ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2020Coronakrise: Zeit ist Leben

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Coronakrise: Zeit ist Leben

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Vergangenen Samstag in Berlin: 17 Grad, Frühlingssonne. Straßen und Parks füllen sich mit Spaziergängern, die sich zumeist allein oder zu zweit bewegen. Leider sieht man auch die Unverbesserlichen, die von den kontrollierenden Polizeikräften zurechtgewiesen werden. Die Frühlingsstimmung verleitet noch viele dazu, die Virusgefahr zu unterschätzen. Sie ist im Bewusstsein eines jeden Einzelnen noch nicht angekommen. Dabei werden aus Italien und Spanien mehr als 800 Todesopfer am Tag gemeldet. In Deutschland dagegen ist die Zahl der Verstorbenen im europäischen Vergleich noch geringer. Es werden sogar Intensivpatienten aus Frankreich und Italien aufgenommen.

All dies führt dazu, dass die Forderungen nach einer Lockerung der Beschränkungen immer lauter werden. Und das ist gefährlich. Denn die Einschränkungen verschaffen das, was jetzt am wichtigsten ist: Zeit. Zeit, um die Krankenhäuser vorzubereiten, die Forschung voranzutreiben, Schutzausrüstungen zu beschaffen, Beatmungsgeräte zu produzieren und Testkapazitäten zu erhöhen. Zeit ist Leben. In den USA, wo sich nach Trumps anfänglicher Ignoranz die Situation immer dramatischer entwickelt, kann man verfolgen, was passiert, wenn dieses Gut „Zeit“ verschwendet wird. Die deutschen Krankenhäuser dagegen können noch Vorkehrungen für den „Sturm“ treffen, der Südeuropa längst erreicht hat. Daher gilt es, die Zeit der Kontaktsperre durchzuhalten. Eine Exitstrategie ist dennoch notwendig, denn ein andauerndes Auf und Zu wäre für Gesellschaft und Wirtschaft fatal. Auf jeden Fall muss eine Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes folgen, das das Kontaktpersonenmanagement regelt.

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Ebenso notwendig ist eine klare Kommunikation von Politik und Wissenschaft. So hat die Regierung gut daran getan, die Dauer der Einschränkungen bis zum 20. April festzulegen. Die Wissenschaft hat mit dem Virologen der Charité, Prof. Dr. med. Christian Drosten, und dem Chef des Robert Koch-Institut, Prof. Dr. Lothar Wieler, zwei Protagonisten, die offen, unaufgeregt und sachlich die Bevölkerung informieren. Sie scheuen sich auch nicht, Fehleinschätzungen einzuräumen oder gar Unwissenheit, wie es Drosten auf Fragen getan hat. Die Wissenschaft lebt von der Offenheit. Und gute Wissenschaft braucht ebenfalls Zeit. Das sollte man auch vielen Medien klarmachen, die oft vorschnell Heilmittel in die Welt setzen, während Wissenschaftler noch forschen. Auf der anderen Seite reagiert die Fachwelt durchaus schnell, wie zum Beispiel mit dem Aufbau eines Registers der freien Beatmungsplätze oder eines europäischen Fallregisters von COVID-19-Patienten. Die Stärke der Wissenschaft ist der offene Austausch, wie Drosten bei einer Pressekonferenz sagte. Es herrsche eine sehr hohe Transparenz: von den Großforschungsinstituten über die Universitätsmedizin bis hin zu kleinen Krankenhäusern und damit der Versorgung vor Ort. Dazu gehörten auch die kollegialen Netzwerke. Man könne einfach anrufen, um zu fragen: „Wie macht ihr das eigentlich?“, erläuterte der Virologe. Dies sei für ihn auch ein Grund für die derzeit verhältnismäßig niedrigen Todeszahlen in Deutschland. Wissenschaft und Politik können kein Patentrezept haben, alles andere wäre unseriös. Auch wenn Deutschland verzögert mit seinen Maßnahmen gestartet ist, was RKI-Chef Wieler jetzt viel Kritik einbringt, so hat er Recht, wenn er sagt: Es ist nicht Zeit für Dilettanten, es ist Zeit für Profis. Und da ist Deutschland trotz aller berechtigter Kritik in Forschung und Praxis gut aufgestellt.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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Christian Leppla-Zei
am Dienstag, 31. März 2020, 19:00

Datentransparenz RKI

Vor ein paar Tagen hat das Multipolar Magazin beim RKI nachgehakt, ob denn bei der Beschreibung der Fallzahlen/Woche auch Daten zur Anzahl der Testungen/Woche gemacht werden können. Nach ein paar Tagen und erneutem Nachfragen gab es eine Antwort. Hierzu ein Textausschnitt:

Auf Seite 6 des Lageberichts findet sich eine Tabelle zur Anzahl der Tests in den Kalenderwochen 11 und 12 – das entspricht dem Zeitraum vom 9.3. bis zum 22.3. Daraus ist ersichtlich, dass in KW 11 fast 8.000 Personen in Deutschland positiv getestet wurden, in KW 12 fast drei mal so viel, knapp 24.000. Diese Zahlen sind aus den Medien bereits bekannt.

Was man bislang nicht wusste: Die Anzahl der durchgeführten Tests in Deutschland betrug in KW 11 knapp 130.000, in KW 12 aber fast 350.000. Nicht nur die Zahl der positiv getesteten Fälle hat sich also ungefähr verdreifacht, sondern auch die Menge der Tests. Die tatsächliche Steigerung der Fälle, bezogen auf die Anzahl der Tests, beträgt lediglich einen (!) Prozentpunkt: In Kalenderwoche 11 wurden knapp 6 % der Untersuchten positiv getestet, in KW 12 hingegen 7 %.

Ohne diesen Kontext erscheint es, dass die postiv gestesteten Fälle von 8000 KW 11 auf 24.000 in KW 12 einen dramatischen Zuwachs bedeuten, was erstmal dramatisch wirkt. Unter Anbetracht der verstärkten Testung in KW 12(350.000 zu 130.000 in KW 11), wurden nur 1% mehr postive Fälle dokumentiert.

Dieser Fakt wurde bei der Pressekonferenz nicht erwähnt - das wäre aber wichtig gewesen, um ein realistisches Bild anzugeben...

VG Christian Leppla-Zei
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