ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2020Obdachlose Menschen: Ausgegrenzter als je zuvor

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Obdachlose Menschen: Ausgegrenzter als je zuvor

Bühring, Petra

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In Zeiten der COVID-19-Pandemie ist die Situation für Menschen, die auf der Straße leben, sehr schwierig. Sie haben keine Rückzugsmöglichkeiten, die Hilfsangebote werden nur eingeschränkt aufrechterhalten, die Einnahmequellen versiegen. Viele haben keine Kran­ken­ver­siche­rung.

Geschätzte 41 000 Menschen leben bundesweit auf der Straße. Allein in Berlin sind es 6 000 bis 10 000. Foto: picture alliance/Rolf Kremming
Geschätzte 41 000 Menschen leben bundesweit auf der Straße. Allein in Berlin sind es 6 000 bis 10 000. Foto: picture alliance/Rolf Kremming

Am Bahnhof Zoo seien die obdachlosen Menschen entweder völlig verängstigt, weil sie fürchten, dem SARS-CoV-2-Virus völlig schutzlos ausgeliefert zu sein, und fragten nach Schutzmasken oder sie verdrängten die Gefahr komplett, sagt Martin Weber, Leiter der Caritas Ambulanz für Wohnungslose, eine der größten Anlaufstellen in Berlin, direkt hinter dem ehemaligen Hauptbahnhof gelegen. „Alle nehmen aber wahr und berichten, dass sich der Ton in der Bevölkerung ihnen gegenüber verändert hat“, so Weber. Die Menschen gingen noch mehr auf Distanz als ohnehin, die direkte Spendenbereitschaft sei massiv zurückgegangen, der Verkauf der Zeitung „Straßenfeger“ in den Bahnen, mit der sich Obdachlose ein paar Euro verdienen können, nahezu unmöglich.

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Die prekären Lebensumstände obdachloser Menschen verschlechtern sich während der COVID-19-Pandemie gerade dramatisch. Kontaktverbote, hygienische Schutzmaßnahmen oder gar ein Rückzug in Quarantäne sind mit einem Leben auf der Straße nicht vereinbar. Gleichzeitig sind für viele Wohnungslose die Einnahmequellen versiegt und eben nicht nur, weil der öffentlichen Raum deutlich leerer ist als sonst. Beratungsstellen und niedrigschwellige Angebote wie Tagestreffs, Mittagstische, Duschmöglichkeiten oder Kleiderkammern sind überwiegend geschlossen oder können nur sehr reduziert Unterstützung anbieten. „Das meiste geht nur über Fensterkontakt, weshalb den Menschen auch der letzte soziale Kontakt, das nette Wort, wegbricht“, sagt Weber. Berlin hat für seine geschätzten 6 000 bis 10 000 auf der Straße lebenden Menschen grundsätzlich „ein gutes Hilfesystem“, weiß der Caritas-Vertreter. In Zeiten der Pandemie sei die Situation ungleich schwieriger – die Menschen erlebten sich ausgegrenzter denn je.

Bundesweit leben nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG-W) rund 41 000 Menschen im Laufe eines Jahres ohne jede Unterkunft auf der Straße – die meisten in großen Städten. Hauptgründe hierfür sei das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum, zu wenig Sozialwohnungen und die Verfestigung von Armut. Nach einer Studie der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V. zur Wohnungs- und Obdachlosigkeit sind Mietschulden mit 85 Prozent einer der häufigsten Gründe für Obdachlosigkeit. Hinzu kämen oft Trennungen, Schicksalsschläge, Krankheiten und der Verlust der Arbeit.

Quarantänemöglichkeit schaffen

Auf der Straße ist ein Schutz vor dem SARS-CoV-2-Virus nahezu unmöglich. Aber auch in den Notunterkünften sind obdachlose Menschen nicht ausreichend geschützt. Nach Angaben der BAG-W werden sie nach wie vor in Mehrbettzimmern untergebracht und dürfen sich weiterhin nur nachts dort aufhalten. Der Interessenverband fordert daher dringend, einzelne Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, damit eine Quarantäne möglich wird. „Derzeit stehen viele Hotels und Pensionen leer – es muss ein bundesweites Programm geben, um die Menschen an sichere Orte zu bringen“, fordert Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAG-W. In Berlin beispielsweise hat der Senat Ende März ein erstes Hostel für Obdachlose eingerichtet, eine Jugendherberge im Stadtteil Tiergarten, die 200 Zimmer anbietet, die jeweils mit zwei Betten belegt werden. Diese Unterkunft hat täglich 24 Stunden und sieben Tage die Woche geöffnet, ist also keine bloße Schlafstätte, sondern ein Rückzugsort. „Von solchen Unterkünften brauchen wir jetzt viel mehr. Wer sich mit dem Virus angesteckt hat, braucht Quarantäne als Schutz für sich und andere“, sagt Priv.-Doz. Dr. med. Peter Bobbert, Oberarzt am Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Berlin und einer der beiden Menschenrechtsbeauftragten der Bundes­ärzte­kammer (siehe 3 Fragen an...).

