ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2020Häusliche Gewalt in Pandemiezeiten: Hellhörig sein und Hilfe abwägen

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Häusliche Gewalt in Pandemiezeiten: Hellhörig sein und Hilfe abwägen

Spielberg, Petra

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Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen und des Wegfalls sozialer Kontakte nimmt die häusliche Gewalt zu. Ärztinnen und Ärzte sollten daher besonders wachsam sein und auf Anzeichen für Misshandlungen oder Missbrauch achten. Beratungsangebote helfen bei Fragen oder Unsicherheiten.

Anstieg häuslicher Gewalt in Pandemiezeiten: Bereits jetzt verzeichnen Hilfetelefone eine verstärkte Nachfrage nach Beratung. Foto: lolostock/iStock
Anstieg häuslicher Gewalt in Pandemiezeiten: Bereits jetzt verzeichnen Hilfetelefone eine verstärkte Nachfrage nach Beratung. Foto: lolostock/iStock

Für Ärztinnen und Ärzte bedeutet die Coronapandemie nicht nur eine besondere Herausforderung mit Blick auf die Behandlung der hohen Zahl an Infizierten. In den letzten Wochen sind sie darüber hinaus zunehmend gefordert, sich mit den psychischen Belastungen, denen vor allem Familien durch die Krise ausgesetzt sind, und der damit einhergehenden Zunahme häuslicher Gewalt auseinanderzusetzen.

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„Kontaktbeschränkungen und Quarantänemaßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Ausbreitung sind für viele Familien eine enorme Herausforderung. Druck, Existenzängste und Konflikte können insbesondere in bereits belasteten Familien in Gewalt gegen Kinder und Jugendliche münden“, macht das Bundesfamilienministerium (BMF) deutlich.

Fehlende soziale Kontrolle und der Mangel an Möglichkeiten, sich Gewaltsituationen zu entziehen, würden die Situation für viele betroffene Frauen und Kinder verschärfen, so die Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend. Insbesondere Kinder, die zu hause physische, psychische oder sexualisierte Gewalt erlebten, seien der Situation weitgehend ausgeliefert.

Sorge vor weiterer Eskalation

Die bundesweite Opferhilfe Weißer Ring sowie die Bundes­psycho­therapeuten­kammer fürchten zudem eine weitere Eskalation. „Wir müssen leider mit dem Schlimmsten rechnen“, sagt Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des Weißen Rings.

„Wie sehr sich die Lage in den eigenen vier Wänden in den vergangenen Wochen verschärft hat, wissen wir womöglich erst nach Ende der Krise“, so auch Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin (BMF) Franziska Giffey. Denn häufig meldeten sich Betroffene erst mit einer Verzögerung.

Gleichwohl verzeichnen Telefonhotlines jetzt schon eine verstärkte Nachfrage nach Beratung. So ist die Anzahl der Anrufe beim Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer“ nach Angaben des BMF aktuell um 21 Prozent gegenüber den Vormonaten gestiegen. Bei der Chat-Beratung für Kinder und Jugendliche liegt der Anstieg dem BMF zufolge sogar bei 26 Prozent.

Dass belastete Familien zunehmend auch Rat bei Ärzten suchen, spiegelt sich zudem in den zahlreichen Anfragen an die Medizinische Kinderschutzhotline (MKH) wider, eine Kooperation der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm und der DRK Kliniken Berlin. Die Hotline bietet Ärzten und Psychotherapeuten rund um die Uhr eine kostenlose telefonische Beratung bei Verdachtsfällen von Kindesmissbrauch an.

„Wir haben in der Beratungstätigkeit rasch gemerkt, dass das Thema familiäre Belastung durch die Pandemie besonders bei den Fachkräften im Gesundheitswesen ankommt“, so der Pädiater Oliver Berthold, Leiter der Kinderschutzambulanz an den DRK Kliniken und klinischer Teamleiter in der MKH. Denn gerade in Zeiten einer gesundheitlichen Bedrohung seien Ärzte häufig die ersten und mitunter die einzigen, die Kontakt zu einer Familie hätten, bei denen ein Unterstützungsbedarf ersichtlich oder von dieser selbst formuliert würde.

