ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2020COVID-19: Befall des Endothels könnte Multiorganversagen erklären

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

COVID-19: Befall des Endothels könnte Multiorganversagen erklären

Meyer, Rüdiger

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Foto: ag visuell/stock.adobe.com
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Eine kleine Fallserie von 3 COVID-19-Patienten zeigt, dass SARS-CoV-2 offenbar auch das vaskuläre Endothel infiziert. Eine Endotheli-itis könnte demnach das Multiorganversagen erklären, das bei 2 der COVID-19-Patienten zum Tod und beim 3. Patienten zu einem schweren Mesenterialinfarkt führte.

Nicht alle Patienten mit COVID-19 sterben an den Folgen einer Pneumonie. Unter den Opfern sind auch viele, die gar nicht beatmet werden mussten. Mittlerweile mehren sich die Hinweise, dass die Viren auch andere Organe angreifen. So wurden die ACE2-Rezeptoren, über die SARS-CoV-2 in die Zellen gelangt, zuletzt auch auf Endothelzellen nachgewiesen.

Bei den 3 Patienten war gezielt nach einem Befall der Blutgefäße gesucht worden. Der erste Patient, ein 71 Jahre alter Mann, musste nach einer Nierentransplantation Immunsuppressiva einnehmen. Er war 8 Tage nach Erkrankungsbeginn an einem Multiorganversagen gestorben. Die histologischen Untersuchungen zeigten, dass es in den Blutgefäßen von Herz, Niere und Darm zu einer Endotheliitis und Apoptose einzelner Endothelzellen gekommen war.

Bei der zweiten Patientin, einer 58 Jahre alten Frau mit Diabetes, Bluthochdruck und Adipositas, war es am 16. Tag der Erkrankung zu einem Mesenterialinfarkt gekommen. Die Frau starb kurz nach der chirurgischen Entfernung des abgestorbenen Darmabschnitts an einem Herzinfarkt. Bei der Autopsie wurde eine Endotheliitis in Lunge, Herz, Niere und Leber sowie eine Leberzellnekrose entdeckt.

Der dritte COVID-19-Patient, ein 69 Jahre alter Mann mit Bluthochdruck, wurde wegen eines Lungenversagens beatmet, als es zu einem Mesenterialinfarkt kam. Der Patient überlebte. In dem entfernten Darmabschnitt war eine ausgeprägte Endotheliitis mit Apoptose nachweisbar.

Fazit: Prof. Dr. med. Frank Ruschitzka, Direktor des Universitären Herzzentrums Zürich und einer der Autoren des Berichts, schlussfolgert aus den Ergebnissen, dass COVID-19 mit einer systemischen Gefäßentzündung einhergeht: „Wir sollten das Krankheitsbild von nun an als COVID-Endotheliitis beschreiben“. Und dies hat auch therapeutische Konsequenzen: Bei den Patienten sollte nach Ansicht des Kardiologen nicht nur die Replikation der Viren unterdrückt, sondern auch die Endo-thelfunktion stabilisiert werden, etwa durch den Einsatz von antientzündlichen Medikamenten, Lipidsenkern und ACE-Hemmern. Rüdiger Meyer

Varga Z, Flammer AJ, Steiger P, et al.: Endothelial cell infection and endotheliitis in COVID-19. The Lancet 2020 Apr 20; doi: 10.1016/S0140–6736(20)30937–5.

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