ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2020Reformierte Psychotherapieausbildung: Vorhang auf für Schauspielpatienten

THEMEN DER ZEIT

Reformierte Psychotherapieausbildung: Vorhang auf für Schauspielpatienten

Lukasczik, Matthias; Vogel, Heiner; Zerban, Nina Luisa

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Einsatz von Simulationspersonen in der psychotherapeutischen Ausbildung und Abschlussprüfung bietet große Chancen, ist aber gleichzeitig auch mit besonderen Anforderungen verbunden.

Anstelle der bisherigen postgradualen Ausbildung wird im Zuge der reformierten Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung zum kommenden Wintersemester ein konsekutives Bachelor-/Masterstudium in Psychotherapie eingeführt. Am Ende dieses Studiengangs sollen im Rahmen einer kompetenzbasierten Abschlussprüfung („Parcoursprüfung“) praktische klinisch-therapeutische Fertigkeiten der Absolventen getestet werden. Hierbei sollen auch Simulationspersonen (Schauspielpatienten und -patientinnen; SP) zum Einsatz kommen.

Einsatz bereits in der Medizin

Anzeige

Diese stellen international wie auch in Deutschland inzwischen einen gängigen Bestandteil universitärer Ausbildungs- und Prüfungsszenarien für Medizinstudierende dar (1, 2). Anwendung finden SP bereits in anderen Studiengängen als der Humanmedizin (zum Beispiel im Fachbereich Klinische Psychologie) sowie in der Fort- und Weiterbildung. SP sind für bestimmte Simulationsszenarien eigens trainierte Laien- oder professionelle Darsteller. In medizinischen/klinischen Szenarien nehmen sie die Rolle von Patienten oder anderen Akteuren (zum Beispiel Angehörigen) ein. Die Szenarien dienen unter anderem dem Üben kommunikativer Fertigkeiten, etwa im Rahmen einer Anamnese oder des Umgangs mit Patienten in herausfordernden Situationen, zum Beispiel beim Mitteilen einer schwerwiegenden Diagnose. Außerdem können SP zur kompetenzbasierten Prüfung kommunikativer und klinischer Skills herangezogen werden.

Foto: auremar/stock.adobe.com
Foto: auremar/stock.adobe.com

Letzteres erfolgt vorrangig im Rahmen sogenannter OSCE (Objective Structured Clinical Examinations), das heißt standardisierter klinische Prüfungen. Bei OSCE handelt es sich um „Parcoursprüfungen“, bei denen die Prüflinge nacheinander verschiedene „Stationen“ absolvieren, an denen sie in einem vorgegebenen Zeitrahmen jeweils bestimmte klinische oder andere praktische Fertigkeiten demonstrieren müssen. Prüfende an den jeweiligen Stationen bewerten anhand standardisierter Checklisten die Leistungen der Prüflinge. Je nach Fach oder Zielkompetenz kommen hierbei häufig auch SP zum Einsatz.

Das Prüfungsformat OSCE ist dem reformierten Psychotherapeutengesetz zufolge als zentraler Teil der Approbationsprüfung für Absolventen des künftigen Masterstudiengangs Psychotherapie vorgesehen („anwendungsorientierte Parcoursprüfung in fünf Kompetenzbereichen“ gemäß § 10 Abs. 4 PsychThG). Nach der Approbationsordnung für Psychotherapeuten vom 4. März 2020 sind an den entsprechenden OSCE-Stationen geschulte Simulationspersonen einzusetzen (§ 49 Abs. 3 PsychThApprO).

Einsatz eines OSCE-Formats

Bei der Implementierung eines OSCE-Formats im beschriebenen Kontext kann nur in beschränktem Maß auf vorhandene Erfahrungen zurückgegriffen werden. Als Orientierung können die OSCE im Rahmen der „Psych-Fächer“ in der medizinischen Ausbildung dienen. Ebenso können bereits gelegentlich eingesetzte OSCE im Rahmen des Psychologiestudiums (Bereich Klinische Psychologie) herangezogen werden. Wichtig ist natürlich, die Besonderheiten und Rahmenbedingungen der Psychotherapieausbildung zu berücksichtigen. Die Prüfung wird bundesweit einheitlich gestaltet, die Prüfungsaufgaben beziehungsweise -szenarien werden hierbei durch das Mainzer Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) entwickelt.

