ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2020Operationsindikationen differenziert bewerten
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Baum et al. präsentieren auf sämtlichen stationären Behandlungsfällen in Deutschland basierende Daten zu Sterblichkeit und Komplikationen nach viszeralchirurgischen Operationen (1). Wie sie zutreffend feststellen, erlaubt diese Datenbasis prinzipiell eine informierte Entscheidung des Patienten für oder gegen einen Eingriff. Damit der Patient Nutzen und Risiken einer Operation valide gegeneinander abwägen kann, muss jedoch auch der ohne Operation zu erwartende Krankheitsverlauf objektiv dargestellt werden. Die Autoren bezeichnen unter Bezugnahme auf eine durch uns durchgeführte Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien zur chirurgischen versus antibiotischen Therapie der unkomplizierten Appendizitis (2) das Krankheitsbild als „vitale Indikation“ zur Operation. Diese Aussage lässt sich durch unsere Ergebnisse nicht belegen. Während die chirurgische Therapie eine Effektivität von 96,3 % gegenüber einer Effektivität von 62,6 % für die antibiotische Therapie im Follow-up-Zeitraum von zwölf Monaten aufwies, fanden sich keine Hinweise für eine höhere Inzidenz von Komplikationen oder Todesfällen bei nichtoperierten Patienten. Noch immer wird allerdings die akute unkomplizierte Appendizitis von vielen Chirurgen als zwingende Operationsindikation betrachtet. Eine ähnliche Einstellung bestand lange auch gegenüber der akuten Sigmadivertikulitis. Erst in den letzten Jahren hat sich die evidenzbasierte Auffassung durchgesetzt, dass definierte Formen der akuten Sigmadivertikulitis mit gutem Ergebnis konservativ therapiert werden können (3).

Beide Krankheitsbilder verdeutlichen beispielhaft, dass eine realistische, evidenzbasierte Einschätzung des Therapieerfolgs beziehungsweise Krankheitsverlaufs sowohl für die operative als auch die konservative Therapie essenziell ist. Zusammen mit der zu erwartenden Inzidenz von perioperativen Komplikationen und Todesfällen ermöglicht diese Einschätzung eine differenzierte Bewertung von Operationsindikationen und eine partizipative Entscheidungsfindung hinsichtlich einer möglichen Operation (4).

DOI: 10.3238/arztebl.2020.0361b

PD Dr. med. Ulrich Ronellenfitsch
Universitätsklinik und Poliklinik für Viszerale
Gefäß- und Endokrine Chirurgie, Universitätsklinikum Halle (Saale)
ulrich.ronellenfitsch@uk-halle.de

Fuad Damirov
Thoraxchirurgisches Zentrum München
Asklepios Lungenfachklinik München-Gauting/
Thoraxchirurgische Klinik Großhadern, Gauting

Maurizio Grilli, M.A.L.I.S.
Fachinformation Medizin und Gesundheitsberufe
Karlsruhe

Daniela Prechal
Medizinische Fakultät Heidelberg
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Baum P, Diers J, Lichthardt S, et al.: Mortality and complications following visceral surgery—a nationwide analysis based on the diagnostic categories used in German hospital invoicing data. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 739–46 VOLLTEXT
2.
Prechal D, Damirov F, Grilli M, Ronellenfitsch U: Antibiotic therapy for acute uncomplicated appendicitis: a systematic review and meta-analysis. Int J Colorectal Dis 2019; 34: 963–71 CrossRef MEDLINE
3.
Leifeld L, Germer CT, Bohm S, et al.: S2k-Leitlinie Divertikelkrankheit/Divertikulitis. Z Gastroenterol 2014; 52: 663–710 CrossRef MEDLINE
4.
Ubbink DT, Hageman MG, Legemate DA: Shared decision-making in surgery. Surg Technol Int 2015; 26: 31–6 CrossRef MEDLINE
1.Baum P, Diers J, Lichthardt S, et al.: Mortality and complications following visceral surgery—a nationwide analysis based on the diagnostic categories used in German hospital invoicing data. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 739–46 VOLLTEXT
2.Prechal D, Damirov F, Grilli M, Ronellenfitsch U: Antibiotic therapy for acute uncomplicated appendicitis: a systematic review and meta-analysis. Int J Colorectal Dis 2019; 34: 963–71 CrossRef MEDLINE
3.Leifeld L, Germer CT, Bohm S, et al.: S2k-Leitlinie Divertikelkrankheit/Divertikulitis. Z Gastroenterol 2014; 52: 663–710 CrossRef MEDLINE
4.Ubbink DT, Hageman MG, Legemate DA: Shared decision-making in surgery. Surg Technol Int 2015; 26: 31–6 CrossRef MEDLINE

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