ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2020Multiple Sklerose: Digitalisierung in der Therapie

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Multiple Sklerose: Digitalisierung in der Therapie

König, Romy

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Erkenntnisse aus der „echten Welt“ erlauben es Schwangeren mit MS, ihre Interferontherapie fortzuführen. Digitale Anwendungen ermöglichen es, Krankheitsverläufe von Patienten zu beobachten oder gar vorherzusagen – die MS-Therapie wird sich durch Digitalisierung verändern.

Die Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose (MS) kann von der zunehmenden Digitalisierung profitieren. Bei einer von Biogen veranstalteten Pressekonferenz sprach sich Dr. med. Herbert Schreiber, Ulm, für eine stärkere Nutzung von digitalen Real-World-Daten (RWD) aus, etwa in der individuellen Therapieentscheidung und bei besonderen Patientenbedürfnissen.

Der niedergelassene Facharzt verwies beispielhaft auf die 2019 erfolgte Zulassungsänderung für Interferone (IFN), die auf Erkenntnissen aus RWD beruht: „Befragungen zufolge haben MS-Patientinnen – signifikant häufiger als die Normalpopulation – in der Vergangenheit auf eine Schwangerschaft verzichtet oder sogar Schwangerschaftsabbrüche vornehmen lassen, weil sie offenbar befürchteten, ihre Medikation mit Interferon-beta-Präparaten könnte die Schwangerschaft negativ beeinflussen.“

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Umfangreiche Daten zum Verlauf von 1 000 Schwangerschaften zeigen aber, dass eine Exposition mit IFN (IFNß-1a, -1b, PegIFNß-1a) vor der Empfängnis und während der Schwangerschaft keine nachteiligen Auswirkungen auf die Schwangerschaft oder den Säugling hat (1). Seit der Zulassungsänderung dürfen IFN nun bei klinischem Bedarf während der Schwangerschaft und in der Stillzeit angewendet werden.

DMF in der Schwangerschaft

Im Zentrum weiterer RWD-Analysen steht nun Dimethylfumarat (DMF), dessen Datenlage zur Anwendung in der Schwangerschaft noch limitiert ist. Zentren aus 8 Ländern haben sich unter Federführung der Universität Bochum zu einer internationalen und prospektiven Studie zusammengetan; im April 2019 konnte ein erster Datenanalysesatz aus 214 Schwangerschaften ausgewertet werden: Verzeichnet wurden 197 Lebendgeburten (92 %), es wurde kein Sicherheitssignal für die DMF-Exposition beobachtet und die Rate an Geburtsanomalien war vergleichbar mit jener anderer MS-Patientinnen (4 %) (2). Schreiber wertet die Ergebnisse als „vertrauenerweckend“. Seine Prognose: „In wenigen Jahren werden diese Daten dazu führen, dass auch DMF bei medizinischer Indikation während der Schwangerschaft eingesetzt werden kann.“

Auf einen noch breiteren RWD-Datensatz greift eine Netzwerkanalyse aus Alabama zurück: Anhand retrospektiver Studien aus mono- und multizentrischen Untersuchungen, internationaler Registerdaten und Verwaltungsdaten von Krankenkassen wurde hier die Wirksamkeit von DMF untersucht (3).

Schreiber: „Den Wissenschaftlern kommt zugute, dass wir heute mittels statistischer Methoden Datensätze verschiedener Provenienz zusammenfügen und auf einen bestimmten Zielparameter evaluieren können.“ Die Ergebnisse untermauern die Effektivität von DMF bei Patienten mit schubförmig-remittierender MS (RRMS): DMF reduzierte die jährliche Schubrate um 29 % vs. Glatirameracetat, um 28 % vs. Interferon beta und um 31 % vs. Teriflunomid. Auch die Zeit bis zum ersten Schub war unter DMF um jeweils 29 %, 31 % und 36 % länger als unter den genannten Substanzen. Zudem war DMF vergleichbar wirksam wie Fingolimod.

Auch digitale Anwendungen werden die MS-Therapie verändern, ist Prof. Dr. Dr. med. Sven G. Meuth vom Universitätsklinikum Münster überzeugt. Schon heute gebe es zahlreiche Tools, die sich Neurologen künftig in der Behandlung zunutze machen könnten, um Erkenntnisse über Patienten zu gewinnen: „Tastaturanschläge geben Aufschluss über die Kognition eines Patienten, über Gesichtserkennung lassen sich Anzeichen von Depressionen erfassen, georäumliche Analysemodelle erlauben Aussagen über das Verhalten, die Bewegung und die soziale Stabilität eines Menschen“, so der Direktor des Instituts für Translationale Neurologie.

Präzisere Verlaufskontrollen

Bereits heute eingesetzt werde der Multiple Sclerosis Performance Test (MSPT), eine Tablet-Anwendung, die eine allgemeine Einschätzung MS-assoziierter Einschränkungen erfasst, indem quantitative Daten zur Gehgeschwindigkeit, Balance, Beweglichkeit der oberen Extremitäten, der Sehfunktion sowie der kognitiven Fähigkeiten gemessen und ausgewertet werden. „Solche Lösungen erlauben künftig viel präzisere Verlaufskontrollen und längere Verlaufsintervalle: Statt die Patienten nur einmal pro Quartal zu sehen, können wir sie kontinuierlich monitoren.“ Romy König

Quelle: Online-Fachpressekonferenz „Digitalisierung: Einfluss auf die MS-Therapie von morgen und ihre Bedeutung für den praktischen Alltag“, 1. April 2020; Veranstalter: Biogen

1.
Hellwig K, Geissbuehler Y, Sabidó M, et al.: J Neurol 2020 Feb 26. doi: 10.1007/s00415-020-09762-y CrossRef MEDLINE
2.
Hellwig K, Rog D, McGuigan C, et al.: ECTRIMS 2019; P1147.
3.
Cutter G, Sormani MP, Betts M, et al.: ECTRIMS 2019; P1394.
1.Hellwig K, Geissbuehler Y, Sabidó M, et al.: J Neurol 2020 Feb 26. doi: 10.1007/s00415-020-09762-y CrossRef MEDLINE
2.Hellwig K, Rog D, McGuigan C, et al.: ECTRIMS 2019; P1147.
3.Cutter G, Sormani MP, Betts M, et al.: ECTRIMS 2019; P1394.

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