Daten zur Verbreitung SP-gestützter Lehre und Prüfungen in der Psychologie oder der bisherigen Psychotherapieausbildung in Deutschland sind den Autoren nicht bekannt. Zur Ausgestaltung des Einsatzes von Schauspielpatienten in den „Psych-Fächern“ des Medizinstudiums liegen abgesehen von einer Befragung von Eckel et al. (3) für den deutschsprachigen Raum kaum systematische Daten vor. Eine aktuelle Befragung medizinischer Fakultäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Einsatz von SP in der Lehre ergab, dass diese neben Fächern wie der Medizinischen Psychologie und Soziologie auch in der Psychosomatik und der Psychiatrie eingesetzt werden (4).

Eckel und Kollegen zufolge umfassen die Einsatzgebiete von Schauspielpatienten in Lehre und Prüfungen der „Psych-Fächer“ des Medizinstudiums, die eine gewisse Schnittmenge zur Psychotherapieausbildung aufweisen, insbesondere allgemeine Gesprächsführungskompetenzen, die Anamneseerhebung und die Erhebung eines psychopathologischen Befunds (3). Außerdem sind unter anderem der Umgang mit suizidalen Patienten, Behandlungsplanung, Aufklärung und Befundmitteilung, Differenzialdiagnostik sowie das Training von psychotherapeutischen Fertigkeiten ein Thema. Zielgruppe sind Studierende in (vor)klinischen Semestern, aber auch Assistenzärzte. Von den SP dargestellte Störungsbilder umfassen am häufigsten affektive Störungen, gefolgt von neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen sowie Schizophrenie/wahnhaften Störungen und Störungen durch psychotrope Substanzen. In der Mehrzahl der Studien äußern sich die Studierenden positiv zu den SP-Einsätzen (3).

Bisher relativ wenig Evidenz

Kühne und Kollegen haben den aktuellen Forschungsstand zu Barrieren und förderlichen Faktoren beim Einsatz von SP im Bereich der Klinischen Psychologie und Psychotherapie zusammengefasst (5). Hierzu liegt bisher relativ wenig Evidenz vor. Von den 41 einbezogenen Publikationen stammen 21 aus dem nordamerikanischen Raum, hingegen nur sieben aus Deutschland. Die gefundenen Faktoren können gleichwohl wichtige Ansatzpunkte liefern, wenn es darum geht, eine OSCE-Prüfung mit SP zum Abschluss des künftigen Studiengangs Psychotherapie zu konzipieren und umzusetzen.

Zu den organisatorischen und finanziellen Barrieren der Verwendung von Schauspielpatienten zählt, dass solche Programme zeit- und kostenintensiv sind (5). SP müssen über darstellerische Fähigkeiten sowie psychologisches Wissen verfügen. Hier ist abzuwägen, ob sich eher eine Rekrutierung von Laien oder professionell ausgebildeten Schauspielern empfiehlt. Bei der Gestaltung von Szenarien sind eine genaue Definition der Lernziele, eine Pilotierung und ein hoher Detailreichtum wichtig. Mögliche Herausforderungen für die Schauspielpatienten sind Authentizität, die Darstellung spezifischer interpersoneller Aspekte, eine emotionale Beanspruchung bei Darstellung bestimmter Erkrankungen, eine konsistente und vergleichbare Darstellungsart sowie die Abgrenzung von und das Ablegen der Rolle (5).

Rollen- und Feedbacktrainings sowie klinische Expertise aufseite der Koordinator/-innen können hier unterstützend wirken. Essenziell sind auch die Beratung, Unterstützung und Supervision für SP. Vor allem die erstgenannten Punkte sind in vielen universitären SP-Programmen bereits etablierter Standard (4). Kühne et al. (5) leiten Empfehlungen zur Implementierung von SP-Programmen in der Psychotherapie in Bezug auf die Planung, das Training von SP und ein kontinuierliches Monitoring ab.