Aktuell sähen sich fast alle haus- und fachärztlichen Praxen mit psychischen Erkrankungen sowie den Auswirkungen von Stress, Konflikten, Übergriffen und Gewalthandlungen konfrontiert. Die besondere Situation erfordere von den Ärzten einerseits Fingerspitzengefühl, dürfe andererseits aber nicht dazu führen, wegzuschauen und nichts zu machen, so Berthold.

Betroffene nicht allein lassen

Auch der Berliner Verein S.I.G.N.A.L. – Intervention im Gesundheitsbereich gegen Gewalt appelliert an Ärztinnen und Ärzte, Betroffene häuslicher Gewalt während der Coronakrise nicht allein zu lassen. In einer über die Homepage von S.I.G.N.A.L. sowie die Internetseiten zahlreicher anderer Stellen, darunter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), zugänglichen Fachinformation mit praxisnahen Tipps fasst der Verein zusammen, mit welchen Maßnahmen Einrichtungen im Gesundheitswesen Betroffene unterstützen können. Dazu zählt in erster Linie, Informationen, zum Beispiel in Form von Plakaten oder ausgelegten Materialien, zugänglich zu machen oder Gewaltbetroffene bei Bedarf auf weiterführende Beratungsstellen hinzuweisen. Eine Liste mit Links zu Infomaterial zum Herunterladen sowie Adressen und Anlaufstellen, bei denen sich interessierte Ärzte auch selbst beraten lassen können, ist der Fachinformation beigefügt.

Auf der Themenseite „Interventionen bei Gewalt“ der KBV finden sich weitere Kontaktmöglichkeiten und Hilfsangebote beziehungsweise über den Online-Shop kostenlos beziehbare Flyer, Wartezimmerplakate, Klappkarten sowie Broschüren mit wichtigen Telefonnummern oder Informationen zum Auslegen.

Die MKH stellt Fachkräften im Gesundheitswesen ebenfalls eine kostenfreie Arbeitshilfe zum Download zur Verfügung. Sie soll die Unterstützung von Familien erleichtern, die durch die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen besonderen Belastungen ausgesetzt sind. Für unbedingt erforderlich hält Berthold es, dass sich Ärzten bei Verdacht auf eine familiäre Belastung, insbesondere, wenn psychische Vorerkrankungen bekannt sind, aktiv als Ansprechpartner während der Krise anbieten. Dies könne auch mittels eines konkret vereinbarten Telefongesprächs erfolgen.

„Dabei ist es sinnvoll, sich vorher genau zu überlegen, welche Unterstützung ich anbieten kann, zum Beispiel in Form von Informationen über sachliche medizinische Fakten zum Coronavirus oder über die Notwendigkeit der Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge“, so der Pädiater. Das Team der MKH habe eigens hierfür eine weitere Arbeitshilfe erstellt, die nützliche Informationen für Familien in der aktuellen Krisensituation zusammenfasst, und von Ärzten den Eltern im persönlichen Gespräch direkt ausgehändigt werden kann. Bei gewichtigen Anhaltspunkten für einen Missbrauch oder Misshandlungen, zum Beispiel aufgrund von aktuellen Befunden oder Äußerungen eines Kindes oder Jugendlichen, rät Berthold, zunächst zu prüfen, wie akut die Gefährdung sei.

