ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2020Coronapandemie: Ungleich verteilte Lasten

EDITORIAL

Coronapandemie: Ungleich verteilte Lasten

Bühring, Petra

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Die Coronapandemie bestimmt nach wie vor das Leben der Menschen und das mediale Geschehen in Deutschland. Verlässlich veranstaltet das Robert Koch-Institut an jedem Wochentag ein Presse-Briefing, die Tagesschau sendet die neuesten Zahlen zum Infektionsgeschehen und das anschließende „Corona-Extra“ zeigt in kurzen Reportagen die katastrophalen Auswirkungen des Shutdowns auf fast alle Bereiche der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens. Doch inzwischen sinken die Infektionszahlen in Deutschland, die Forderungen nach einem Exit werden lauter und die Politik sieht sich genötigt, dem nachzukommen. In kleinen Schritten: Geschäfte, Friseure, Museen, Zoos und Kinderspielplätze dürfen bei Redaktionsschluss wieder öffnen.

Für viele Menschen aber gibt es immer noch keine erkennbare Perspektive, wann die mit dem Shutdown verbundenen Belastungen ein Ende nehmen: Eltern und Kinder. Die Kitas öffnen vermutlich erst nach der Sommerpause wieder. Die Schulen haben bisher nur für die jeweiligen Abschlussklassen wieder geöffnet. Alle anderen wissen bei Redaktionsschluss nicht, ob sie ihre Freunde und Lehrer noch vor den Sommerferien wiedersehen werden. Familien versuchen im Homeoffice ihre Arbeit zu erledigen und gleichzeitig ihre Kinder bei den Hausaufgaben zu unterstützen. Viele Kinder werden zunehmend traurig, manche depressiv und in Bezug auf das Lernen unmotiviert. Den Eltern fehlt die pädagogische und fachliche Kompetenz der Lehrer, vielen Lehrern die digitale Kompetenz oder Motivation für Online-Unterricht. Für Familien eine massiv überfordernde Situation. In ärmeren und eher bildungsarmen Schichten, in denen tendenziell materielle, psychische und soziale Ressourcen fehlen, rechnen Experten mit einem Anstieg familiärer Gewalt, dessen Ausmaß vermutlich erst deutlich werden wird, wenn die Hilfsangebote wieder zugänglicher werden.

Die Lasten des Shutdowns sind in der Gesellschaft somit ungleich verteilt. Insbesondere Schulschließungen haben erhebliche psychische und soziale Konsequenzen und widersprechen zudem dem Recht der Kinder auf Bildung, sagen Dr. med. Tilmann Schober und Kollegen, Kinderärzte am LMU Klinikum München, in dem Artikel auf Seite 199. Nach derzeitigem Wissen seien Kinder in geringerem Ausmaß als Erwachsene an der Übertragung von SARS-CoV-2 beteiligt. Die Schließung von Schulen und Kitas trage weniger als erwartet zur Eindämmung der Pandemie bei. Dem Recht der Kinder auf Bildung und Teilhabe sollte deshalb Vorrang eingeräumt werden, fordern die Autoren. Auch die Leopoldina hat in ihrer Ad-hoc-Stellungnahme vor Kurzem eine baldige Öffnung der Bildungseinrichtungen empfohlen (http://daebl.de/GY14). Die Politik sollte nicht nur den Virologen Gehör schenken.

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Eine ganz andere Perspektive nimmt die Psychoanalytikerin Vera Kattermann ein. Sie fragt auf Seite 206, ob psychisch belastete Menschen mithilfe von Psychotherapeuten die Coronakrise auch als Chance sehen könnten: nicht einfach weiterzumachen wie bisher, sondern unter geänderten Vorzeichen neue Antworten auf drängende Lebensfragen zu suchen.

Die Autorin und Psychologin Marion Sonnenmoser schließlich befasst sich mit den Sonderregelungen für Psychotherapie in der Krise und den Auswirkungen für Therapeuten (Seite 208). Diese müssten sich trotz eigener Belastungen wie Ängsten sich anzustecken, Sorge um die eigenen Eltern oder zu betreuender Kinder mit einer Technik auseinandersetzen, der die meisten bislang eher skeptisch gegenüber standen: der Videobehandlung.

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