ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2020Biogeografische Herkunft nicht eindeutig bestimmbar
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Natürlich wäre eine Gesellschaft wünschenswert, in der die biogeografische Herkunft so wenig eine Rolle spielt, dass sie für Fahndungszwecke gar nicht nutzbar wäre – aber das ist utopisch. Fahndung und Kriminalistik leben davon, dass Menschen unterschiedlich sind und aussehen. Wenn zum Beispiel Fahnder in den USA wissen wollen, ob ein Gesuchter „schwarz“ oder „weiß“ ist (1), dann ist ihnen daraus kaum ein Vorwurf zu machen – sie können nicht besser sein als die Gesellschaft, in der sie fahnden.

Die Autoren behaupten, die von ihnen untersuchte biogeografische Herkunft beschreibe „allein die geografischen Regionen, aus denen die biologischen Vorfahren einer Person stammen“, und grenzen dies verständlicherweise von Begriffen wie „Ethnie“ oder „Rasse“ ab (2). Damit umgehen sie vermeintlich das klassische Problem jeder Definition von Untergruppen der Menschheit, nämlich die Abgrenzung dieser Gruppen aufgrund bestimmter gemeinsamer Merkmale. Geografische Regionen hingegen lassen sich ohne Ansehen der Personen definieren, so die Unterstellung. Es bleibt aber das Problem, dass Menschen und Völker nicht an Orten festkleben. Wen schließt man also in eine geografisch definierte Gruppe ein? Die Autoren beschränken das an zwei Stellen auf die „autochthone“, also wörtlich die „bodenständige“ Bevölkerung. Aber ab wie vielen Generationen Sesshaftigkeit gilt jemand als autochthon?

Wenn per DNA eine geografische Zuordnung erfolgen soll, ist die entscheidende Frage, wie die Vergleichsgruppe definiert wurde. Hat man zum Beispiel einen Menschen mit dunklerer Hautfarbe aus einer europäischen Gruppe ausgeschlossen, auch wenn seine Vorfahren seit drei Generationen in Europa leben? Und wenn ja, nach welchen Kriterien? Es wäre wichtig, diese Kriterien offenzulegen. Eine objektive und vorurteilsfreie Einteilung nach Geografie gibt es einfach nicht (3).

DOI: 10.3238/arztebl.2020.0269a

Prof. Dr. med. Andreas Winkelmann

MSc. Medical Anthropology

Institut für Anatomie

Medizinische Hochschule Brandenburg – Theodor Fontane

Neuruppin

andreas.winkelmann@mhb-fontane.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Sauer NJ: Forensic anthropology and the concept of race: If races don‘t exist, why are forensic anthropologists so good at identifying them? Soc Sci Med 1992; 34: 107–11 92)90086-6">CrossRef
2.
Schneider PM, Prainack B, Kayser M: The use of forensic DNA phenotyping in predicting appearance and biogeographic ancestry. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 873–80 VOLLTEXT
3.
Gannett L: Biogeographical ancestry and race. Stud Hist Philos Biol Biomed Sci 2014; 47 Pt A: 173–84 CrossRef MEDLINE
1.Sauer NJ: Forensic anthropology and the concept of race: If races don‘t exist, why are forensic anthropologists so good at identifying them? Soc Sci Med 1992; 34: 107–11 CrossRef
2.Schneider PM, Prainack B, Kayser M: The use of forensic DNA phenotyping in predicting appearance and biogeographic ancestry. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 873–80 VOLLTEXT
3.Gannett L: Biogeographical ancestry and race. Stud Hist Philos Biol Biomed Sci 2014; 47 Pt A: 173–84 CrossRef MEDLINE

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