ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2020Keuchhusten-Impfung: Pertussis ist keine Kinderkrankheit

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Keuchhusten-Impfung: Pertussis ist keine Kinderkrankheit

Schlenger, Ralf

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Viel Erwachsene wissen nicht, dass man an Keuchhusten mehrfach im Leben erkranken kann: nach durchgemachter Infektion wie auch nach der Impfung. Dass nur jede/r Dritte in Deutschland eine Auffrischimpfung erhält, kann ältere Personen und Säuglinge gefährden.

Die COVID-19-Pandemie rückt andere Erkrankungen in den Hintergrund. Auch Atemwegserkrankungen wie Pertussis, die das Infektionsrisiko mit dem neuen Coronavirus erhöhen können. Jährlich zählt das Robert Koch-Institut im Median 13 000 Pertussis-Fälle, bei einer vermutlich hohen Dunkelziffer. Die Fallzahlen weisen alle 2 – 3 Jahre epidemische Spitzen auf, zuletzt 2014 (12 000 Fälle) und 2017 (> 16 000).

Die Pertussis-Inzidenz ist mit rund 52 Erkrankten/100 000 bei Säuglingen unter einem Jahr am höchsten. Aber entsprechend dem Wandel in der Alterspyramide sind Jugendliche und Erwachsene zunehmend häufiger betroffen. Zwei Drittel aller Erkrankten sind heute Erwachsene. „Die Erkrankung wird bei Erwachsenen stark unterschätzt, weil sie als Kinderkrankheit gilt“, sagte Dr. med. Markus Frühwein, Allgemeinarzt und Infektiologe in München, bei einer Veranstaltung von GSK in München. „Die Patienten gehen erst mal von einer Erkältung aus. Erst wenn die Symptome länger anhalten und schlimmer werden, erscheinen sie beim Arzt.“

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Wochenlange Hustenattacken

Bordetella pertussis ist hoch kontagiös (KI 0,8–1,0) und wird ganzjährig durch Tröpfcheninfektion übertragen. Nach 9 – 10 Tagen (Spanne: 7–21) kommt es zu „Erkältungssymptomen“ über ein bis 2 Wochen (Stadium catarrhale). Diesen folgen typischerweise die wochenlang persistierenden, anfallsartigen Hustenattacken mit inspiratorischem Stridor (Keuchen) (Stadium convulsivum).

„Anders als bei Kindern fehlt bei ansonsten gesunden Erwachsenen oft das typische Keuchen, auch Erbrechen als Folge des Husten ist seltener als bei Kindern, Fieber tritt insgesamt selten auf“, führte Frühwein aus. So wird Pertussis häufig nicht erkannt oder fehldiagnostiziert. 4 von 10 Patienten erleiden Komplikationen, allen voran Pneumonien. Etwa jeder 10. ältere Patient wird aufgrund von Pertussis hospitalisiert.
Unabhängig vom Impfstatus sollte eine Labordiagnostik durchgeführt werden bei

  • Kontakt zu einem bestätigten Keuchhustenfall,
  • Husten länger als 14 Tage,
  • Hustenattacken, inspiratorischem Stridor oder Erbrechen,
  • Säuglingen und Kleinkindern mit respiratorischer Symptomatik bzw. Apnoen.

Aus dem tiefen Nasopharyngeal-abstrich lässt sich B. pertussis mittels PCR schnell und sensitiv nachweisen; die Kultur benötigt mehrere Tage. Mittel der Wahl zur Eradizierung von B. pertussis im Nasenrachenraum sind Makrolide (Erythromycin, Azithromycin und Clarithromycin), alternativ Cotrimoxazol ab dem Alter von 2 Monaten. Penicilline und Cephalosporine eignen sich nicht. Therapeutisch ist eine Antibiose nur vor dem Beginn des Hustens oder in den ersten ein bis 2 Wochen sinnvoll, betonte Frühwein. Sie kann jedoch für die Unterbrechung der Infektionsketten von erheblicher Bedeutung sein. Die symptomatische Therapie kann mit Antitussiva, Expektoranzien, Analgetika und Inhalationen erfolgen.

Viele Erkrankungen Älterer könnten durch Booster-Impfung verhindert werden. Seit 2009 empfiehlt die STIKO, die Pertussisimpfung in Kombination mit der nächsten fälligen Tetanus- und Diphtherieimpfung (Tdap) durchzuführen. Mit begrenztem Erfolg: Die Tdap-Standardimpfung erreichte 2007– 2016 eine Impfquote von nur 32,4 % (51 % im Osten, 28 % im Westen). Im gleichen Zeitraum wurden bundesweit 54 % der Erwachsenen gegen Tetanus geimpft – was zeigt, dass die Chance der Boosterung gegen Pertussis durch Tdap-Impfung bei einem Großteil der Bevölkerung verpasst wird. Die Empfehlung für den Tdap-Impfstoff gilt auch bei einer im Verletzungsfall gebotenen Tetanusimpfung. Alle zehn Jahre sollten zusätzlich geimpft werden

  • Frauen im gebärfähigen Alter,
  • Kontaktpersonen und Betreuende eines Neugeborenen sowie
  • alle im Gesundheitsdienst oder Gemeinschaftseinrichtungen Tätigen.

Nur für 5–7 Jahre geschützt

Die Auffrischimpfung bei Jugendlichen, Erwachsenen und Risikogruppen erscheint umso dringlicher, als der Impfschutz nach aktuellen Daten nur 5–7 Jahre sicher anhält. Schon während dieser Zeitspanne ist die Kolonisierung im Nasopharynx durch B. pertussis im Vergleich zu Ungeimpften nur leicht verringert, so die STIKO. Dies kann ungeimpfte Säuglinge gefährden.

Vor diesem Hintergrund plant der Impfstoffhersteller GSK, voraussichtlich im Laufe des Jahre 2020 eine Aufklärungskampagne zu Keuchhusten in TV- und Printmedien zu starten. Sie soll sich gezielt an ältere Erwachsene richten. Für Ärzte stehen Informationsmaterialien für Patienten, Wartezimmerposter, Thekenaufsteller und weiteres Material zur Verfügung. Ralf Schlenger

Quelle: Fachpressekonferenz, „Keuchhusten ist keine Kinderkrankheit – GSK intensiviert Aufklärung“ veranstaltet von GSK GmbH & Co. KG, München, 6. März 2020.

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