ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2020Otto Gross: „Das ganze Leiden der Menschheit an sich selbst“

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Otto Gross: „Das ganze Leiden der Menschheit an sich selbst“

Goddemeier, Christof

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Abtrünniger Schüler Sigmund Freuds und Emil Kraepelins, Paradies-Sucher, Enfant terrible, Sexualimmoralist, Genie und psychiatrischer Fall – die Attribute zeigen Otto Gross Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit. Vor 100 Jahren starb der Arzt und Psychoanalytiker.

Otto Gross im Jahr 1919. Sieben Monate später stirbt er in einem Sanatorium. Foto: Wikimedia Commons
Otto Gross im Jahr 1919. Sieben Monate später stirbt er in einem Sanatorium. Foto: Wikimedia Commons

Er beeindruckte zahlreiche Künstler und Schriftsteller seiner Zeit, die ihn und/oder seine Thesen literarisierten. In seinem Werk beschäftigte er sich mit kriminologischen, kulturkritischen, darwinistischen, psychiatrischen und psychoanalytischen Themen. In Übereinstimmung mit seinen Lehrern fand Gross die Ursache psychischer und etlicher somatischer Krankheiten in fehlgeleiteter und unterdrückter Sexualität. Doch ähnlich wie später Wilhelm Reich und im Unterschied zu Freud sah Gross in der Sexualität das „universelle Motiv für eine Unendlichkeit an unseren Konflikten“ und kritisierte eine „Sexualmoral, die in unlösbarem Konflikt mit allem steht, was Wert und Willen und Wirklichkeit ist“. Als Erster erkannte Gross die soziale Bedingtheit psychoanalytischer Befunde. Anders als Freud, der sich damit begnügte, individuelle Krankheiten zu behandeln, plädierte Gross dafür, die Unterdrückung des Einzelnen durch eine repressive Gesellschaft mithilfe der Psychoanalyse aufzuheben.

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Wichtige Beziehung zum Vater

Otto Gross Leben ist ohne die Beziehung zu seinem Vater nicht zu verstehen. 1877 wird er in Graz geboren. Der Vater Hans Gross ist an der dortigen Universität Professor für Kriminalistik, er macht die Kriminologie zu einer eigenständigen Wissenschaft und begründet das erste kriminalistische Untersuchungsinstitut. Er ist eine bekannte, dabei äußerst willensstarke und dominante Persönlichkeit. Demokratische Rechte von Mitbestimmung und Teilhabe an Entscheidungen sind ihm weitgehend fremd. Die Mutter hat sich offenbar vollständig ihrem Mann untergeordnet und auf ein eigenes Leben weitgehend verzichtet, als Person tritt sie nicht in Erscheinung. Das Einzelkind Otto verlebt eine behütete Kindheit, besucht Privatschulen und studiert nach der Matura in Graz, München und Straßburg Medizin, 1899 wird Gross in Graz promoviert. Als Schiffsarzt beginnt er Kokain, Morphium und Opium zu konsumieren und gewöhnt sich bald an einen regelmäßigen Gebrauch. Gross arbeitet als Assistenzarzt bei Gabriel Anton in Graz und Hans Gudden in München, einem Sohn des Psychiaters Bernhard von Gudden, der 1886 mit dem bayerischen König Ludwig II. im Starnberger See ertrank. Zudem beschäftigt er sich intensiv mit der neu aufkommenden Psychoanalyse. Für kurze Zeit arbeiten Vater und Sohn zusammen, seine ersten Schriften veröffentlicht Gross im vom Vater begründeten „Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik“. Doch Otto hat Beziehungen zu Frauen, die aus Sicht des Vaters unpassend, womöglich nicht standesgemäß sind, und aus denen der Vater ihn „losmacht“. Eine ebenbürtige Partnerschaft zwischen zwei Erwachsenen ist das nicht. Bereits im Text „Zur Frage der sozialen Hemmungsvorstellungen“ (1901) werden Unterschiede zwischen Vater und Sohn deutlich. Dabei sieht Gross das „schwierigste Problem bei der physiologischen Erklärung psychischer Vorgänge“ in der „unbegreifliche(n) Mannigfaltigkeit der Letzteren“. Eine eigentliche Willensfreiheit kann er nicht erkennen, und Strafe und Gerechtigkeit nimmt er nicht einfach als von vornherein feststehend hin. Im Unterschied zu seinem Vater begegnet er antisozial Agierenden mit einer gewissen Sympathie. Eine gleichwohl von ihm befürwortete Strafe nennt er etwa „furchtbare Brutalität“ und „ebenso notwendige als ungerechte Gerechtigkeit“. In seiner Schrift „Über psychopathische Minderwertigkeiten“ (1909) befasst Gross sich mit der Psychologie der Unangepassten und Antisozialen. Mitleid und Verständnis bleiben für ihn die Wurzeln der Ethik.

Auseinandersetzung mit Freud

1905 beantragt Gross seine Habilitation, ein Jahr später ist er Privatdozent. Vermutlich um diese Zeit lernt er Freud persönlich kennen. Zunächst ist er jedoch von Carl Wernicke (1848–1905) beeindruckt. Inspiriert durch die Assoziationspsychologie, suchte der auch nach der Lokalisation psychischer Störungen in der Hirnrinde – Annahmen, die Freud bereits 1891 kritisierte. Doch Gross versucht eine Synthese der Befunde Wernickes und Freuds, etwa beim Phänomen der „überwertigen Ideen“. 1907 erscheint seine eindeutig psychoanalytische Arbeit „Das Freudsche Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im manisch-depressiven Irresein Kraepelins“ – in Fachkreisen wird sie interessiert aufgenommen. Eine Trennung von Geist und Körper lehnt Gross ab. Mit seiner monistischen Grundhaltung sucht er für die von Freud beschriebenen psychischen Phänomene eine organische Entsprechung: „Die Postulate des Monismus umfassen (…) ebenso die Einsicht, dass überhaupt jedes psychische Geschehen zugleich ein physiologischer Vorgang ist (...).“ Doch die Ursachen psychischer Störungen liegen für Gross nicht im sexuellen Bereich, sondern in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Sexuelle Konflikte sind dann ein „Produkt des Milieus, ein Ausdruck der Zeitverhältnisse und ihrer Rückwirkung auf den Einzelnen (...)“. Demnach ist die Psychoanalyse nicht Natur-, sondern Sozialwissenschaft, Psychotherapie wird notwendig politisch.

1903 hat Gross Frieda Schloffer geheiratet. Über Else von Richthofens Freundschaft mit Schloffer und Marianne Weber ergibt sich eine Verbindung zum Soziologen Max Weber in Heidelberg. Der schätzt Gross als Mensch, doch seine Thesen lehnt er ab. Mehrmals reist Gross zum Monte Verità bei Ascona im Schweizer Tessin. Hier treffen sich Anfang des Jahrhunderts Nudisten, Lebensreformer, Anarchisten, Pazifisten, Künstler und Schriftsteller – für Gross ein Ort des freien Geistes, an dem er seine Ideen weiter zu entwickeln hofft. Er lernt den Anarchisten Erich Mühsam kennen und beeinflusst ihn nachhaltig. Zum Kurieren neurotischer Symptome empfiehlt Gross einen „Sexualimmoralismus“. Seine ersten Söhne – mit seiner Frau und mit Else, die mit Edgar Jaffé verheiratet ist – werden 1907 geboren und erhalten beide den Namen Peter. Zudem unterhält Gross eine Liebesbeziehung zu Elses Schwester Frieda, die mit dem englischen Philologen Ernest Weekley eine unglückliche Ehe führt. 1919 wird Else Max Webers Geliebte.

Drogen und „Psychopathie“

In München hat die Avantgarde ihre Heimat in Schwabing – für Gross ein Ort, an dem die Menschen sich aus bürgerlicher Enge und Bedrückung befreien. In der Klinik gerät er mit seinem Lehrer und Vorgesetzten Emil Kraepelin aneinander. Ihm und anderen Vertretern einer patriarchalen, schulmedizinischen Psychiatrie wirft er mangelnde psychoanalytische Kompetenz vor. Als er sich darüber mit Kraepelin sogar vor Gericht streiten will, rät Ernest Jones ab.

Nicht nur Freud und die Psychoanalytiker lehnen Gross Ideen ab, Kritik kommt auch aus sozialistischen Kreisen, etwa von Gustav Landauer und Ludwig Berndl, der die Psychoanalyse „ausschweifender Spekulation“ bezichtigt. Carl Gustav Jung bedauert 1907 in einem Brief an Freud, „dass Gross so psychopathisch ist; er ist ein sehr gescheiter Kopf“.

Im Mai 1908 überweist Freud Gross persönlich an Jung, Oberarzt in der Zürcher Universitätsklinik Burghölzli. Im Anschluss an die stationäre Behandlung will Freud ihn selbst übernehmen. Gross ist bereits zum zweiten Mal dort, beim ersten Aufenthalt lauten die Diagnosen „Morphinismus“ und „schwere Psychopathie“. Jetzt diagnostiziert Jung „Dementia praecox“. Gross unterzieht sich der Behandlung freiwillig, doch bereits nach wenigen Wochen verlässt er die Klinik wieder. Hurwitz zufolge sind Jungs Ausführungen über Gross „voll normativer Wertungen, und zwar fast ausschließlich entwertender Natur“. Wilhelm Stekel und andere finden keinen Hinweis auf eine schizophrene Erkrankung.

In München und Ascona wird Gross auf Johann Jakob Bachofens Studie über das Mutterrecht (1861) aufmerksam. Deren Einfluss findet sich in allen späteren Schriften: „Die kommende Revolution ist die Revolution fürs Mutterrecht“, schreibt Gross 1913. Dafür muss man ihm zufolge alles überwinden, was die patriarchale Gesellschaft aufrecht hält.

Im Dezember 1913 attestieren zwei Amtsärzte bei Gross Wahnsinn sowie die Unfähigkeit, seine Angelegenheiten selbst zu besorgen. Im Januar des folgenden Jahres stellt das k. u. k. Landgericht ihn unter Kuratel und ernennt seinen Vater zu seinem Vormund. Nach Aufenthalten in den psychiatrischen Kliniken Tulln und Troppau wird er ein halbes Jahr später „geheilt“ entlassen, die Nachbehandlung in Bad Ischl übernimmt der Arzt und Psychoanalytiker Wilhelm Stekel. Gross zu einem psychiatrischen Fall zu erklären, kommt zunächst einem Berufsverbot gleich. 1916 wird die Kuratel wegen Wahnsinns in eine „beschränkte Kuratel wegen Verschwendung“ umgewandelt. Das bezieht sich vor allem auf Gross Drogensucht und mildert das erste Urteil etwas ab.

Nach seiner Entlassung aus der Klinik Troppau schreibt Gross „Über Destruktionssymbolik“ und „Drei Aufsätze über den inneren Konflikt“, darin „Über Einsamkeit“. Die „erste, ursprünglichste, autochthone Sexualität“ definiert er hier als „Trieb nach Kontakt in jedem Sinne, im physischen wie im psychischen“.

Im Februar 1920 wird Gross von Freunden halb verhungert und frierend aufgefunden, nachdem er sie zuvor im Streit verlassen hat. Zwei Tage später stirbt er in einem Sanatorium in Berlin-Pankow. Christof Goddemeier

1.
Dietze G, Dornhof D (Hg.): Metropolenzauber. Sexuelle Moderne und urbaner Wahn. Wien: Böhlau Verlag 2014.
2.
Hurwitz E: Otto Gross. Zürich: Suhrkamp Verlag 1979.
3.
Schlaffer H: Die intellektuelle Ehe. München: Carl Hanser Verlag 2011.
1. Dietze G, Dornhof D (Hg.): Metropolenzauber. Sexuelle Moderne und urbaner Wahn. Wien: Böhlau Verlag 2014.
2. Hurwitz E: Otto Gross. Zürich: Suhrkamp Verlag 1979.
3. Schlaffer H: Die intellektuelle Ehe. München: Carl Hanser Verlag 2011.

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