ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2020HIV-Infektion: Monatliche Injektion ist so wirksam wie eine tägliche Tabletteneinnahme

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

HIV-Infektion: Monatliche Injektion ist so wirksam wie eine tägliche Tabletteneinnahme

Warpakowski, Andrea

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Foto: picture alliance
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Eine monatliche subkutane Injektion des Integraseinhibitors Carbotegravir und des nicht-nuklesosidalen Reverse-Transkriptasehemmers Rilpivirin unterdrückt die Virusreplikation vergleichbar wirksam wie eine einmal tägliche orale Dreifachkombination. Das belegen die beiden offenen, randomisierten Phase-3-Studien ATLAS und FLAIR.

An der Studie ATLAS nahmen 616 HIV-Patienten teil, deren Viruslast unter einer Dreifachkombination seit mindestens 6 Monaten stabil unter 50 Kopien/mL lag. Zu Studienbeginn wurde die Therapie bei jeweils 308 Patienten auf die Monatsspritze umgestellt oder die orale Therapie fortgeführt.

In der Studie FLAIR erhielten 631 therapienaive Patienten zunächst eine 20-wöchige orale Induktionstherapie mit einer Integraseinhibitor-basierten Dreifachkombination. Bei einer Viruslast < 50 HIV-RNA-Kopien/mL Blut wurde die Therapie dann randomisiert auf die monatliche Injektion umgestellt (n = 283) oder fortgeführt (n = 283). In beiden Studien wurde der primäre Endpunkt, der Anteil der Patienten mit einer Viruslast ≤ 50 Kopien/mL zu Woche 48, erreicht. In der ATLAS-Studie trat bei 1,6 % (n = 5) der Patienten aus der Spritzen-Gruppe und bei 1,0 % (n = 3) aus der Tabletten-Gruppe ein virologisches Versagen auf. In der FLAIR-Studie war das bei 2,1 % (n = 6) bzw. 2,5 % (n = 7) der Fall. Die Anzahl der Patienten mit einer nicht nachweisbaren Viruslast zu Woche 48 lag bei 92,5 % vs. 95,5 % (ATLAS: s.c vs. oral) und 93,6 % versus 93,3 % (FLAIR: s.c. vs. oral). Die monatlichen Injektionen waren der täglichen Einnahme nicht unterlegen. Fast alle Patienten (75–85 %) berichteten von Reaktionen, vor allem Schmerzen an der Injektionsstelle. Diese waren meist leicht bis mittelschwer und vorübergehend. Nur wenige Patienten brachen deshalb die Studie ab. In beiden Studien stieg die Zufriedenheit mit der Behandlung bei den Patienten, deren orale Therapie auf die Monatsspritze umgestellt wurde.

Fazit: „Die monatliche intramuskuläre Injektion eines Depotpräperates mit den Wirkstoffen Cabotegravir und Rilpivirin erspart HIV-Patienten künftig potenziell ihre tägliche Einnahme der Medikamente“, verweist Prof. Jürgen Rockstroh, Bonn, auf den Vorteil der langwirksamen HIV-Medikamente. „Mit einfachen, einmal täglich einzunehmenden Fixdosiskombinationen könnte man meinen, dass weitere Therapievereinfachungen kaum noch nötig wären, aber die Vorstellung von langwirksamen antiviralen Medikamenten findet bei den Patienten erheblichen Zuspruch. Viele leiden am HIV-Stigma und würden gerne eine tägliche Therapie, die sie und ihr Umfeld ständig an ihre HIV-Infektion erinnert, hinter sich lassen. Es gibt auch Stimmen, die hervorheben, dass damit die HIV-Therapie in der jeweiligen HIV-Einrichtung stattfindet und der Patient sich in den Wochen bis zum nächsten Termin nicht mehr kümmern muss. Weitere Studien zu diesem ersten antiretroviralen Depotpräparat legen nahe, dass sich möglicherweise die Injektionen auf alle 8 Wochen ausdehnen lassen, was für die Patienten eine weitere deutliche Vereinfachung wäre und auch die logistischen Herausforderungen für die HIV-Zentren etwas abmildern würden. Wie im praktischen Alltag ein vermehrter Bedarf an diesen Injektionsbehandlungen umzusetzen ist, muss vor der Einführung dieses neuen Therapiekonzeptes noch im Detail geklärt werden.“ Andrea Warpakowski

  1. Swindells S et al.: Long-acting cabotegravir and rilpivirine for maintenance of HIV-1 suppression. N Engl J Med 2020; 382: 1112–23.
  2. Orkin C et al.: Long-acting cabotegravir and rilpivirine after oral induction for HIV-1 Infection. N Engl J Med 2020; 382: 1124–35.

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