ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2020Ambulante Versorgung: Rückkehr zum Normalbetrieb

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Ambulante Versorgung: Rückkehr zum Normalbetrieb

Korzilius, Heike

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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat Vorschläge vorgelegt, wie Ärzte und Psychotherapeuten die reguläre Versorgung ihrer Patienten schrittweise wieder aufnehmen können. Die Voraussetzung: ausreichende Schutzausrüstung und eine Trennung von Corona- und anderen Patienten.

Foto: picture alliance/dieKLEINERT.de
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Klebebandstreifen am Boden sorgen dafür, dass Patientinnen und Patienten ausreichend Abstand voneinander halten. In Untersuchungs- und Wartezimmern gilt die Einpersonenregel. Plexiglasscheiben trennen, wie an der Supermarktkasse, die Medizinischen Fachangestellten am Anmeldetresen von den Patienten. Patienten, deren Symptome auf eine mögliche Infektion mit SARS-CoV-2 hindeuten, werden nach telefonischer Voranmeldung getrennt von den übrigen Patienten in die Praxis bestellt. Vorkehrungen wie diese sind bereits jetzt Alltag in vielen Arztpraxen in Deutschland, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu verlangsamen. Sie könnten auch die Vorlage dafür sein, wie der „strukturierte Weg zurück in die Normalität“ aussehen könnte.

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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat am 16. April in Berlin ein Papier vorgelegt, in dem sie Vorschläge und Voraussetzungen für eine Rückkehr der Praxen von niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten zum Regelbetrieb formuliert. Angesichts der Empfehlungen verschiedener wissenschaftlicher Gesellschaften und erster Schritte von Bund und Ländern, die strengen Einschränkungen des öffentlichen Lebens infolge der Coronapandemie zu lockern, wolle man mit dem Papier „Back to Life“ aus medizinischer Sicht einen Beitrag zu einer Exit-Strategie leisten, erklärte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen. Denn eine Lockerung des Shutdowns sei angesichts der Folgen für die Wirtschaft aber auch für die medizinische Versorgung alternativlos.

Eine Million FFP2-Masken

Wesentliche Voraussetzung für eine Rückkehr in die Routineversorgung sei, dass die Praxen über ausreichend persönliche Schutzausrüstung verfügten, sagte Gassens Vorstandskollege Dr. med. Stephan Hofmeister. Nur so könnten Praxispersonal und Patienten wirksam vor einer Ansteckung mit dem neuen Coronavirus geschützt werden. „Mit ausreichender Schutzausrüstung steht und fällt alles“, sagte er. Diese sei allerdings weiterhin knapp.

In diesem Zusammenhang wies Hofmeister darauf hin, dass die KBV eine Million FFP2-Masken in China bestellt habe, die jetzt sukzessive über die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) an die Praxen verteilt würden. Die KBV werde auch weiterhin Masken bestellen, um dabei mitzuhelfen, die Versorgung zu sichern, kündigte Hofmeister an.

Der Weg zurück in die Normalität muss nach Ansicht der KBV nach dem Prinzip bestmöglicher Risikoverminderung erfolgen. Das bedeute, dass so weit wie möglich COVID-19-Verdachts- und -Erkrankungsfälle von anderen Patienten getrennt werden müssten. Geschützt werden müssten insbesondere Risikogruppen wie ältere Patienten, Raucher, Patienten mit Vorerkrankungen wie COPD, Herz-KreislaufErkrankungen und onkologischen Erkrankungen sowie immunsupprimierte Patienten, die mit höherer Wahrscheinlichkeit schwere Krankheitsverläufe entwickelten. In der akuten Phase der Pandemie mit steigenden Infektionszahlen hätten die KVen, zum Teil gemeinsam mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst, für eine solche zweigliedrige Versorgung gesonderte Strukturen geschaffen. Entstanden seien Corona-schwerpunktpraxen und – ambulanzen, Coronasprechstunden bei Hausärzten sowie Telefonsprechstunden und Besuchsdienste zur Abklärung von Verdachtsfällen und zum Monitoring bestätigter Fälle in häuslicher Quarantäne. Dauerhaft sei die Aufrechterhaltung von eigenständigen Versorgungsstrukturen für Coronaverdachtsfälle und COVID-19-Patienten aber weder wirtschaftlich noch notwendig, erklärte KBV-Vorstand Hofmeister. Die Zahl der Patienten, die mit Verdachtssymptomen die Coronapraxen aufsuchten, liege mittlerweile täglich zwischen null und vier.

Infektsprechstunden anbieten

Mittelfristig müssten deshalb die Aufgaben der COVID-Zentren in den Regelbetrieb der Praxen integriert werden, heißt es im Papier der KBV. Haus- und Kinderärzte sowie Fachgruppen wie Kardiologen, Pneumologen, Radiologen oder HNO-Ärzte sollten dafür flächendeckend „Infektsprechstunden“ anbieten, um auf diese Weise mutmaßliche COVID-19-Patienten von den anderen Patienten getrennt zu versorgen. Dazu gehöre auch, dass die Bürger immer wieder darauf hingewiesen werden müssten, dass sie bei typischen COVID-19- Symptomen, nach Kontakt zu COVID-19-Patienten und bei unklaren Symptomen von Infektionen der oberen Atemwege vor dem Arztbesuch telefonisch Kontakt zur Praxis aufnehmen und das weitere Vorgehen besprechen.

