ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2020Systemrelevanz: Dank braucht Achtung

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Systemrelevanz: Dank braucht Achtung

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Der Umgang mit COVID-19 wird gesellschaftlich wie fachlich auch in den kommenden Wochen und Monaten weiter intensiv diskutiert. Dennoch erlauben die Anstrengungen der zurückliegenden Zeit und die vermeldeten Infektionszahlen inzwischen einen Blick nach vorn: Die sukzessive Lockerung des strikten Shutdown ist die nächste Stufe im Umgang mit der Pandemie.

Bemerkenswert ist, wie diszipliniert große Teile der Bevölkerung mit den Einschränkungen – bisher – umgehen. Beachtlich ist, dass nicht wenige Bürger offensiv ihren Dank gegenüber den sogenannten „Systemrelevanten“ geäußert haben. Aber die Zahl der Berufe, die ihr persönliches Wohl zurückstellen, sich bewusst den Gefahren des Virus aussetzen, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, um Menschen zu versorgen oder Kranke zu betreuen, um Leben zu retten, ist durchaus endlich.

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Von der Polizei über den Lebensmittelverkauf, von der Sozialarbeit über die Kranken- und Altenpflege, von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten bis zu den Klinikern – um nur einige systemrelevante Berufe zu nennen – reicht das Spektrum derjenigen, ohne die dieser Umgang mit der Krise nicht möglich wäre. Dank ist eine angebrachte, willkommene, wenn auch aus der Not heraus erkannnte Anerkennung für Menschen, die in den vergangenen Wochen trotz dezidierter Gefahr ihre Frau oder ihren Mann gestanden haben. Internationale Namenslisten der Menschen, die bei der Bekämpfung von COVID-19 gestorben sind, erklären den unserem Alltag so fernen Begriff des „Heldentums“. Erst Not macht deutlich, warum Dank gerechtfertigt ist.

Umso mehr verwundert es, wenn Dank zwar geäußert, die Handlungsfreiheit der Betroffenen aber im gleichen Zug wieder eingeschränkt wird: Fast in einem Atemzug zum Dank föderal Zwangsverpflichtungen für freiberufliche Ärzte auszusprechen, die sich eigentlich selbst organisieren, ist absurd. Mit Anerkennung des ärztlichen Einsatzes hat das nichts gemein. Auch einmalige Prämienzahlungen für den hohen Einsatz systemrelevanter Berufe sind eine nette Geste, aber kein nachhaltiger Ansatz zur Wertschätzung von Berufen, die nicht nur in Notzeiten ihre Leistung erbringen.

Ebensowenig nachvollziehbar ist, dass Bund und Länder eine krisenbezogene Mobilisierung und Organisationsumstellung in Krankenhäusern ansetzen, das System aber nach Umstellung auf Intensivbetrieb für COVID-19 Kurzarbeit in eben diesen Kliniken provoziert. Genau das ist nicht nachhaltig. Dank seitens der Verantwortlichen sollte auch hier anders aussehen. Die Betroffenen werden sicherlich mit gutem Gedächtnis verfolgen, was vom Dank nach Bewältigung der Krise übrig bleibt. Denn Ausnahmesitutationen sind hervorragende Lehrstücke für die Zukunft.

Apropos Gedächtnis: COVID-19 ist eine Herausforderung für diese Welt, die – noch – viele Fragen offen lässt. Wie auch immer die Gesellschaft die Krise bewältigen mag, diese Fragen gehören geklärt. Wissenschaftliche Aufarbeitung ist, auch wenn sie viel Geld kostet, Verpflichtung, um künftige Herausforderungen besser zu bestehen. Flächendeckende Tests sind ein wichtiger Weg, um das Geschehen vernünftig zu analysieren – selbst dann, wenn ein Impfstoff das künftige Gefahrenpotenzial bedeutungslos machen sollte.

Mit Dank und Hochachtung

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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