ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2020Multiple Sklerose: Impulstherapie bleibt Option

PHARMA

Multiple Sklerose: Impulstherapie bleibt Option

Baierl, Bettina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der monoklonale Antikörper Alemtuzumab kann nach einer Nutzen-Risiko-Bewertung durch die EMA weiterhin zur krankheitsmodifizierenden Monotherapie bei Patienten mit hochaktiver oder rasch fortschreitender schubförmig-remittierender Multipler Sklerose eingesetzt werden.

Mit dem Abschluss des Pharmakovigilanz-Verfahrens zu Alemtuzumab (Lemtrada®, Sanofi) durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) Anfang 2020 hat der monoklonale Antikörper auch ein Update seiner Fachinformation bekommen: Alemtuzumab ist in der EU demnach ab sofort zugelassen zur krankheitsmodifizierenden Monotherapie bei Patienten mit rasch fortschreitender schubförmig-remittierender Multipler Sklerose (RRMS) – definiert durch 2 oder mehr Schübe mit Behinderungsprogression in 1 Jahr und ≥ 1 Gadolinium-anreichernden Läsionen im MRT des Gehirns oder mit signifikanter Erhöhung der T2-Läsionen im Vergleich zu einem kürzlich durchgeführten MRT.

Eine weitere Indikation ist die hochaktive RRMS trotz vollständiger und angemessener Behandlung mit ≥ 1 krankheitsmodifizierenden Therapie (DMT) (1). Neben der modifizierten Indikation wurden zusätzliche Gegenanzeigen und risikominimierende Maßnahmen in die Fachinformation aufgenommen (1).

Anzeige

Einsatz nur im Krankenhaus

So sollten Einleitung und Überwachung der Behandlung durch einen erfahrenen Neurologen in einem Krankenhaus mit der Möglichkeit sofortiger intensivmedizinischer Behandlung erfolgen und die Patienten für mindestens 48 Monate in einem Monitoring-Programm geführt werden (1). Die definierte Nachbeobachtung nach der letzten Infusion führe laut Engelmann dazu, dass verzögert auftretende unerwünschte Ereignisse (UE) rechtzeitig erkannt und erfolgreich behandelt werden könnten. Alemtuzumab war von der EMA einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen worden, da es Berichte über seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkungen mit zum Teil tödlichem Ausgang gegeben hatte (2).

Die Impulstherapie mit Alemtuzumab wird in der Regel in 2 Behandlungsphasen verabreicht. „Wir können somit Patienten, die von einer solchen Impulstherapie profitieren, weiterhin mit Alemtuzumab behandeln“, kommentierte Prof. Dr. med. Sven Meuth, Münster, die aktuelle Situation. Immerhin wurden nach Meuth inzwischen weltweit mehr als 24 000 Patienten und in Deutschland mehr als 3 000 Patienten mit Alemtuzumab therapiert. Wie der Neurologe weiter ausführte, handele es sich bei Alemtuzumab um ein „immunologisch hochinteressantes Wirkprinzip“: Der gegen CD52 gerichtete Antikörper führt zu einer Depletion zirkulierender T- und B-Zellen mit anschließender Repopulation (1).

„Es kommt dadurch zu einer Reorganisation des fehlgesteuerten Immunsystems“, erläuterte Meuth. Dieses Wirkprinzip erkläre die bei vielen Patienten zu beobachtende nachhaltige Wirksamkeit des Arzneimittels. Die Wirksamkeit und das Sicherheitsprofil wurden in einem umfassenden Studienprogramm dokumentiert: Meuth zufolge liegen derzeit 9-Jahres-Langzeitdaten aus Extensionsstudien der Phase-III-Studie CARE-MS I und II sowie Real-World-Evidenz aus der TREAT-MS-Studie vor (3, 4).

Letztere unterstützt nach Ansicht des Experten die Ergebnisse der CARE-MS-Zulassungsstudien. In der deutschen TREAT-MS-Studie (4) haben seit Oktober 2018 779 Patienten (81,4 % mit und 14,8 % ohne vorangegangene DMT-Behandlung, 3,9 unbekannt) das Screening durchlaufen.

Insgesamt 773 (99 %) Patienten haben mit der 1. Behandlungsphase Alemtuzumab begonnen und 539 (69 %) mit der 2. Behandlungsphase. Unabhängig von der Anzahl an Vortherapien zeigten Patienten der TREAT-MS-Studie unter Alemtuzumab reduzierte Schubraten und stabile EDSS-Werte (Expanded Disability Status Scale).

Rechtzeitige Therapie wichtig

Das Sicherheitsprofil war vergleichbar mit dem der CARE-MS-Studien. Die UE-Inzidenz stieg mit der Anzahl an Vortherapien tendenziell an (4). Das unterstreiche die Bedeutung einer rechtzeitigen Behandlung mit dieser hocheffizienten Therapie bei Patienten mit entsprechender Indikation, so Meuth. Langzeitdaten aus CARE-MS II zeigen zudem unter Alemtuzumab niedrige Konversionsraten (5).

Nach 6 Jahren entwickelten unter Anwendung der Lorscheider-Kriterien 3,7 % der vorbehandelten RRMS-Patienten eine sekundär progrediente MS (SPMS) – im Gegensatz zu 18 % einer therapierten Vergleichspopulation. Das ist nach Meuth als klarer Hinweis auf eine Verzögerung der Konversion zur SPMS durch Alemtuzumab zu interpretieren. Bettina Baierl

Quelle: Web-Pressekonferenz „Therapieentscheidung mit Weitblick – Alemtuzumab im Fokus“, 17. März 2020; Veranstalter: Sanofi

1.
Fachinformation Lemtrada®, Stand Januar 2020.
2.
Prüfung im Artikel-20-Verfahren durch die EMA: https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/referrals/lemtrada.
3.
Montalban 4et al.: Mult Scler 2019; 25 (S2): 357–580, 974 CrossRef
4.
Ziemssen T, et al.: Mult Scler 2019; 25 (S2): 357–580, P988 CrossRef
5.
Horakova D, et al.: Mult Scler J 2017; 23 (S3): 427–679, P1195 CrossRef MEDLINE
1. Fachinformation Lemtrada®, Stand Januar 2020.
2.Prüfung im Artikel-20-Verfahren durch die EMA: https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/referrals/lemtrada.
3.Montalban 4et al.: Mult Scler 2019; 25 (S2): 357–580, 974 CrossRef
4.Ziemssen T, et al.: Mult Scler 2019; 25 (S2): 357–580, P988 CrossRef
5.Horakova D, et al.: Mult Scler J 2017; 23 (S3): 427–679, P1195 CrossRef MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema