ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2020Migration: Traumatisierung an südlichen US-Grenzen

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Migration: Traumatisierung an südlichen US-Grenzen

Fischer-Fels, Jonathan

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Asylsuchende Eltern und ihre Kinder, die an der südlichen US-Grenze voneinander getrennt wurden, leiden auch Jahre später an schwerwiegenden psychologischen Traumata. Das zeigt eine Untersuchung, die Ärzte und Psychologen der Non-Profit-Organisation Physicians for Human Rights (PHR) durchgeführt haben (http://daebl.de/CQ77). Die Behandlung erfülle in allen bewerteten Fällen die Kriterien der Vereinten Nationen (United Nations, UN) für Folter, so die Autoren. „Selbst ein Jahr nach der Wiedervereinigung mit ihren Familien weisen die Kinder und Eltern bei Untersuchungen durch medizinisches Fachpersonal immer noch Anzeichen von schwerwiegenden Traumata auf“, sagte Ranit Mishori, leitende medizinische Beraterin des PHR.

Der Bericht dokumentiert erstmals medizinisch und psychologisch den lang anhaltenden Schaden, der durch erzwungene Familientrennungen entsteht. „Die Familientrennungen sind weder beendet, noch sind alle getrennten Familien wieder zusammengeführt worden“, sagte Donna McKay, Direktorin der PHR. Für die Studie untersuchte ein Team aus 20 Psychiatern, Psychologen, Pädiatern und anderen psychiatrisch ausgebildeten Fachkräften 26 Asylsuchende (neun Kinder und 17 Eltern). Diese waren vor Bandengewalt aus El Salvador, Guatemala und Honduras in die USA geflohen und dort im Schnitt 60 bis 69 Tage lang getrennt worden. Nach offiziellen Zahlen der US-Regierung liege die durchschnittliche Dauer der Familienteilungen bei 154 Tagen, berichten die Autoren.

Die medizinischen Experten folgten dem Istanbul-Protokoll der UN zur Bewertung und Dokumentation von Folter. Sie verfassten nach den Gesprächen eidesstattliche Erklärungen über ihre Erkenntnisse. Darin wurden bei allen neun Kindern sowie bei 15 der 17 Erwachsenen Symptome und Verhaltensweisen dokumentiert, die die Diagnosekriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung, eine schwere depressive Störung oder eine generalisierte Angststörung erfüllen. Unter anderem berichteten die Erwachsenen von Verwirrung, häufigem Weinen, Schlafstörungen und Albträumen sowie depressiver Stimmung, Panik und Verzweiflung. Die Kinder fielen oft durch Regression in nicht altersgemäßes Verhalten auf, wie Urininkontinenz, unkontrolliertes Weinen, Weigerung zu essen, Festhalten an den Eltern, Albträume und andere Schlafstörungen.

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Die Kliniker empfehlen daher therapeutische Unterstützung für fast alle untersuchten Eltern und Kinder, einschließlich Psychotherapie und psychiatrischer Medikation.

Seit 2017 werden an der südlichen Grenze der Vereinigten Staaten Eltern und ihre Kinder gewaltsam voneinander getrennt und in Haftanstalten untergebracht – meist in unterschiedlichen Bundesstaaten. Auch nach dem Aufschrei der Öffentlichkeit und einer gerichtlichen Verfügung im Juni 2018, die diese Praxis verbietet, fänden die Familientrennungen weiterhin statt, heißt es in dem Bericht. Nach Regierungsstatistiken, die der Amerikanischen Bürgerrechtsunion (American Civil Liberties Union, ACLU) vorliegen, wurden von 2017 bis Dezember 2019 mehr als 5 500 Kinder von ihren Eltern getrennt.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die US-Beamten absichtlich „schwere Schmerzen und Leiden verursachten, um Asylsuchende zu bestrafen, zu zwingen und einzuschüchtern, ihre Asylanträge aufzugeben“, so die Mitautorin und leitende Asylbeauftragte des PHR, Kathryn Hampton. Mit dieser Absichtlichkeit sei der rechtliche Tatbestand der Folter erfüllt. jff

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