ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2020E-Health und Gender-Bias: Kritischere Studentinnen
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Wenn die digitale Medizin geschlechtssensible Aspekte realistisch berücksichtigen will, dann hat das bereits im Medizinstudium zu beginnen. Denn Studentinnen stufen dort das präsentierte Wissen kritischer ein als Studenten. Das prägt später ärztliches Denken und Handeln sowie weniger Interesse an Kliniktätigkeit nach Facharztausbildung.

Dazu Ergebnisse einer Dissertation, die der Autor am Universitätsklinikum Ulm betreute: Die Erhebung erfasste 450 Medizinstudierende im klinischen Semester. Die Compliance betrug 90 %. Die Auswertung nach Chi-Quadrat-Methode er-gab signifikante Gender-Unterschiede bei 64 % Frauen zu 36 % Männern.

Frauen erlebten das Studium seltener positiv als Männer (12 % zu 18 %). Sie waren weniger mit ihren Studienleistungen zufrieden (33 % zu 43 % ) und stuften seltener den Studienverlauf als zufriedenstellend ein (23 % zu 30 %). Den Kompetenzerwerb für spätere klinische Tätigkeit beurteilten sie seltener zufriedenstellend als Männer (23 % zu 30 %). Von vermittelten Strategien für Stressbewältigung im Studium berichteten Frauen seltener (13 % zu 44 %). Am Ende eines Universitätstages fühlten sich Frauen doppelt so oft „verbraucht“ als Männer (20% zu 11%).

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Fazit: Studentinnen haben anspruchsvollere Vorstellungen vom Medizinstudium. Sie sind selbstkritischer bezogen auf den Studienverlauf. Demgegenüber stehen jahrelange Prüfungserfahrungen des Autors. Frauen hatten bessere klinische Kenntnisse bei mündlichen Abschluss- Examensprüfungen.

Will digitale Medizin nur Mittelmaß, dann reichen Ergebnisse bisheriger männlich dominierter Lehre. Wird Qualität auf höherem Niveau angestrebt, dann sind Frauen mehr einzubeziehen, insbesondere in der Lehre. Eine technokratisch ausgerichtete digitale Medizin ist für angehende Ärztinnen mehrheitlich keine Option – und Klinikärztemangel bleibt so bestehen.

Prof. Dr. med. Dipl. Psych. J. M. Wenderlein, 80975 Ulm

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