ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2020Sterblichkeitsrisiko bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Renin-Angiotensin-Blockade auch bei Verschlechterung der Nierenfunktion sinnvoll

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Sterblichkeitsrisiko bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Renin-Angiotensin-Blockade auch bei Verschlechterung der Nierenfunktion sinnvoll

Vetter, Christine

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Foto: reineg/stock.adobe.com
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Ob es sinnvoll ist, einen ACE-Hemmer oder ein Sartan abzusetzen, wenn sich die Nierenfunktion des Patienten verschlechtert, haben US-Wissenschaftler anhand einer retrospektiven Studie bei 3 909 Patienten im durchschnittlichen Alter von 74 Jahren untersucht. Konkret geprüft wurde, ob das Absetzen der Renin-Angiotensin-System-Blocker (RAS-Blocker) innerhalb von 6 Monaten nach Absinken der eGFR (estimated GFR) Auswirkungen auf die kardiovaskuläre Ereignisrate (Tod, Myokardinfarkt, perkutane Koronarintervention oder koronare Bypass-OP) oder auf die Mortalitätsrate oder die Entwicklung eines Nierenversagens hat.

Als Schwellenwert wurde eine eGFR von 30 mL/Min/1,73 m2 definiert. Bei 1 235 Patienten, die entsprechend den Daten in einem Patientenregister in Pennsylvania mit einem ACE-Hemmer oder einem Sartan behandelt wurden, war die Therapie bei Erreichen dieses Werts abgesetzt worden, 2 674 Patienten wurden trotz Verschlechterung der Nierenfunktion weiter mit dem RAS-Blocker behandelt.

Die beiden Patientengruppen sollen über einen Zeitraum von 5 Jahren nachverfolgt werden. Insgesamt 434 (35,1 %) der Patienten, bei denen der RAS-Blocker abgesetzt wurde, und 786 (29,4 %) derjenigen, die weiter behandelt wurden, waren nach einem medianen Follow-Up von 2,9 Jahren verstorben.

Kardiovaskuläre Ereignisse traten nach dem Fortführen der Therapie bei 34 % und nach dem Absetzen der RAS-Blockade bei 40 % der Patienten auf. Damit ergibt sich für die Beendigung der RAS-Blockade ein um nahezu 40 % erhöhtes Mortalitätsrisiko (Hazard Ratio [HR]: 1,39; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [1,20; 1,60]) und ein erhöhtes Ereignisrisiko (HR: 1,37 [1,20; 1,56]) im Vergleich zur Beibehaltung der Therapie mit einem ACE-Hemmer oder mit einem Sartan.

Zwar trat unter der fortgesetzten RAS-Blockade mit 7 % vs. 6,6 % beim Therapieabbruch häufiger ein Nierenversagen auf, zwischen den beiden Vergleichsgruppen bestand jedoch kein signifikanter Unterschied (HR: 1,19 [0,86; 1,65]). Auch bei Patienten, bei denen die eGFR innerhalb eines Jahres um mehr als 40 % abgefallen war, war das Ergebnis vergleichbar.

Fazit: „Die Studie beantwortet die sich im klinischen Alltag häufig stellende Frage des Absetzens von ACE-Hemmern oder Renin-Angiotensin-Antagonisten, wenn sich die Nierenfunktion kritisch verschlechtert“, kommentiert Professor Dr. med. Christian Hamm, Direktor der Medizinischen Klinik I (Kardiologie und Angiologie) des Universitätsklinikums Gießen. Die vorgestellte Studie nehme vor allem die Sorge, dass eine fortgesetzte Behandlung mit Hemmern des Renin-Angiotensin Systems das Risiko eines terminalen Nierenversagens erhöht. Im Gegenteil: „Die Renin-Angiotensin-System-Blockade sollte den Studienergebnissen zufolge sogar fortgesetzt werden, um kardiovaskuläre Komplikationen zu verhindern.“ Christine Vetter

Qiao Y, Shin JI, Chen TK et al.: Association between renin-angiotensin system blockade discontinuation and all-cause mortality among persons with low estimated glomerular filtration rate. JAMA Intern Med 2020, doi: 10.1001/jamainternmed.2020.0193

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