Die Einführung von kompetenzorientierten klinisch-praktischen Prüfungen mit Simulationspersonen in der neuen Psychotherapieausbildung bietet fraglos erhebliche Chancen gegenüber der bisherigen Abschlussprüfung, die sich im Wesentlichen als Wissensprüfung darstellt. Die zukünftige Prüfungsform wird dazu beitragen, dass die Approbationsprüfung und damit auch die Ausbildung selbst sich noch stärker als bisher an den beobachtbaren Kompetenzen zukünftiger Psychotherapeuten in der Interaktion mit Patienten orientiert. Es gibt bereits Belege für eine positive Einschätzung des SP-Einsatzes in der psychiatrischen Lehre, inkonsistenter ist das Bild hinsichtlich SP-basierter Simulationen in standardisierten Prüfungen (6). Der Einsatz von SP ist aber auch mit besonderen Herausforderungen verbunden (7, 8): Dazu zählen etwa die akkurate Darstellung affektiver Zustände und das angemessene Reagieren auf offene Fragen zu psychosozialen Themen. Solche Anforderungen sind besonders wichtig, wenn die Reaktion der Studierenden auf subtile Hinweise in Verhalten und Erleben von Patient/-innen als Beleg ihrer fachlichen Kompetenz interpretiert wird (7).

Prüfungsformat OSCE

Besondere Herausforderungen und Fragen ergeben sich nicht nur beim Einsatz von Schauspielpatienten, sondern auch beim Einsatz des Prüfungsformats OSCE in der Psychotherapie. Ein Literaturüberblick zu OSCE in der Psychiatrie, der auch auf die Psychotherapie übertragbar ist, weist auf die notwendige Klärung folgender Punkte hin (9): die Validität von OSCE, Einflussfaktoren auf die studentische Leistung im OSCE, der Einsatz von SP sowie die Berücksichtigung spezifischer Themen wie Sucht oder Suizidalität.

Schließlich stellen sich die basalen, aber wesentlichen Fragen nach den psychometrischen Eigenschaften der OSCE-Prüfungen, gerade im Bereich der Psychotherapie. Entsprechende Studiendesigns sind einerseits verhältnismäßig aufwendig (10), andererseits aber gerade in der Psychotherapie besonders dringlich, weil die Qualität der Arbeit noch viel mehr als in anderen medizinischen Fächern von der schwer zu beurteilenden Fähigkeit zur interpersonellen Wahrnehmung und Kommunikation auf unterschiedlichen Ebenen abhängt.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2020; 18 (4): 168–9

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. phil. Heiner Vogel
Arbeitsbereich Medizinische Psychologie und Psychotherapie im Zentrum für Psychische Gesundheit von Universitätsklinikum und Universität Würzburg, Bleicherwall 1, 97070 Würzburg
h.vogel@uni-wuerzburg.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0420

1.
Cleland JA, Abe K, Rethans JJ: The use of simulated patients in medical education. AMEE Guide No 42. Med Teach. 2009; 31: 477–486. DOI: 10.1080/01421590903002821
2.
Peters T, Thrien C. (Hrsg.): Simulationspatienten. Handbuch für die Aus- und Weiterbildung in medizinischen und Gesundheitsberufen. Göttingen: Hogrefe; 2018.
3.
Eckel J, Merod R, Vogel H, Neuderth S: Einsatz von Schauspielpatienten in den „Psych-“Fächern des Medizinstudiums – Verwendungsmöglichkeiten in der Psychotherapieausbildung? Psychother Psychosom Med Psychol. 2014; 64: 5–11. DOI: 10.1055/s-0033–1347210
4.
Sommer M, Fritz AH, Thrien C, Kursch A, Peters T: Simulated patients in medical education – a survey on the current status in Germany, Austria and Switzerland. GMS J Med Educ. 2019; 36 (3): Doc27. DOI: 10.3205/zma001235
5.
Kühne F, Ay DS, Otterbeck MJ, Weck F: Standardized patients in clinical psychology and psychotherapy: a scoping review of barriers and facilitators for implementation. Acad Psychiatry. 2018; 42: 773–81. DOI: 10.1007/s40596–018–0886–6
6.
Eckel J, Alpers GW, Merod R, Vogel H, Neuderth S: Einsatzmöglichkeiten von SchauspielpatientInnen in der Psychotherapieausbildung – Ergebnisse von ExpertInnenbefragungen. Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis. 2014; 46 (2): 393–413. DOI: 10.1055/s-0033
7.
McNaughton N, Ravitz P, Wadell A, Hodges BD: Psychiatric education and simulation:
a review of the literature. Can J Psychiatry. 2008; 53: 85–93. DOI: 10.1177/070674370805300203
8.
Van der Vleuten CPM, Swanson D: Assessment of clinical skills with standardized patients: State of the art. Teach Learn Med. 1990; 2: 58–76.
9.
Plakiotis C. Objective Structured Clinical Examination (OSCE) in psychiatry education: a review of its role in competency-based assessment. Adv Exp Med Biol. 2017; 988: 159–80. DOI: 10.1007/978–3–319–56246–9_13
10.
Walsh M, Bailey PH, Koren I: Objective structured clinical evaluation of clinical competence: an integrative review. J Adv Nurs. 2009; 65: 1584–95. DOI: 10.1111/j.1365–2648.2009.05054.x
Arbeitsbereich Medizinische Psychologie und Psychotherapie, Zentrum für Psychische Gesundheit (ZEP), Universitätsklinikum und Universität Würzburg: Dr. phil. Lukasczik, Prof. Dr. phil. Vogel

Schauspielpatienten-Programm der Medizinischen Fakultät, Universität Würzburg: Dr. phil. Lukasczik, M.Sc. Zerban

Institut für Medizinische Lehre und Ausbildungsforschung, Universitätsklinikum Würzburg: M.Sc.Zerban
1. Cleland JA, Abe K, Rethans JJ: The use of simulated patients in medical education. AMEE Guide No 42. Med Teach. 2009; 31: 477–486. DOI: 10.1080/01421590903002821
2. Peters T, Thrien C. (Hrsg.): Simulationspatienten. Handbuch für die Aus- und Weiterbildung in medizinischen und Gesundheitsberufen. Göttingen: Hogrefe; 2018.
3. Eckel J, Merod R, Vogel H, Neuderth S: Einsatz von Schauspielpatienten in den „Psych-“Fächern des Medizinstudiums – Verwendungsmöglichkeiten in der Psychotherapieausbildung? Psychother Psychosom Med Psychol. 2014; 64: 5–11. DOI: 10.1055/s-0033–1347210
4. Sommer M, Fritz AH, Thrien C, Kursch A, Peters T: Simulated patients in medical education – a survey on the current status in Germany, Austria and Switzerland. GMS J Med Educ. 2019; 36 (3): Doc27. DOI: 10.3205/zma001235
5. Kühne F, Ay DS, Otterbeck MJ, Weck F: Standardized patients in clinical psychology and psychotherapy: a scoping review of barriers and facilitators for implementation. Acad Psychiatry. 2018; 42: 773–81. DOI: 10.1007/s40596–018–0886–6
6. Eckel J, Alpers GW, Merod R, Vogel H, Neuderth S: Einsatzmöglichkeiten von SchauspielpatientInnen in der Psychotherapieausbildung – Ergebnisse von ExpertInnenbefragungen. Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis. 2014; 46 (2): 393–413. DOI: 10.1055/s-0033
7. McNaughton N, Ravitz P, Wadell A, Hodges BD: Psychiatric education and simulation:
a review of the literature. Can J Psychiatry. 2008; 53: 85–93. DOI: 10.1177/070674370805300203
8. Van der Vleuten CPM, Swanson D: Assessment of clinical skills with standardized patients: State of the art. Teach Learn Med. 1990; 2: 58–76.
9. Plakiotis C. Objective Structured Clinical Examination (OSCE) in psychiatry education: a review of its role in competency-based assessment. Adv Exp Med Biol. 2017; 988: 159–80. DOI: 10.1007/978–3–319–56246–9_13
10. Walsh M, Bailey PH, Koren I: Objective structured clinical evaluation of clinical competence: an integrative review. J Adv Nurs. 2009; 65: 1584–95. DOI: 10.1111/j.1365–2648.2009.05054.x

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema