ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2020Psychoanalyse und Neurobiologie: Guter Einblick in Forschung und Zusammenarbeit

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Psychoanalyse und Neurobiologie: Guter Einblick in Forschung und Zusammenarbeit

Mackenthun, Gerald

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Psychoanalyse und Neurowissenschaften sind in einen lebendigen interdisziplinären Dialog eingetreten und sind überzeugt, voneinander lernen zu können. Kurz vor Weihnachten 2017 fand an der Berliner Universitätsklinik Charité das transdisziplinäre wissenschaftliche und künstlerische Symposium „Der unbewusste Mensch – Zwischen Psychoanalyse und neurobiologischer Evidenz“ vor großem Publikum statt. Der schmale, aber keineswegs flache Band „Der unbewusste Mensch“ vereint die Vorträge von Gerhard Roth, Andreas Heinz, Werner Bohleber und Eric Kandel. Diese sowie die beiden Herausgeber Bernhard Haslinger und Bernhard Janta sind ausgewiesene Experten auf den Gebieten der Psychiatrie, Psychotherapie, Psychoanalyse, Neurologie und Neurobiologie.

Die Genannten fassen aus ihrer neurobiologischen beziehungsweise psychoanalytischen Sicht den aktuellen Stand der Erkenntnisse zusammen und gleichen sie in komprimierten Texten mit der wissenschaftlichen Gegenseite ab. Die Beiträge von Roth, Heinz und Bohleber ergeben einen gerafften und doch vollständigen Überblick über die Fortschritte der Forschung. Im Kern geht es um die neurobiologischen Grundlagen unbewusster Prozesse, deren komplexe Arbeitsweise dargestellt werden. Freud sah sich gezwungen, seine Forschungsaktivitäten allein auf die Entwicklung einer psychischen Konzeption des Seelenlebens zu konzentrieren. Bedingt durch den medizinischen Entwicklungsstand gab es damals zu wenige biologisch gestützte Befunde und zu wenige Möglichkeiten zur Untersuchung des Körpers und des Gehirns. Das hat sich seit der Entdeckung der zwei wesentlichen Arten von Gedächtnis 1957 durch Brenda Milner und anderen geändert. Die Unterscheidung von explizit-deklarativem und implizitem Gedächtnis veränderte das Bild vom Menschen ebenso wie die Psychoanalyse als Therapieform.

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Überraschend ist der Beitrag des Medizinnobelpreisträgers von 2000, Eric Kandel, über die biologischen Grundlagen der Rezeption von moderner Kunst. Die Auflösung aller Formen in der abstrakten Malerei stellt das Gehirn vor besondere Herausforderungen. Es will identifizierbare Formen vorfinden und zu einem sinnvollen Ganzen komplementieren und hat Mühe damit im Angesicht abstrakter Kunst. Kandel ist dennoch überzeugt, dass gerade die fehlenden visuellen Vorgaben geeignet sind, das Unbewusste, Assoziative und Kreative im Menschen anzuregen und herauszufordern.

Das gehaltvolle Buch bietet einen komprimierten und durch die Kompetenz der Beiträger hervorragenden Einblick in den Stand der Forschung und der angebahnten Zusammenarbeit zwischen Tiefenpsychologie und Neurobiologie. Mit dem Ausflug des Gedächtnisforschers Kandel in die moderne Kunst wird das Thema durch einen unerwarteten und anregenden Aspekt bereichert. Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Otto F. Kernberg äußert im Vorwort die Hoffnung, dass das Verständnis von moderner Neurobiologie und den seelischen Strukturen des Selbst die Kompetenz der Behandler in Diagnostik und Behandlung psychischer Erkrankungen stärkt. Gerald Mackenthun

Bernhard Haslinger, Bernhard Janta (Hrsg.): Der unbewusste Mensch. Zwischen Psychoanalyse und neurobiologischer Evidenz. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, 131 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro

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