Auch die medizinische Versorgung obdachloser Menschen kann in Zeiten der Pandemie nur noch eingeschränkt angeboten werden. In der Regelversorgung kommen die meisten auf der Straße lebenden Menschen nämlich oftmals nicht an, weil viele über keine gültige Krankenkassenversicherung verfügen oder Stigmatisierung aufgrund von fehlender „Wartezimmerfähigkeit“ erfahren haben und deshalb Arztpraxen gar nicht erst aufsuchen. Die freiwilligen ehrenamtlichen Projekte zur medizinischen Versorgung von Menschen ohne gültigen Kran­ken­ver­siche­rungsschutz haben in diesen Zeit zu wenig Personal und denselben Mangel an Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln wie Arztpraxen und Krankenhäuser der Regelversorgung. Das Gesundheitszentrum für Obdachlose in Berlin beispielsweise, spendenfinanziert über die Jenny-de-la-Torre-Stiftung, bietet noch begrenzt ärztliche Sprechzeiten an. Die psychologische Beratung und die Zahnarztpraxis sind aktuell jedoch geschlossen. Das Caritas-Arztmobil, ein als Behandlungsraum ausgestatteter Kleinbus, der für die aufsuchende medizinische Grundversorgung Obdachloser eingesetzt wird, musste die Arbeit einstellen. „Der Kontakt zum Patienten war zu eng dort“, erläutert Weber. Am Bahnhof Zoo werde die medizinische Versorgung der Obdachlosen unter Schutzvorkehrungen aber weiter aufrechterhalten.

Zugang zur Testung schwierig

Ein Problem sieht der Leiter der Caritas-Ambulanz für Wohnungslose indes in Bezug auf die SARS-CoV-2-Testung seiner Klientel. „Wenn wir Menschen zu den Teststellen schicken, weil sie Symptome haben, bekommen wir keine Rückmeldung.“ Möglicherweise würden sie dort abgewiesen, weil viele Obdachlose keine Kran­ken­ver­siche­rung haben, oder sie gingen gar nicht erst hin, weil viele Angst hätten, sich an öffentliche Stellen zu begeben. „Der Zugang müsste erleichtert werden“, fordert Weber. Alternativ überlege man bei der Caritas-Ambulanz aktuell, Betroffene selbst zu testen.

Bereits vor der COVID-19-Pandemie bezeichneten Gesundheits- und Sozialexperten die medizinische Versorgung von Wohnungslosen in Deutschland als unzureichend. Bei einem Fachgespräch im Gesundheitsausschuss des Bundestages am 11. Dezember 2019 war der einhellige Tenor, dass die bestehenden Hilfseinrichtungen unterfinanziert und auf ehrenamtliches Engagement angewiesen seien. Die Experten mahnten an, die Finanzierung und die Versorgungsstrukturen zu verbessern. Wichtige Hilfsangebote werden von kirchlichen Sozialverbänden wie Caritas und Diakonie organisiert. Kai-Gerrit Venske von der Berliner Caritas sprach bei dem Fachgespräch von einem anwachsenden Problem, auch weil die Zahlen der Wohnungslosen zunehmen. Wichtig sei der Ausbau und die gesicherte Finanzierung niedrigschwelliger Hilfsangebote. Ausgebaut werden müsse zudem die Unterstützung für psychisch kranke und suchtkranke Obdachlose.

Die Situation obdachloser Menschen ist in Zeiten der COVID-19-Pandemie schwierig. Sie brauchen gerade jetzt die Unterstützung und Solidarität aller. Das dies möglich ist, zeigen die sogenannten Gabenzäune, die Bürger seit Kurzem an öffentlichen Plätzen in Berlin und anderswo errichten: An die Zäune werden Tüten, gefüllt mit Lebensmitteln und anderen Spenden, sowie Kleidung für Menschen in Not gehängt. Petra Bühring

3 Fragen an . . .

PD Dr. med. Peter Bobbert, einer der beiden Menschenrechtsbeauftragten der Bundes­ärzte­kammer

PD Dr. med. Peter Bobbert
PD Dr. med. Peter Bobbert

Obdachlose Menschen sind dem SARS-CoV-2-Virus besonders schutzlos ausgeliefert. An welchen Erkrankungen leiden sie zumeist?

Überproportional im Vergleich zur Gesamtbevölkerung leiden Obdachlose an dermatologischen und an psychischen Erkrankungen. Sie leiden auch an Erkältungs- und Infektionserkrankungen, jedoch nicht überproportional. Die Erkrankungen haben aber eine erhöhte Gefahr zu exazerbieren, weil sie nicht rechtzeitig oder unzureichend behandelt werden. Eine Erkältung kann somit leicht zu einer Lungenentzündung werden.

Sollten wohnungslose Menschen häufiger als die Allgemeinbevölkerung auf SARS-CoV-2-Virus getestet werden, weil sie kaum Möglichkeiten haben, sich zu isolieren?

Sie sollten überhaupt getestet werden. Im Moment kommen Obdachlose ja kaum bei den Teststellen an. Und wenn sie dann positiv auf das SARS-CoV-2-Virus getestet werden, stellt sich die Frage, was wir mit ihnen machen. 80 Prozent der erkrankten Menschen begeben sich ja normalerweise nach Hause in Quarantäne. Obdachlose können das nicht. Hier müssen wir nach schnell nach
Lösungen suchen.

Hilfsorganisationen forderten schon vor der Pandemie ein neues Finanzierungssystem für die medizinische Versorgung Wohnungsloser ohne Kran­ken­ver­siche­rung. Unterstützen Sie das?

Wichtig ist, dass die Menschen in der medizinischen Versorgung ankommen. Um das zu organisieren, braucht man Clearingstellen, die Menschen dabei unterstützen, wieder einen Kran­ken­ver­siche­rungsschutz zu erlangen. Allein in Berlin gibt es rund 60 000 Menschen ohne Zugang zur Regelversorgung. Solche Clearingstellen müssten langfristig bundesweit implementiert werden, denn die Problematik von Menschen ohne Kran­ken­ver­siche­rungsschutz ist essenziell.

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