ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2020Spekulative Schlussfolgerungen
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Baum et al. berichten in ihrem Beitrag (1) über „valide Daten“ zur Sterblichkeit und Komplikationen nach viszeralchirurgischen Operationen. Aus klinischer Sicht kann diese Behauptung nicht nachvollzogen werden. Die Autoren liefern eine statistische Ausarbeitung abgerechneter Prozeduren- und Diagnosecodes. Eine Validierung der Daten, eine Überprüfung der Konkordanz zwischen Abrechnungswelt und klinischer Wirklichkeit hat nicht stattgefunden, die Schlussfolgerungen bleiben spekulativ. In Deutschland ist der einzige Zweck der Codierung das Erreichen einer (möglichst hohen) diagnosebezogenen Fallgruppierung (DRG), von der die Finanzierung des jeweiligen Leistungserbringers direkt abhängig ist. Um die Methode zu verteidigen, bemühen die Autoren eine US-amerikanische Publikation aus dem Jahr 1994, die übrigens auch ihre Daten klinisch nicht validiert hat. Zahlreiche anderslautende Berichte zu der Problematik wurden nicht berücksichtigt (2, 3, 4).

Aus chirurgischer Sicht ist auch die vorgenommene Gruppierung nicht nachvollziehbar. Eingriffe mit so unterschiedlichem Risikoprofil wie Hemikolektomie und Rektumamputation werden in einer Gruppe ausgewertet, ähnlich wie Ösophaguseingriffe ohne Wiederherstellung der Kontinuität und Interponatrekonstruktionen. Die Autoren beschreiben nicht, wie sie die 48-h-Grenze bei der Beatmung errechnet haben, da offensichtlich diese Prozedur durch keinen Operationen- und Prozedurenschlüssel (OPS), sondern durch ICD J953 (ICD, Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) definiert wurde. Sowohl bei der gastrointestinalen Blutung, der Peritonitis als auch bei Bluttransfusionen ist nicht bekannt, ob diese vor, während oder nach der Operation stattfanden. Zusätzlich fehlt jeglicher Prüfmechanismus, ob die kodierte Prozedur der durchgeführten entsprach, da keine pathologischen Befunde ausgewertet wurden.

Zweifelsohne bedarf es in Deutschland klinisch- und praxisorientierter Qualitätsmaßnahmen. Diese sind zeit-, arbeits-, personal- sowie kostenintensiv und können durch keine Pseudorealität aus den Abrechnungsdaten ersetzt werden. Nicht mal Restaurantqualität wird nach Speisenamen und Rechnungsbelegen beurteilt, warum tun wir das den chirurgisch behandelten Patienten an?

DOI: 10.3238/arztebl.2020.0361a

Prof. Dr. med. Pawel Mroczkowski

Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Endokrine Chirurgie

DRK-Kliniken Nordhessen,Kassel, pawel.mroczkowski@med.ovgu.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Baum P, Diers J, Lichthardt S, et al.: Mortality and complications following visceral surgery—a nationwide analysis based on the diagnostic categories used in German hospital invoicing data. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 739–46 VOLLTEXT
2.
Etzioni DA, Lessow CL, Lucas HD, et al.: Infectious surgical complications are not dichotomous: characterizing discordance between administrative data and registry data. Ann Surg 2018; 267: 81–7 CrossRef MEDLINE
3.
Lawson EH, Louie R, Zingmond DS, et al.: A comparison of clinical registry versus administrative claims data for reporting of 30-day surgical complications. Ann Surg 2012; 256: 973–81 CrossRef MEDLINE
4.
Koch CG, Li L, Hixson E, Tang A, Phillips S, Henderson JM: What are the real rates of postoperative complications: elucidating inconsistencies between administrative and clinical data sources. J Am Coll Surg 2012; 214: 798–805 CrossRef MEDLINE
1.Baum P, Diers J, Lichthardt S, et al.: Mortality and complications following visceral surgery—a nationwide analysis based on the diagnostic categories used in German hospital invoicing data. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 739–46 VOLLTEXT
2.Etzioni DA, Lessow CL, Lucas HD, et al.: Infectious surgical complications are not dichotomous: characterizing discordance between administrative data and registry data. Ann Surg 2018; 267: 81–7 CrossRef MEDLINE
3.Lawson EH, Louie R, Zingmond DS, et al.: A comparison of clinical registry versus administrative claims data for reporting of 30-day surgical complications. Ann Surg 2012; 256: 973–81 CrossRef MEDLINE
4.Koch CG, Li L, Hixson E, Tang A, Phillips S, Henderson JM: What are the real rates of postoperative complications: elucidating inconsistencies between administrative and clinical data sources. J Am Coll Surg 2012; 214: 798–805 CrossRef MEDLINE

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