ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2020Berühmte Entdecker von Krankheiten: Hermann Oppenheim, ein tragischer Visionär

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Berühmte Entdecker von Krankheiten: Hermann Oppenheim, ein tragischer Visionär

Schuchart, Sabine

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Um die Wende zum 20. Jahrhundert war der Nervenarzt und Forscher anerkannter Wortführer der klinischen Neurologie in Deutschland. Auch wenn einige Eponyme seine überragende Bedeutung verkünden, war ihm doch als jüdischer Mediziner in Preußen eine akademische Karriere verwehrt.

Trotz großer wissenschaftlicher Leistungen prägte eine gewisse Tragik das Leben Hermann Oppenheims. Der jüdische Arzt etablierte die Neurologie als eigenständiges klinisches Fach in Deutschland und baute maßgeblich die Gesellschaft Deutscher Nervenärzte auf, deren Präsident er von 1912 bis 1916 war. Sein „Lehrbuch der Nervenkrankheiten für Ärzte und Studirende“ von 1894 war jahrzehntelang ein Standardwerk. Eine Reihe von Krankheiten ist mit seinem Namen verbunden. Und doch vereitelte der preußische Staat die akademische Karriere des Westphal-Schülers.

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Geboren wird Hermann Oppenheim am letzten Tag des Jahres 1857 im westfälischen Warburg. Sein Vater ist Rabbiner und Leiter der jüdischen Grundschule. Wegen ausgezeichneter Leistungen ist Hermann beim Abitur als einziger von der mündlichen Prüfung befreit. Er beginnt in Göttingen das Medizinstudium, nach einem Semester wechselt er nach Bonn. Sein Physikum besteht er mit „vorzüglich gut“, was ihm zu einem Stipendium verhilft. Er gewinnt einen Universitätspreis mit einer Arbeit über die Harnstoffausscheidung, die zugleich seine Dissertation wird, und absolviert 1882 sein Staatsexamen. Da er als Jude in Preußen keine Chance auf eine Stellung als Militärarzt sieht, übernimmt er in Berlin eine Stelle als Assistenzarzt an einer privaten psychiatrischen Anstalt. Dort lernt er Carl Westphal kennen, der die Abteilung für Geistes- und Nervenkranke an der Charité leitet und ihn 1883 als Assistenzarzt zu sich holt. Oppenheim befasst sich unter anderem mit Tabes dorsalis und progressiver Paralyse, die er, damals noch umstritten, in Zusammenhang mit einer Syphilisinfektion setzt. In seiner Habilitation argumentiert er, dass psychische Traumata zu pathologischen Veränderungen im Nervensystem führen können mit den Folgen von Lähmung, Krampfanfällen und Sprachstörungen. Damit widerspricht er dem berühmten Pariser Neurologen Jean-Martin Charcot, der darin eine hysterische Ursache sieht. Diese Debatte erlebt mit dem Ersten Weltkrieg eine Neuauflage, als es darum geht, ob es sich bei den vielen vom Krieg traumatisierten Soldaten, sogenannten Kriegszitterern, um Kranke handelt, wie Oppenheim glaubt, oder um Simulanten bzw. Willensschwache, wie damals die Mehrheit der Mediziner meint, die die Soldaten schnell wieder fronttauglich schreiben wollen.

Der Tod seines Förderers Westphal 1890 markiert einen Wendepunkt in Oppenheims Karriere. Obwohl er schon während dessen langer Krankheit die Abteilung kommissarisch leitet, wird ein anderer zum Nachfolger bestimmt. Oppenheims Gesuch auf ein Extraordinariat lehnt das Kultusministerium ab, ernennt ihn nach einigen Jahren lediglich zum Titularprofessor. Enttäuscht zieht er sich von der Charité zurück und gründet in Berlin eine Privatklinik, die dank seiner brillanten ärztlichen Fähigkeiten zu einem Zentrum der Neurologie wird. Zehn Jahre nach seinem ersten Gesuch stellt er erneut den Antrag zur Beförderung zum Extraordinarius – trotz Unterstützung durch die Fakultätsmehrheit wohl wegen seines jüdischen Glaubens wieder vergeblich. Verbittert tritt Oppenheim nun auch aus der medizinischen Fakultät aus. Zu seiner persönlichen Tragik gehört, dass er trotz der Zurückweisung durch den preußischen Staat immer wieder seine patriotische Gesinnung unter Beweis stellt. Bei Kriegsausbruch zeichnet er mit einem Großteil seines Vermögens Kriegsanleihen, 1916 übernimmt er unentgeltlich die Leitung des Berliner Militärkrankenhauses für Nervenerkrankungen. Trotz vieler Ehrungen anlässlich seines 60. Geburtstages wird er seines Lebens nicht mehr froh und stirbt schon ein Jahr später. Sabine Schuchart

1900 beschrieb Hermann Oppenheim (1857–1919) unter dem mehrdeutigen Begriff Myatonia congenita eine frühkindliche Bewegungsstörung mit Verminderung des kontraktilen Muskeltonus. Seine Kollegen sprachen schlicht von der „Oppenheim’schen Krankheit“, Richard Cassierer schrieb bewundernd: „Die wenigen Seiten, auf denen er diese seine Entdeckung mitteilt, lassen seine klinischen Fähigkeiten im hellsten Lichte erstrahlen.“ Auch im Ziehen-Oppenheim-Syndrom, einer vererbten Krampfkrankheit Jugendlicher, die Oppenheim Oystonia musculorum deformans nannte, ist sein Name verewigt. 1902 publizierte er seine Erkenntnisse zu einem Pyramidenbahnzeichen, dem Zehenreflex, für den sich der Begriff Oppenheim-Zeichen eingebürgert hat. Weniger bekannt ist der Oppenheim’sche Fressreflex, ein natürlicher Hirnstammreflex bei Säuglingen, den der Neurologe bei Kindern 1904 als Folge einer Hirnschädigung beobachtete.

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