ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2020Strukturreform der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung: Patientenspektrum nicht anders

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Strukturreform der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung: Patientenspektrum nicht anders

Bühring, Petra

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Die Reform der Psychotherapie hat den Zugang zu Psychotherapeuten erleichtert. Auf eine Richtlinientherapie müssen Patienten, nach einem Report der Barmer, doch noch relativ lange warten. Gruppentherapien könnten eine Lösung sein, findet die Kasse – im Gegensatz zu den Therapeuten.

Die Strukturreform der ambulanten Psychotherapie zum 1. April 2017 hat zwar den Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung erleichtert. Die Wartezeiten auf einen Richtlinienpsychotherapieplatz sind aber immer noch zu lang. Das ist ein Ergebnis des Arztreports 2020 der Barmer, den die Krankenkasse Anfang März in Berlin vorgestellt hat. Danach muss jeder dritte Patient nach dem Besuch einer psychotherapeutischen Sprechstunde immer noch mindestens einen Monat und jeder zehnte Patient mehr als drei Monate auf eine Richtlinienpsychotherapie warten. Ein Lösungsansatz, um die Wartezeiten weiter zu verkürzen, könnte nach Ansicht der Barmer das vermehrte Angebot von Gruppentherapien sein – knapp 95 Prozent der Psychotherapien sind dem Arztreport zufolge Einzeltherapien. Die Barmer appellierte an die Berufsverbände, bei ihren Mitgliedern vermehrt für diese Therapieform zu werben – die medizinische Notwendigkeit vorausgesetzt.

Schwerpunktpraxen für Gruppe

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Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) nannte einen Ausbau der ambulanten gruppenpsychotherapeutischen Angebote ebenfalls „wünschenswert“. Jedoch verfügten die meisten Praxen weder über passende Räume noch über die nötige Anzahl geeigneter Patienten, so BPtK-Präsident Dr. rer. nat. Dietrich Munz. Dazu komme der bürokratische Aufwand. „Wir fordern, die Voraussetzungen für die regionale Vernetzung zu schaffen, damit es mehr Schwerpunktpraxen mit Gruppenangeboten gibt, die ein breites Spektrum an verschiedenen Gruppen für unterschiedliche psychische Erkrankungen anbieten können“, sagte er. Gruppentherapien würden bislang noch wenig eingesetzt, findet die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung. Dabei habe diese Behandlungsform „für bestimmte Erkrankungen Vorteile, etwa bei Störungen des zwischenmenschlichen Beziehungsverhaltens“, so deren Bundesvorsitzender Gebhard Hentschel. Mehr Gruppentherapien seien „für viele Patienten sicherlich sinnvoll“, sie seien aber „kein Allheilmittel“, betonte die Fraktionsexpertin der Grünen, Maria Klein-Schmeink. Für eine bedarfsgerechte Versorgung brauche man vor allem ausreichend ambulante Therapieplätze durch mehr Kassenzulassungen von Psychotherapeuten sowie mehr Angebote in der ambulanten Krisenintervention.

Nach Angaben der Barmer ist die Zahl derjenigen, die eine Psychotherapie in Anspruch genommen haben, zwischen 2009 und 2018 um 41 Prozent gestiegen: 2008 nahmen 2,76 Prozent der Bevölkerung in Deutschland Kontakt zu einem Psychotherapeuten auf; 2018 waren es bereits 3,89 Prozent. Überproportional stark war der Anstieg zwischen 2016 und 2018 um 345 000 Patienten, was die Autoren des Arztreports auf die geänderte Psychotherapie-Richtlinie zurückführen, die den Zugang zum Therapeuten erleichtert hat. Allein die Psychotherapeutische Sprechstunde wurde Barmer-Daten zufolge im ersten Jahr nach der Reform 8,9 Millionen Mal abgerechnet. Demgegenüber wurden Richtlinien-Psychotherapien tendenziell 2018 etwas seltener abgerechnet als vor der Reform der Richtlinie.

„Die Sprechstunde hat sich bewährt. Sie findet bei den Betroffenen positiven Anklang“, sagte Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, Autor des Barmer-Arztreports und Geschäftsführer des aQua-Instituts in Göttingen. So hätten sich fast 90 Prozent der Patienten dieser repräsentativen Umfrage positiv darüber geäußert, wie umfassend die Therapeuten auf ihre Anliegen eingegangen seien.

Zunahme an Therapeuten

Dem Barmer-Arztreport zufolge gab es im Jahr 2018 mehr als 36 500 Psychotherapeuten und Ärzte mit einer psychotherapeutischen Qualifikation. Fast drei Viertel derjenigen sind Psychologische Psychotherapeuten (PP) (57,5 Prozent) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) (15 Prozent). Seit dem Jahr 2009 stieg die Zahl der PP demnach um 54 Prozent von 13 700 auf 21 000. Die Zahl der KJP hat sich mehr als verdoppelt, von rund 2 600 auf etwa 5 500. „Die steigende Anzahl der Therapeuten kommt nicht eins zu eins in der Versorgung an, weil immer mehr ihre Arbeitszeit reduzieren“, berichtete Szecsenyi. 2013 hätten 89 Prozent der PP in Vollzeit gearbeitet, in 2018 nur 73 Prozent.

Das Spektrum der Patienten mit erstmaligem Zugang zum Psychotherapeuten hat sich dem Arztreport zufolge durch die Reform der ambulanten Psychotherapie nicht geändert. Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen werden nicht häufiger in Therapie genommen als vor der Reform. Junge Frauen zwischen 16 und 29 Jahren nehmen nach wie vor deutlich häufiger Kontakt zu einem Psychotherapeuten auf als gleichaltrige Männer. Patienten mit akademischen Ausbildungsabschlüssen erhalten nach Erstkontakten tendenziell häufiger Richtlinienpsychotherapien als Patienten mit niedrigeren Ausbildungsabschlüssen. Petra Bühring

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