ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2020Flüchtlinge und deutsche Verhältnisse: Ein großes Werk über Grenzerfahrungen

BÜCHER

Flüchtlinge und deutsche Verhältnisse: Ein großes Werk über Grenzerfahrungen

Moser, Tilmann

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Was die beiden prominenten Psychoanalytiker Rolf Haubl und Hans-Jürgen Wirth zusammengetragen haben, ist ein großes Übersichtswerk interdisziplinärer und hoch informativer Texte zu „Migration, Flucht, Vertreibung“, kombiniert mit den „deutschen Verhältnissen“. Die vielen Autoren einzeln zu würdigen würde den Rahmen sprengen, deshalb nur eine verkürzte Übersicht über die Breite der Themen: Sie reicht von den „Menschenströmen“ aus den Fernsehbildern, der Frage „Gelingt es, ohne Feindbilder zu leben?“, Pegida und deren brutale Sprache, Heimat, die „Konstruktion des Fremden“, „Effekte der Segregation“, „Radikalisierung im Internet“, die späten Folgen bis zur „Unfähigkeit zu trauern“. Zentrale Überlegungen und Berichte zur pädagogischen und psychotherapeutischen Arbeit mit den Flüchtlingen kommen zur Sprache und deren Motive zur Flucht und den Traumen dieser Flucht, samt der Mühsal der Integration mit den immensen Sprachproblemen der heimatlosen und terrorisierten, hoffenden und hoffnungslosen Ankömmlinge mit ihrer Angst vor der Abschiebung.

„Und dann werden wir mit unserer Angst konfrontiert“, und die mindert wieder unsere Solidarität, „im Gegenteil: sie schlägt in Aggression um.“ Und die lässt uns, je nach der humanen oder inhumanen Grundhaltung, doch noch entweder hilfsbereit oder grausam reagieren, mit einer Verrohung der Ausdrucksformen. Die viel gerühmte „Willkommenskultur“ des Anfangs schwindet, wird gar zum Schimpfwort und endet in Verdacht, Entwertung, Verachtung oder Hass. Deshalb wird „traumasensible“ Zuwendung dringend nötig, vor allem für die vielen „unbegleiteten“ Jugendlichen, die an ihrer Angst verzweifeln und an der Fremdheitsbarriere der vollkommen unbekannten Kultur, die sie in oft überfüllten Sprachkursen schnell verstehen sollen, um wenigstens auf Hilfsjobs vorbereitet zu werden.

Anzeige

Wer diesen Band mit Neugier und Spannung liest, kann sich bereichert und kundiger fühlen. Das Wegschauen vor der erschütternden „Flüchtlingskrise“ wird schwieriger, auch vor der erschreckenden Polarisierung unserer Gesellschaft, die vom anklagenden Neid vor den „Schmarotzern“ noch verstärkt wird, weil sie die unsrige wie die fremde Sehnsucht nach Integration anwachsen lässt und Resignation auf beiden Seiten fördert. Wenngleich zunehmend klar wird, dass unsere Wirtschaft die Arbeitswilligen und Lernbereiten dringend braucht und viel Geduld aufbietet für die Einarbeitung der hoffnungsvollen neuen Steuerzahler. Tilmann Moser

Rolf Haubl und Hans-Jürgen Wirth: Grenzerfahrungen: Migration, Flucht, Vertreibung und die deutschen Verhältnisse Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, 338 Seiten, kartoniert, 32,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema