ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2020Keine Unterstützungsform zum Rauchstopp
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Wie viel Nikotin mit der E-Zigarette gedampft wird zum angeblichen Rauchstopp, wurde nicht genannt (1).

Raucher nehmen mit jeder Zigarette etwa 1 mg Nikotin auf. Laut Tabakrichtlinie werden die Inhalte des Rauches einer Zigarette so definiert: Nikotingehalt: 1,0 mg, Kohlenmonoxidgehalt: 10 mg, Teergehalt: 10 mg je Zigarette. Der Nikotingehalt der Zigarette selbst ist vielfach höher, Schlucken des Tabaks oder ein Teeaufguss aus wenigen Zigaretten ist tödlich. Teer wirkt unangenehm und verhindert, dass ein Raucher seine Zigarettenmenge unendlich steigert. „Kettenraucher“ geben an, zwischen 35 und 40 Zigaretten oder zwei Päckchen am Tag zu rauchen, nehmen also 35–40 mg Nikotin pro Tag auf, mehr wird meist nicht vertragen.

Da in E-Zigaretten Nikotin nicht verbrennt, sondern verdampft wird, wird das in den Flüssigkeiten enthaltene Nikotin fast vollständig inhaliert. E-Zigarettenflüssigkeit enthält in der EU bis zu 20 mg/mL mit Aromastoffen zur fertigen Lösung verdünnt oft 10 mg/mL: Mango oder Gurke wirken besser verträglich als Teer.

Ich frage meine „dampfenden“ Patienten regelmäßig nach konkreten Mengen. Sie geben im Durchschnitt an, sie kämen mit 10 mL Flüssigkeit zu 10 mg/mL, also 100 mg Nikotin, etwa eineinhalb Tage aus. Die Nikotinaufnahme war gegenüber den „Kettenrauchern“ etwa verdoppelt, aber alle meinten subjektiv, sie würden weniger rauchen. Fruchtester kratzen nicht so im Hals wie Teer.

Fazit: Die Kernaussage des Artikels, E-Zigaretten seien eine Unterstützungsform zum Rauchstopp, ist nicht haltbar.

DOI: 10.3238/arztebl.2020.0298a

Dr. med. Ralf Cüppers

Arzt für Psychotherapeutische Medizin, Suchtmedizin

Flensburg

ralf@psychotherapeutische-medizin.net

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Kotz D, Batra A, Kastaun S: Smoking cessation attempts and common strategies employed—a Germany-wide representative survey conducted in 19 waves from 2016 to 2019 (The DEBRA Study) and analyzed by socioeconomic status. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 7–13 VOLLTEXT
1.Kotz D, Batra A, Kastaun S: Smoking cessation attempts and common strategies employed—a Germany-wide representative survey conducted in 19 waves from 2016 to 2019 (The DEBRA Study) and analyzed by socioeconomic status. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 7–13 VOLLTEXT

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Cryonix
am Donnerstag, 15. Oktober 2020, 12:30

Cochrane Review zeigt Nutzen von E-Zigaretten für den Rauchstopp

Wie viel Nikotin mit der E-Zigarette tatsächlich gedampft wird, ist sowohl der Literatur, als auch umfangreichen Studien entnehmbar. Größte Aussagekraft dazu wird dem Nikotin-Plasmaspiegel beigemessen. Nach Farsalinos et al. (1) beträgt der Spiegel 5 Minuten nach Exposition (mit einem Liquid von 18mg/ml) etwa ¼ bis 1/3 dessen, was nach Rauchen einer herkömlichen Zigarette nachweisbar ist.

Der Vergleich der Nikotinaufnahhme von durchschnittlich 1mg/Zigarette mit dem Nikotingehalt eines Liquids ist unzulässig. Wenn, dürfte hier allenfalls der Alkaloidgehalt des Fillers im Vergleich herhalten und der beträgt im Durchschnitt 12…14mg/Zigarette.

Die Schlussfolgerung, ein Konsument von E-Zigaretten nähme die gesamte Menge an Nikotin aus dem Liquid und somit täglich 100mg Nikotin auf, liegt daher um Größenordnungen daneben.
Die Behauptung, alles im Liquid vorhandene Nicotin würde vom Konsument aufgenommen, ist unzutreffend.

