ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2020Pandemie: Eine schnöde Drucksache

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Pandemie: Eine schnöde Drucksache

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Hätte man auf solch eine Pandemie, wie sie derzeit die Welt heimsucht, vorbereitet sein können? Sicher nicht umfassend. Bei strukturellen Problemen dagegen, wie beim erschreckenden Mangel an Schutzausrüstungen, sicher besser (Seite 752). Man könnte beschwichtigend argumentieren, es sei schließlich eine Pandemie ungeheuren Ausmaßes, da kann man kaum vorbereitet sein. Ja, könnte. Wenn es nicht den „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ gäbe. Diese Drucksache (17/12051) des Deutschen Bundestages stammt vom 3. Januar 2013. Sie erreichte die Bundestagsabgeordneten, Ministerien und die Länder. Das Papier aus dem Bundesinnenministerium enthält das Szenario „Pandemie durch Virus Modi-Sars“. Beschrieben wird ein außergewöhnliches Seuchengeschehen, das auf der „Verbreitung eines neuartigen Erregers basiert“. Dafür habe man einen hypothetischen, aber durchaus mit realistischen Eigenschaften versehenen Erreger „Modi-SARS“ zugrunde gelegt, da bereits 2003 die natürliche Variante unterschiedliche Gesundheitssysteme an ihre Grenzen gebracht habe. Die fachliche Federführung der Analyse hatte das Robert Koch-Institut.

Die weitere Lektüre ist unheimlich. Man schaut mehrfach ungläubig auf das Datum, das sieben Jahre zurückliegt. Denn die Ähnlichkeiten mit der Coronakrise sind verblüffend: Ein neues Virus verbreitet sich weltweit von einem Markt in Asien. Erst einige Wochen später wird die Dimension erkannt, als die Krankheit nach Europa kommt. Als Symptome werden trockener Husten, Fieber, Schüttelfrost und Atemnot genannt. Die besonderen Risikogruppen seien ältere Menschen. Gegenmaßnahmen sollten der Analyse zufolge Schulschließungen, Absage von Großveranstaltungen, Isolierung Kranker, Quarantäne von Kontaktpersonen und die Verlangsamung des öffentlichen Lebens sein. Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit könnten eingeschränkt werden. Die medizinische Versorgung bricht dem Bericht zufolge angesichts von sechs Millionen Erkrankten zusammen. Es entstehen Engpässe bei Arzneimitteln, Medizinprodukten, persönlichen Schutzausrüstungen und Desinfektionsmitteln. Die weiteren genannten Konsequenzen bleiben bei der derzeitigen Sachlage hoffentlich ein Schreckensszenario: Die Pandemie dauert drei Jahre und fordert 7,5 Millionen Tote in Deutschland. Mit diesem Drehbuch einer Pandemieentwicklung sollte man eigentlich vorbereitet sein. Dass gerade Schutzausrüstung in ausreichendem Maß vorhanden sein muss, wird mehrfach betont. Die aktuelle Situation sieht aus, als hätte niemand die Drucksache genau gelesen. Täglich wächst die Verzweiflung derjenigen, die sich um Infizierte kümmern – in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Arztpraxen. Dass im Falle von Personalmangel nun noch die Quarantäneregeln für medizinisches Personal gelockert wurden, demotiviert zusätzlich. Quarantäneregeln erster und zweiter Klasse, sagen manche. Demotiviert werden die Ärzte auch in Bayern, wo ohne Not Versorgungsärzte statt der Kassenärztlichen Vereinigung das Ruder übernehmen können. In Nordrhein-Westfalen wird zurzeit über ein ähnliches Gesetzesvorhaben diskutiert (Seite 751). All das zeugt nicht von Vertrauen und Respekt für die Agierenden.

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Zu den vulnerablen Personengruppen zählen nicht nur Ältere und chronisch Kranke, sondern genauso diejenigen, die die medizinische Versorgung in Krisenzeiten gewährleisten. Auf einen wandelbaren Virus kann man nur bedingt vorbereitet sein. Darauf, ausreichend Schutzausrüstung vorzuhalten, schon. Da reicht die Lektüre einer schnöden Drucksache.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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Avatar #805968
hawieso
am Samstag, 11. April 2020, 00:20

Pandemie: Eine schnöde Drucksache

Wer wäre denn eigentlich für die Umsetzung des "Berichts zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz" verantwortlich gewesen?
Anna Hauck
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