ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2020Psychotherapie in der Coronakrise: Jede Krise ist eine Chance

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Psychotherapie in der Coronakrise: Jede Krise ist eine Chance

Kattermann, Vera

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Das Empfinden von Ohnmacht bezieht sich auf viele mit dem Coronavirus verbundenen Ängste. Es geht jedoch nicht nur um die Suche nach seelischen Abwehrkräften, sondern auch um einen eigentlich „heilsamen“ Frageimpuls in Bezug auf seelisches Leiden und Veränderungswünsche.

Foto: dottedyeti/stock.adobe.com
Foto: dottedyeti/stock.adobe.com

Ohnmacht – das ist wohl das Gefühl, das unter den vielen seelischen Folgen der Coronakrise am deutlichsten aufbricht. Das Empfinden von Ohnmacht und Hilflosigkeit bezieht sich auf ein ganzes Bündel an mit dem Coronavirus verbundenen Ängsten, die nur allmählich, einhergehend mit den teilweise erfolgreichen gesundheitspolitischen Maßnahmen, zurückgehen. Die Ohnmacht wird fühlbar gegenüber einem Virus, das todesbedrohlich und zugleich nicht sichtbar und in seiner Aggressivität schwer einzuschätzen ist. Die Ohnmacht wird ebenso fühlbar gegenüber einer umfassenden Desorientierung, die uns alle gierig auf das Wissen von Expertinnen und Experten macht, die uns immerhin mehr kognitive Klarheit ermöglichen. Wer gerne misstraut, schließt sich im Gegensatz dazu lieber grassierenden Verschwörungstheorien an. Die Ohnmacht kann schließlich auch erlebt werden in Bezug auf die gravierenden Einschnitte in das öffentliche Leben. Das kann den temporären Verlust der Arbeit und der sozialen Bezüge bedeuten, den Verlust von Bewegungsfreiheit und von Hobbys, die seelisch stabilisieren. Als Kind erlebten manche „Hausarrest“ als willkürliche elterliche Maßnahme und massive Fremdbestimmung – und natürlich schwemmen die Einschränkungen diese Gefühle wieder hoch. Zugleich: Das Gefühl der Ohnmacht lässt sich in vielerlei Hinsicht durch das Ausweichen in die digitale Welt lindern: Arbeit, Schule, Ausbildung, Freundschaften, Kunst, Kultur, Kurse, Hobbys, Dating, Konsum, Psychotherapie … Man mag sich kaum vorstellen, wie sich diese Krise vor Erfindung des Internets ausgewirkt hätte. Und doch bleibt ein großer Rest an mal deutlicher, mal subtiler Verstörung, die jetzt zu integrieren ist. Entsprechend oft hören wir den Stoßseufzer: „Bin ich froh, dass die Therapie stattfindet!“ Die Erleichterung, dass die Psychotherapie trotz der Einschränkungen der Bewegungsfreiheit weitergeht (sei es in der Praxis, per Video oder Telefon), ist deswegen groß, weil die Therapiestunde ein Rest-Quentchen an Normalität und Selbstbestimmung bedeutet. Fragten wir uns zu Beginn der Coronazeit vielleicht, inwieweit unsere Arbeit tatsächlich „systemrelevant“ ist, so wurde schnell deutlich, wie dringlich Patientinnen und Patienten die therapeutische Beziehung brauchen, um sich mit den durch die Coronakrise ausgelösten Gefühlen auseinanderzusetzen. Und auch wenn die aufgeworfenen Urängste uns alle auf die eine oder andere Weise beschäftigen, sind die sichtbarsten Auswirkungen dieser Krise erstaunlich individuell. Natürlich sind sie letztlich ebenso verschieden, wie die Menschen, die sie erleben.

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Da ist zum Beispiel Frau A., Krankenschwester, die auf einer chirurgischen Station im Krankenhaus arbeitet. Als Kind früh von der Mutter abgelehnt und weggeschoben, erlebt sie die nun notwendigen organisatorischen Veränderungen für die vermehrte Aufnahme von „Intensiv-Patienten“ im Krankenhaus als massiven Wegbruch des Vertrauten, während sie die akute Ansteckungsgefahr aushalten und auch ihrem Mann gegenüber vertreten muss. Die Keime werden für sie zu Trägern all des Neuen, Bedrohlichen, das jetzt in ihr Leben geplatzt ist. Wird sie den Belastungen standhalten und dabei in sich selbst genug Halt finden können?

Frau B. ist Pressesprecherin eines großen Konzerns und kam zur Therapie wegen Herzrhythmusstörungen, deren Zusammenhang zur permanenten Selbstüberforderung offensichtlich scheint. Auch jetzt ist ihr Anspruch, „200 Prozent zu geben“, wie sie sagt und die permanenten Sitzungen vom Homeoffice aus scheinen genau das auch von ihr zu verlangen. Sie ist unglücklich darüber, ungeduldig mit ihrer Tochter zu sein, die ihr selbst verordnetes „Lehrpensum“ nicht gut bewältigt. Wir sprechen darüber, ob es für sie selbst wie auch für die Tochter Pausen geben darf und ob eigentlich die Gefühle, die in ihr und in dem Kind da sind, wahrgenommen und geteilt werden dürfen. Dass ihr Kind von den Ereignissen beunruhigt sein könnte, überrascht sie. War auch sie ein Kind, das nie Angst haben durfte?

Viele bedrohliche Einschnitte

Herr C. ist afghanischer Flüchtling und wirkt erstaunlich gelassen, obwohl doch gerade seine Abschlussprüfung durch Schulausfall auf der Kippe steht. Hat er einfach schon viel zu viele bedrohliche Lebenseinschnitte miterlebt, um von dieser noch allzu beeindruckt zu sein? Seine Hauptsorge ist, dass gerade sein im Iran lebender Bruder wegen der dortigen Coronaschutzmaßnahmen nach Afghanistan abgeschoben wird: Damit steht die Existenz von dessen Familie, ebenso wie von den Eltern der beiden Brüder auf dem Spiel. Wird er jetzt seine Familie finanziell noch mehr unterstützen müssen? Aber wovon?

Frau D. ist körperlich multimorbid erkrankt, ihr sowieso schon minimaler Lebensradius ist durch die Einschränkungen der Coronakrise zusätzlich geschrumpft. Die krankheitsbedingte Isolation, in der sie sich bislang eingerichtet hatte, ist nun verschärft durch die coronabedingte Isolation – Besuche fallen ganz weg, der Pflegedienst bröckelt. Eine eigentlich dringliche OP, zu der sie sich gerade widerstrebend entschlossen hatte, ist nun auf unbestimmte Zeit verschoben, dadurch wird ihre stark reduzierte Lebensqualität noch weiter absinken. Woraus kann sie jetzt Lebenszuversicht schöpfen?

Vielfältige Auswirkungen

Die Coronakrise ereilt jede und jeden unserer Patienten an einem anderen Punkt in seiner oder ihrer Biografie, in einem Lebenskontext, der bislang Halt bot und zugleich so brüchig war, dass Therapie nötig wurde. Das bislang notdürftig austarierte Lebensarrangement muss jetzt unter veränderten Vorzeichen neu und anders ausbalanciert werden, während frühere unverarbeitete Erfahrungen manchmal wie schlecht verheilte Wunden aufplatzen. Das Ungewisse ist ebenso auszuhalten wie das Bedrohliche. Die Ich-Funktionen sind unter dem Ansturm der vielen akuten Aufgaben geschwächt: Affektregulierung, Impulskontrolle, Selbstfürsorglichkeit, differenziertes Denken – all das fällt jetzt noch schwerer als im gewohnten Alltag. Angesichts der Überzahl an Ich-strukturellen Aufgaben greift das Ich zum Selbstschutz oft auf gröbere, einfache Abwehrmechanismen zurück: etwa durch das Denken in Freund-Feind-Schemen oder durch den Rückzug in eine misstrauisch-abwehrende Grundhaltung. Damit sind wir als Psychotherapeuten tatsächlich systemrelevant: Wir helfen darin, dass unsere Gesellschaft „bei Trost bleibt“. Denn das Ich braucht soziale Bezüge und ein resonantes Gegenüber, das die Verständigung mit sich selbst zulässt und so auch das Ich stärkt. Deswegen ist das Zurückgeworfen-Sein in die private Sphäre eine existenzielle Veränderung, die durch das Ausweichen in die digitale Welt nur im Ansatz ausgeglichen werden kann. Jeder muss seine Bedürfnisse nach Nähe und Distanz neu austarieren – die allein Lebenden eher am Pol der Isolierung, die in Familien Lebenden eher am Pol zu großer und bisweilen klaustrophobisch erlebter Enge. Buddhisten wählen für die spirituelle Sammlung und Klärung den sogenannten Re-treat, also den zeitlich begrenzten Rückzug in eine selbst gewählte Isolation. Viele von uns erleben das Zur-Ruhe-Kommen als enorme Erleichterung und als unerwartetes Geschenk. Das Zurückgeworfen-Sein auf das Selbst und auf den eigenen Lebenskontext verändert Perspektiven. Die Einkehr in vermehrte Stille legt sich wie eine Lupe oder ein Brennglas über die eigene Lebenssituation: die zentralen Lebensfragen, die ungelösten wesentlichen Konflikte oder offenen Baustellen liegen deutlicher zutage und werden in besonderer Schärfe sichtbar. Wird in den öffentlichen Medien die Zunahme von Langeweile diskutiert und wie man damit umgehen kann, so liegt das eigentlich Brisante hinter der Langeweile. So fragt sich etwa Frau A., ob das Sich-Aufopfern für andere auch in Zukunft ihr zentrales Lebensmodell bleiben soll. Frau B. fühlt die Notwendigkeit, einen Lebensrhythmus zu finden, in dem es Körper, Seele und Geist gut geht. In dem emotionalen Chaos, das viele ausgelöst durch die Coronakrise erleben, ist zugleich ein kostbarer Keim geborgen: die Chance, nicht einfach weiterzumachen wie immer, sondern unter geänderten Vorzeichen neue Antworten auf die drängenden Lebensfragen zu suchen und zu wagen. Das Coronavirus trägt dann nicht nur die Suche nach seelischen Abwehrkräften in sich, sondern auch einen eigentlich „heilsamen“ Frageimpuls in Bezug auf seelisches Leiden und Veränderungswünsche. Übrigens nicht nur auf das eigene Leben, sondern sehr konkret ja auch in Bezug auf die gesellschaftlich offenen Fragen und Zukunftsentwürfe. Die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber formulierte kürzlich dazu treffend: Jede Krise birgt eine Chance, aber dieses Bergen geht nicht ohne Entscheidung und Anstrengung. Insofern haben die Auswirkungen der Coronapandemie gerade erst begonnen. Vera Kattermann

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