Auch entstammt die nicht weiter quantifizierte Angabe der extremen Giftigkeit, „[…] Tabaks oder ein Teeaufguss aus wenigen Zigaretten ist tödlich“ falschen Berechnungen aus dem vorletzten Jahrhundert. Die als lethal anzusetzenden Dosen wurden bereits vor Jahren korrigiert (2)(3)
(gegeben sei nur 500mg Nicotin als lethal, somit ergibt sich mit 13mg/Zigarette eine Menge von 38,5 Zigaretten, also gut 2 Schachteln, die verzehrt oder als Aufguss inkorporiert werden müssten!)

Aus derart vergröbernden Schätzungen nun ein Fazit zu generieren: „Die Kernaussage des Artikels, E-Zigaretten seien eine Unterstützungsform zum Rauchstopp, ist nicht haltbar“ geht fehl. Daniel Kotz et al. haben dies in der aus der DEBRA Studie gewonnenen Zusammenfassung über „Rauchstoppversuche und genutzte Entwöhnungsmethoden“ (4) auch keinesfalls behauptet. Vielmehr ist hier die Angabe zu finden, dass als nicht evidenzbasierte häufigste einzeln genutzte Unterstützungsform die E-Zigarette mit insgesamt 10,2 % Anteil unter den Befragten angegeben wurde.

Dennoch kann die E-Zigarette sehr wohl als solche angesehen werden.
Ein aktualisiertes Review der Cochrane Collaboration (5) hat im Oktober 2020 der Verwendung nicotinhaltiger elektronische Zigaretten eine deutliche Überlegenheit gegenüber allen anderen Methoden für einen erfolgreichen Rauchstopp bescheinigt. Das trifft insbesondere auf Nicotinkaugummis und Pflaster zu. Ein noch deutlicherer Vorteil zeigte sich im Vergleich zu verhaltenstherapeutischen Unterstützungsmaßnahmen oder Versuchen ganz ohne Unterstützung das Rauchen aufzugeben.
Die Einschätzung des wesentlich verringerten Schadpotentials wurde ebenfalls nochmals bestätigt: „Der wissenschaftliche Konsens lautet, dass E-Zigaretten wesentlich weniger schädlich sind als traditionelle Zigaretten, jedoch sind sie nicht risikofrei.“ (6)


(1) Farsalinos, K., Spyrou, A., Tsimopoulou, K. et al. Nicotine absorption from electronic cigarette use: comparison between first and new-generation devices. Sci Rep 4, 4133 (2014). https://doi.org/10.1038/srep04133

(2) Mayer, B. (2014) How Much Nicotine Kills a Human—Tracing Back the Generally Accepted Lethal Dose to Dubious Self-Experiments in the Nineteenth Century. Archives of Toxicology, 88, 5-7.
https://doi.org/10.1007/s00204-013-1127-0

(3) Die tödliche Dosis liegt bei 500-1000mg und ist damit mehr als 10-fach höher als der aus dem Jahr 1856 stammende Wert von 40-60mg (~5 Zigaretten), der seit dieser Zeit sehr lange ungeprüft übernommen wurde.
Mutschler: Arzneimittelwirkungen, 2020, 11. Aufl., S. 1177 – 1178

(4) Kotz D, Batra A, Kastaun S: Smoking cessation attempts and common strategies employed—a Germany-wide representative survey conducted in 19 waves from 2016 to 2019 (The DEBRA Study) and analyzed by socioeconomic status.
Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 7–13. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0007

(5) Jamie Hartmann-Boyce et al.: „Electronic cigarettes for smoking cessation“, Cochrane Systematic Review, 14. Oktober 2020, DOI: 10.1002/14651858.CD010216.pub4

(6) Cochrane Deutschland: Cochrane Review zeigt Nutzen von E-Zigaretten für den Rauchstopp https://www.cochrane.de/de/news/cochrane-review-zeigt-nutzen-von-e-zigaretten-f%C3%BCr-den-rauchstopp , 14. Oktober 2020

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Literatur: B. Mayer: Die E-Zigarette, delta-X-Verlag, Wien, Oktober 2020

Fachgebiet

Der klinische Schnappschuss

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