Ebenso wie im ambulanten Bereich müssten aus medizinischer Sicht auch in den Krankenhäusern COVID-19-Verdachts- und -Erkrankungsfälle strikt von anderen Patienten getrennt werden. In ihrem Exit-Papier schlägt die KBV deshalb eine gemeinsame Diskussion über den möglichen Aufbau von COVID-19-Krankenhäusern oder separaten COVID-19-Stationen vor.

Damit Kontaktbeschränkungen gelockert werden könnten, müssten Infizierte schnell erkannt und isoliert werden können, heißt es in dem KBV-Papier weiter. In Deutschland werde bereits umfangreich getestet, sagte KBV-Chef Gassen. Dieses Niveau gelte es aufrechtzuerhalten. Massentests machten hingegen aus medizinischer Sicht keinen Sinn. Stattdessen sollten symptomatische Patienten sowie medizinisches und Pflegepersonal regelmäßig auf eine Coronainfektion getestet werden. Die KBV hält auch vorsorgliche Tests für die Bewohner in Alten- und Pflegeheimen für sinnvoll, weil diese zu den besonders vulnerablen Gruppen zählten. Für ein solches Testregime müssten aber klare Finanzierungsregelungen geschaffen werden. Für unrealistisch hält man bei der KBV die Forderung, die Testkapazitäten auf etwa 500 000 pro Tag auszuweiten. Dafür fehle es sowohl an Reagenzien und Materialien als auch an Personal, das diese gigantische Anzahl von Rachenabstrichen durchführe und in den Laboren die Hochdurchsatzmaschinen für die Auswertung der Tests bediene.

Zurzeit sei noch nicht verlässlich abzusehen, wann und in welcher Menge ein gegen das SARS-CoV-2-Virus wirksamer Impfstoff zur Verfügung stehen werde, erklärte Hofmeister. Jedenfalls könne man mit einer Rückkehr zur Regelversorgung darauf nicht warten. Denn es sei schon heute so, dass sich schwer kranke Patienten aus Angst vor dem Virus nicht mehr in die Praxen und Krankenhäuser trauten. „Wir müssen mit dem Coronavirus leben“, sagte Hofmeister. „Arztbesuche aus medizinischer Indikation müssen weiterhin stattfinden können.“ Zur Wiederaufnahme des Normalbetriebs benötige man pragmatische Lösungen, wie sie das KBV-Papier vorschlage. „Bei vorhandener Schutzausrüstung und funktionierender Trennung der Patientenströme können wir den Regelbetrieb morgen wieder aufnehmen“, bekräftigte Hofmeister.

COVID-19 ist nicht die Hauptlast

COVID-19 sei zurzeit das alles beherrschende Thema, sagte Gassen. „Aus ärztlicher Sicht ist das aber nicht die Hauptkrankheitslast.“ Es gebe viele schwere Erkrankungen wie Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Krebs, deren Behandlung nicht in den Hintergrund treten dürfe. Diese endeten unbehandelt fast immer tödlich, während eine Infektion mit SARS-CoV-2 in 80 Prozent der Fälle glimpflich verlaufe.

Es sei absolut sinnvoll gewesen, sich auf die Pandemie vorzubereiten und zusätzliche Behandlungskapazitäten insbesondere auf den Intensivstationen zu schaffen, erklärte Gassen. Jetzt führten aber viele Krankenhäuser Kurzarbeit ein, weil der befürchtete Ansturm an COVID-19-Erkrankten zum Glück ausgeblieben sei. Auch die Praxen seien leerer. „Der Regelbetrieb kann nicht dauerhaft ausgesetzt bleiben. Wir müssen allmählich wieder zum Alltag zurückzukehren“, bekräftigte der KBV-Vorsitzende. Heike Korzilius

Marburger Bund: Ärzte und Pflegende häufiger testen

Mit Blick auf einen möglichen Ausstieg aus dem Coronalockdown hat der Marburger Bund (MB) gefordert, medizinisches und pflegerisches Personal häufiger auf eine Coronainfektion zu testen. Es gebe zurzeit keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie hoch die Infektionsrate unter Ärzten und Pflegenden sei. Von deren Einsatzmöglichkeiten hänge aber die weitere Planung von Krankenhauskapazitäten in den nächsten Wochen und Monaten ganz maßgeblich ab. Der MB setzt sich zudem dafür ein, die Entwicklung neuer Testverfahren wie Antikörpertests und Schnelltests voranzutreiben. „Nur eine sichere Datengrundlage gestattet es, Planungen zum schrittweisen Aufbau der Regelversorgung in den Krankenhäusern durchzuführen“, sagte die 1. Vorsitzende des MB, Dr. med. Susanne Johna. Maxime müsse aber bleiben, ausreichende Reservekapazitäten für die Behandlung von Patienten mit COVID-19 flächendeckend vorzuhalten.

Wie zuvor schon der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, und die Vorstände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Andreas Gassen und Dr. med. Stephan Hofmeister, appellierte auch Johna an Patientinnen und Patienten, bei erkennbaren Beschwerden ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Krankenhäuser hätten sich gut auf die neue Situation eingestellt und Voraussetzungen zur Behandlung von infektiösen und nicht-infektiösen Patienten geschaffen. Allerdings kritisierte auch Johna, dass es immer noch Engpässe bei der Versorgung mit ausreichend Schutzkleidung gebe.

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