ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2020Tötungsdelikte von Heranwachsenden: Schonungslos und sehr sensibel beschrieben

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Tötungsdelikte von Heranwachsenden: Schonungslos und sehr sensibel beschrieben

Schepker, Renate

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In der Tradition einiger gerichtlich tätiger Psychiater (Lempp, Wulff) berichtet der renommierte Kinder- und Jugendpsychiater Helmut Remschmidt in diesem gut lesbaren Band aus seinen gutachterlichen Erfahrungen mit überwiegend vollendeten Tötungsdelikten über viele Jahre. Er gibt zu Beginn eine theoretische Rahmung dazu: Der Leser erfährt erst etwas über die Ursachen von Gewaltdelinquenz und deren Subtypen und der Autor erläutert die rechtlichen Fragestellungen im Rahmen der forensischen Begutachtung. Danach werden 23 eindrückliche, pseudonymisierte Fallbeispiele geschildert, an denen sich die ganze Spannbreite von Tötungsdelikten nachvollziehen lässt: vom Auftragsmord über alkoholgeförderte Gruppendelikte, Tötungen von Missbrauchern und Misshandlern, Eifersuchtstaten, Kindstötungen bis hin zu pädophilen Serientaten und Verdeckungsmorden. Gut werden die jeweilige Täter-Opfer-Dynamik und die Tatanlaufzeit herausgearbeitet, die psychiatrischen Erkenntnisse abgeleitet und die gutachterliche Empfehlung erläutert.

Die Schilderungen der Taten und Täter, der sozialen Situation und Herkunft sind sowohl schonungslos als auch sehr sensibel beobachtet gefasst, sodass man zu einzelnen Fällen als Leser gerne noch mehr erfahren würde oder sich im inneren Dialog mit dem Gutachter wiederfindet. Dieser zeigt sich bei aller wissenschaftlichen Grundhaltung an einigen Stellen auch zu persönlichen Wertungen bereit. Die mitgeteilten Inhalte aus den jeweiligen Urteilen informieren zur Rezeption des psychiatrischen Gutachtens und zu weiteren Maßnahmen, wobei teils sehr komplexe juristische Fragen verständlich dargestellt sind. Beeindruckend sind des Weiteren die durch Daten aus dem Bundesjustizministerium beziehungsweise Bundeszentralregister gestützten katamnestischen Informationen zu einzelnen Beschuldigten. Ausführungen zur allgemeinen Delinquenzprävention und zur aus jugendpsychiatrischer Sicht wünschenswerten Gestaltung von Strafvollzug und Rehabilitation runden das Werk ab.

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Das Buch ist mehr als ein „Krimi für Fachleute“, es ist für ein breites Publikum in einer auch für interessierte Laien verständlichen Sprache verfasst, wie ja auch ein Gerichtsgutachter sich einer verständlichen Sprache bedienen soll. Deswegen ist aber zu betonen: Es soll kein Lehrbuch sein und eignet sich nicht ohne Weiteres zur forensischen Fortbildung, denn die Fälle liegen teils Jahrzehnte zurück und die Auffassungen in der Rechtsprechung haben sich seither teilweise verändert – beispielsweise in Bezug auf die Einordnung von Persönlichkeitsstörungen oder die erwartete Ableitung schuldmindernder Voraussetzungen. Dennoch wird es den Leser, einmal in die Hand genommen, kaum loslassen und gegebenenfalls die eigene gutachterliche Erfahrung erweitern. Renate Schepker

Helmut Remschmidt: Wenn junge Menschen töten. Ein Kinder- und Jugendpsychiater berichtet. C.H.Beck Verlag, München 2019, 287 Seiten, kartoniert, 18,00 Euro

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