständlich davon aus, dass sämtliche Kardiologen in Deutschland über all seine Befunde im Detail Bescheid wüssten. „Und warum kam er dann?“ Seine Immunsuppressiva waren aufgebraucht und er brauchte ganz dringend ein Rezept. „Und konnte er Ihnen sagen, welche Medikamente er überhaupt benötigte?“ Natürlich nicht. Er meinte, ich müsste das doch wissen. „Herr Doktor, wir sitzen im gleichen Boot.“ So ist es.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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