ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2020Wissenschaftler: Keine Hellseher

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Wissenschaftler: Keine Hellseher

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Wissenschaftler, insbesondere Virologen und Epidemiologen, lernen gerade, was es heißt, im medialen Rampenlicht zu stehen. Seit Wochen sitzen sie in Talkshows und treten in Pressekonferenzen als Berater der Politik auf. Sie formulieren nicht wie Politiker, sondern direkter, verbindlicher und ehrlicher, wenn es darum geht, Ungewissheit zu benennen. So herrschte zu Beginn der Coronakrise ein allgemeiner Konsens über die ergiffenen Maßnahmen. Diese mediale Präsenz führte auch dazu, dass T-Shirts mit dem Konterfei des Virologen Christian Drosten gedruckt, Porträts in den Gesellschaftsspalten geschrieben wurden. Zuletzt erhielt er aber erschreckenderweise Morddrohungen.

Der Wind hat sich für die anfangs noch gefeierten Experten gedreht. Die Kritiker, die ihnen zuviel Macht attestieren, sind im Aufwind. Befeuert durch die massive Kritik von Armin Laschet (CDU) und Christian Lindner (FDP), die den Virologen in Talkshows vorwarfen, ihre Meinung ständig zu ändern. Dabei bieten die Wissenschaftler genau das, was ihre Aufgabe ist: Sie analysieren aktuelle Forschungsergebnisse. Dazu gehört auch, dass Fehleinschätzungen zum Erkenntnisgewinn beitragen. So funktioniert seriöse Wissenschaft.

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Dass Wissenschaftler jetzt zum Sündenbock werden, liegt auch am Erfolg der bisherigen Strategie. Die Infektionszahlen sind zurückgegangen und die Intensivbetten stehen leer. Gleichzeitig geht die Angst vor dem Virus zurück, die Bevölkerung wird leichtsinniger und die Forderungen nach weiteren Öffnungen werden immer dringlicher. Nachvollziehbar vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen. Dies aber mit den nicht genutzen Intensivbetten zu begründen, ist absurd. Man würde auch kaum den Airbag aus seinem Auto ausbauen, nur weil er Jahre nicht zum Einsatz gekommen ist.

Zwangsläufig führen die Diskussionen dazu, dass die Sicht auf die wissenschaftlichen Analysen verloren geht und die Virologen als Überbringer der schlechten Botschaft gebrandmarkt werden. Dabei hat sich nichts daran geändert, dass Politiker frei entscheiden können, Analysen der Wissenschaft zu berücksichtigen oder nicht. Beispiel Klimawandel: Hier ignorieren die Politiker dieser Welt eher die Ratschläge der Wissenschaft. Die andauernden heißen Sommer und extremen Wetterereignisse berühren offensichtlich nicht so unmittelbar wie Bilder aus überlasteten italienischen Krankenhäusern oder von ausgehobenen Gräbern in New York. In der Coronakrise fühlt sich manch Politiker sicherer, wenn ein Wissenschaftler neben ihm sitzt, auf den man die Verantwortung im schlimmsten Fall abwälzen kann.

Eine Lehre aus dieser Krise sollte daher sein, die Wissenschaft nicht so zu diskreditieren, wie Laschet und Lindner es getan haben. Eine evidenzbasierte Politikberatung verschiedener Wissenschaftsdisziplinen sollte Normalität sein. Die endgültige Entscheidung samt der Verantwortung muss weiterhin bei den Politikern liegen. Dafür sind sie vom Volk gewählt. Die Wissenschaft kann aber den Diskurs über politische Entscheidungen positiv verändern. Daher ist es auch gut, dass sie eine öffentliche Stimme bekommen hat. Die schon vor Jahren geäußerten Warnungen vor solch einer Pandemie sollten Weckruf genug sein, Forschung ausreichend zu fördern. So werden belastbare Daten geschaffen, die politische Entscheidungen unterstützen. Wissenschaftler sind Wissenschaftler, keine Hellseher.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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Avatar #619044
K.Heid
am Sonntag, 10. Mai 2020, 20:05

Vielen Dank!

Eine exzellente Bestandsaufnahme, auf den Punkt. Aus meiner Sicht braucht es neben der heute eingeleiteten Initiative zur Unabhängigkeit von internationalen Lieferketten bei Schutzbekleidung eine Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Außerdem ist am 12. Mai internationaler Tag der Pflege! Ein perfekter Anlass, um unseren Kolleginnen und Kollegen nicht nur Beifall zu klatschen, sondern ihre Arbeit konkret aufzuwerten.
Avatar #819847
Chris1991
am Sonntag, 10. Mai 2020, 09:54

Ärzte und Viruserkrankungen - Herz, Lunge Psyche... jeder was anderes

Wohl kaum, meist sind es Viren, Bakterien, Parasiten, auch Würmer...

Das ist das traurige an unserer aktuellen Medizin. Ärzte und Wissenschaftler sind keine Hellseher. Aber Heiler gab es schon immer. Hätte man sich mal früher mit Ansätzen aus der frühen Medizin auseinandergesetzt, Heilung in der Antike, Heilung im Mittelalter... nichts anderes nutzen oft auch Heilpraktiker, hätte man selbst MRSA schon lange bekämpft. Siehe Terra X, verlorenes Wissen aus dem Mittelalter. Die waren dazu in der Lage!!!
Ist man bisher zum Arzt gegangen wegen Herz, Lungen oder "Psych." Beschwerden, wurde man an -zig Abteilungen überwiesen. Hat der Patient noch etwas von einem Virus erzählt, gabs den Freischein für die Psychiatrie. So und nun sieht man erst mal was Viren auslösen können. Und wie tot ist bitte Herpes... kommt geht, kommt geht...
Was sollen wir dann noch mit Impfungen? Noch mehr Viren im Körper die angeblich tot sind... Wie sagt Professor Gottschling, "Wer heilt hat recht." Und bei den vielen chronischen Kranken ist das auf keinen Fall die aktuelle Medizin, bei der ist nach wie vor alles psychosomatisch oder besser Unwissenheit! Denn wenn die aktuelle Medizin Ahnung hätte, gäbe es keine chronisch Kranken mehr.
Avatar #763458
diabexpert
am Freitag, 8. Mai 2020, 09:15

Danke für die klaren Worte

Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund. Jetzt, wo die Italien / New York-Katastrophe in Deutschland zu nächst abgewandt haben, werden die Kritiker immer lauter. Kein Lob, keine Zustimmung für die Berater oder Entscheider in dieser historisch einzigartigen Krise. Überhaupt habe ich noch nie so viel Negativität und Kritik erlebt - oftmals gerade von älteren Menschen, um deren Schutz es ja eigentlich in dieser Krise ging. Schön, dass sich auch mal jemand für die hervorragende wissenschaftliche Arbeit und Beratung stark macht, ohne die wir hier sicherlich nicht so entspannt säßen, um über Lockerungen zu diskutieren.