Hotline hilft bei Unsicherheiten

„Hier gilt es, hellhörig zu reagieren, wenn ein Kind sich äußern will, und ihm die Möglichkeit für ein Vieraugengespräch zu eröffnen“, empfiehlt der Pädiater. Dies könne zum Beispiel geschehen, indem man den Eltern sagt: „Es gehört zu unserem Standard, dass wir Kinder ab einem gewissen Alter ohne Beisein der Eltern untersuchen.“

Ärzte sollten dabei grundsätzlich bedenken, dass derzeit manche Hilfsangebote oder ambulant tätige Dienste nicht zugänglich oder nur reduziert erreichbar sind. „Die spezifische Gefährdungseinschätzung sollte sich daher an den real verfügbaren und nicht an den prinzipiell verfügbaren Hilfen orientieren“, betont der Pädiater. Im Vordergrund sollte zudem grundsätzlich stehen, das Wohl des Kindes beziehungsweise des Jugendlichen aktuell nicht weiter zu gefährden. Bei Unsicherheiten helfe auch hier die Hotline weiter. Petra Spielberg

Nützliche Kontaktadressen

Die „Medizinische Kinderschutzhotline“ ist ein vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördertes, bundesweites, kostenfreies und 24 Stunden erreichbares telefonisches Beratungsangebot für Angehörige der Heilberufe bei Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Kindesmissbrauch.

Telefon: 0800 1921000

www.kinderschutzhotline.de

Der Berliner Verein S.I.G.N.A.L. e. V. setzt sich für eine sensible und kompetente gesundheitliche Versorgung von Erwachsenen, die von häuslicher beziehungsweise sexueller Gewalt betroffen sind, sowie ihren Kindern ein.

Telefon: 030 27595353/24630 579, E-Mail: info@signal-intervention.de.

www.signal-intervention.de

Die bundesweite Hotline „Gewalt gegen Frauen“ bietet rund um die Uhr kostenlos Betroffenen, Frauen, Bezugspersonen und Fachkräften via Telefon oder Online-Beratung erste Hilfe an.

Telefon: 0800 116016.

www.hilfetelefon.de

Nützliche Adressen und Informationen als Soforthilfe für Kinder in Zeiten von Corona finden sich auch auf der neu eingerichteten Internetseite des unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung.

www.deine-playlist-2020.de

Weitere Angebote für Patienten, Ärzte und Psychotherapeuten:

  • Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser
  • Migrantenhilfestellen
  • Psychotrauma-Ambulanzen
  • Opferschutzstellen der Polizei
  • Ärzte können zum anderen hilfreiche Informationen bei ihrer nächstgelegenen Rechtsmedizin erhalten. (Quelle: KBV)

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hennerwermke
am Donnerstag, 14. Mai 2020, 15:57

Häusliche Gewalt in Pandemiezeiten: Hellhörig sein und Hilfe abwägen

Vielen Dank für Ihre wertvollen Hinweise!
Ich bin - als Vater einer gerade 6jährigen Tochter - selbst betroffen von einer mütterlichen Angst-Störung, der sowohl das Kind als auch ich (nach Trennung von der Mutter) - z.T. weitgehend ungeschützt - ausgeliefert sind.
Einen wesentlichen Kritikpunkt sehe ich aber dennoch in diesem Artikel: Hier entsteht durchweg der Eindruck, dass diese Form der Gewalt NUR von Männern ausgeht. Das ist nachweislich falsch und bedarf der dringlichen Korrektur durch das DÄ! Die ART der Gewalt durch Frauen kann sich dabei grundsätzlich von der männlichen Gewalt unterscheiden - worauf auch unsere Medien sehr geeicht zu sein scheinen. Das dient NICHT dem Erkennen der (weiblichen) Gewalt, sondern ist VERALLGEMEINERND. Zumindest (!) im Deutschen Ärzteblatt wünsche ich mir ein solches Vorgehen nicht und hoffe auf multipolare Sichtweisen.
Dafür genieße ich auch bezgl. des Corona-Phänomens die Ausführunge von dem Psychiater und Systemtherapeuten Herrn Prof. Raphael Bonelli sowie seinem deutschen Kollegen Herrn Dr. Hans-Joachim Maatz (z.B. als YouTube-Videos verfügbar).
Frohes Schaffen 😊

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