Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Literatur über Risikowahrnehmung beschreibt als klassisches Argument, dass Risiken als normal und leicht zu ignorieren eingeschätzt werden, wenn sie diffus in Raum und Zeit auftreten (1). Dies ist auch der Fall, wenn fast die gesamte Bevölkerung betroffen ist und die Risiken sogar mit Todesfällen in Zusammenhang gebracht werden. Im Gegensatz dazu, wenn zum Beispiel alle Raucher, die aufgrund des Rauchens jedes Jahr sterben, am 1. November eines Jahres sterben würden, wäre dies ein öffentlicher Skandal und Rauchen wäre am 2. November verboten.

Dieselbe Argumentation lässt sich für die Todesfälle aufgrund von Feinstaub und Stickstoffdioxid vorbringen, die von einem der Autoren der Diskussionsbeiträge angesprochen werden. Luftschadstoffe sind langsame und methodische Mörder, die nur mithilfe der Detektivarbeit international anerkannter Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen über mehrere Jahrzehnte hinweg überführt werden konnten.

Trotz der überwältigenden epidemiologischen Evidenz, versichern die Zweifler, dass die Risiken für Gesundheit und Wohlbefinden so klein sind wie die Feinstaubpartikel und daher vernachlässigbar (2, 3). Allerdings ist inzwischen belegt, dass Feinstaub in unsere Lungen, Herzen und Gehirne gelangt. Auf der Ebene der Bevölkerung bedeutet dies den Verlust von ein paar Punkten im Intelligenztest oder das etwas frühere Eintreten von Herz- und Lungen- oder Alzheimer-Erkrankungen. Für einige scheint dies vertretbar zu sein gegenüber den Vorteilen moderner Errungenschaften, zu denen komfortable Autos und ein hoher Lebensstandard zählen. Diese Sichtweise unterstellt allerdings, dass moderne Technologien heute und insbesondere in der Zukunft nicht in der Lage wären, schadstoffarme Mobilität, Energieerzeugung und Landwirtschaft zu gewährleisten.

Auch erscheint das Argument, dass Interventionen zu teuer sein könnten, höhnisch in den Ohren derjenigen, die gerade eine schwere Asthmaattacke erlitten haben, sich um ein Kind mit Verhaltensauffälligkeiten oder intellektuellen Defiziten kümmern oder mit Mühe und Not einen Herzinfarkt überstanden haben. Ein Teil dieses Leidens wäre durch gesundheitspolitische Maßnahmen und strengere Grenzwerte für Feinstaub vermeidbar. Ebenfalls kann das Argument der zu teuren Interventionen kaum greifen, da der Nutzen durch Reduktion von Luftschadstoffen die Kosten dafür um ein Mehrfaches übersteigt (4).

Ein Leser merkt an, dass Wissenschaft und Aktivismus beide gebraucht werden, aber nicht zusammen gehören. Wir als Wissenschaftler stimmen mit unserem Kollegen Professor Galea überein, der 2013 zu der sogenannten „consequential epidemiology“ aufrief und insbesondere hervorhob, dass wissenschaftliche Erkenntnisse, die nicht in Handeln umgesetzt werden, ohne Konsequenzen bleiben. Die Aufgabe der Epidemiologie als einer Gesundheitswissenschaft ist es, der Bevölkerung zu nützen, indem sie Risiken identifiziert und die Umsetzung, das Handeln und die Prävention zum Wohle der Gesundheit der Bevölkerung wissenschaftlich untermauert.

DOI: 10.3238/arztebl.2020.0288

Für die Autoren

Prof. Dr. med. Beate Ritz

Epidemiology, Environmental Health, and Neurology

University of California, Los Angeles, USA

britz@ucla.edu

1.
Sandman P: Responding to community outrage: Strategies for effective risk communication. Publication of the American Industrial Hygiene Association. http://psandman.com/media/RespondingtoCommunityOutrage.pdf (last accessed on 23 February 2020).
2.
Kelly FJ: Urban air quality and health: two steps forward, one step back Eur Respir J 2019; 53: 3 CrossRef MEDLINE
3.
Peters A, Kunzli N, Forastiere F, Hoffmann B: Promoting clean air: combating fake news and denial. Lancet Respir Med 2019; 7: 650–2 19)30182-1">CrossRef
4.
United States Environmental Protection Agency Office of Air and Radiation: The benefits and costs of the clean air act from 1990 to 2020 final report; U.S. Environmental Protection Agency Office of Air and Radiation April 2011.
5.
Ritz B, Hoffmann B, Peters A: The effects of fine dust, ozone, and nitrogen dioxide on health. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 881–6 VOLLTEXT
1.Sandman P: Responding to community outrage: Strategies for effective risk communication. Publication of the American Industrial Hygiene Association. http://psandman.com/media/RespondingtoCommunityOutrage.pdf (last accessed on 23 February 2020).
2.Kelly FJ: Urban air quality and health: two steps forward, one step back Eur Respir J 2019; 53: 3 CrossRef MEDLINE
3.Peters A, Kunzli N, Forastiere F, Hoffmann B: Promoting clean air: combating fake news and denial. Lancet Respir Med 2019; 7: 650–2 CrossRef
4.United States Environmental Protection Agency Office of Air and Radiation: The benefits and costs of the clean air act from 1990 to 2020 final report; U.S. Environmental Protection Agency Office of Air and Radiation April 2011.
5.Ritz B, Hoffmann B, Peters A: The effects of fine dust, ozone, and nitrogen dioxide on health. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 881–6 VOLLTEXT

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Anzeige