ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2020Psychoanalyse: Pas de deux einer Schriftstellerin und eines Analytikers

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Psychoanalyse: Pas de deux einer Schriftstellerin und eines Analytikers

Moser, Tilmann

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„Seit Kindesalter habe ich mir vor dem Einschlafen eine Geschichte ausgedacht. Konnte ich diese nicht zu Ende erzählen …, folgte am nächsten Abend die Fortsetzung.“ Und bald schrieb Annelie Sand alles auf. Noch vor dem Abitur erschien der erste Band, es folgten frühe Preise, Lesungen, und die Verwandlung ihres Lesens in Literatur und kooperierende Genesung. Der Lehranalytiker Paul L. Janssen, der strenge Altmeister der Zunft, ließ sich darauf ein, geduldig und warmherzig, sprechend Halt gebend in ihrem Erleben, jedoch mit leisem Murren kommentierend: „Wenn Sie sich zum Schlafen solch Aufregendes ausdenken, brauchen Sie sich über Albträume nicht zu wundern!“ Drohende Albträume waren ihr schweres Schicksal, geboren aus bei tiefer seelischer Gefahr abgründigem Fehlen von Einfühlung der Mutter und einer klammernden traumatischen halben Dauervergewaltigung durch einen liebesverrückten Freund, mit abnehmend entsetzlichen Flashbacks durchs ganz Leben.

Sie verfolgte die 400-stündige Analyse durch unendliche, kommentierende Tagebucheinträge, weniger als Widerstand, wie man urteilen könnte, sondern in unendlichem Verstehens- und Aufbewahrungs- und Kooperationsdrang. Sie dienen später bis in die gemeinsame Schreibensphase des Buches nach dem Ende der reinen Redekur als Erinnerungsschatz für das Ausbrüten des gemeinsamen Kindes, mit dem der sich in Tausenden von Deutungen offen zeigende Analytiker auch selbst verwirklicht. Er wächst genauso lernend in seine Rolle hinein wie die Patientin. Leben und Analyse fließen ineinander über, doch sie hat schreibend und sich vom Trauma allmählich distanzierende Schwerarbeit geleistet, oft bis zu Erschöpfung. Später mit dem fast drängenden Ziel, für Psychoanalyse zu werben und junge Mädchen und Frauen zu Wehrhaftigkeit und Tapferkeit zu ermutigen. Sie hatte immer eine tragende Mission, manchmal zum bloßen Überleben, das der tapfere „Hinterkautschler“ stets fördernd in Gang hielt. Er verbat sich aber deutlich ihre klärenden Bilder und Zeichnungen als erhellende Parallelkunst als ihr sich offenbarendes Beiwerk. „Alles gehört immer ins Wort gefasst.“ Das für beide mutige gemeinsame Abenteuer gelang umfassend.

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Der Analytiker wird sichtbar und einfühlbar in seiner eigenen Reifung und menschlichen Tiefe, die Patientin im Staunen des tief berührten Lesers über ihr schreibendes wie verstehendes Ausholen bis an die Grenzen des Sagbaren: ein platonisch bleibender Liebesroman wie ein glänzendes Lehrbuch. Tilmann Moser

Annelie Sand, Paul L. Janssen: Ich bin der Rede wert. Dialog über eine Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, 304 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

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