ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2020Florence Nightingale (1820–1910): Höhere Tochter in medizinischer Mission

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Florence Nightingale (1820–1910): Höhere Tochter in medizinischer Mission

Krämer, Sandra

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Mit ihrem jahrelangen ambitionierten Wirken setzte sie die entscheidenden Impulse für eine professionelle Krankenversorgung. Am 12. Mai vor 200 Jahren wurde Florence Nightingale geboren.

Als „Oberaufseherin der weiblichen Pflegekräfte des englischen Allgemeinen Militärhospitals in der Türkei“ zog Florence Nightingale 1854 los. Foto: picture alliance/Mary Evans/Picture Library
Als „Oberaufseherin der weiblichen Pflegekräfte des englischen Allgemeinen Militärhospitals in der Türkei“ zog Florence Nightingale 1854 los. Foto: picture alliance/Mary Evans/Picture Library

Skutari – ein großes Dorf auf der Seite des Bosporus: in einer alten abgewirtschafteten Kaserne, von der englischen Armee notdürftig zum Lazarett umfunktioniert, bietet sich ein Bild des Grauens. Menschliche Körper in „Uniformen, vom geronnenen Blut steif“ und „mit Ungeziefer bedeckt“ (1) liegen auf schmutzigen Böden und provisorischen Lagern aus Stroh in dunklen, stickigen und rattenverseuchten Räumen – verwundete und an Cholera erkrankte Soldaten. Außerhalb der Mauern tobt der Krimkrieg. 1853 ausgelöst durch die Expansionsbestrebungen Russlands im östlichen Mittelmeer fordert er – nach dem Eingreifen Englands und Frankreichs als Verbündete des Osmanischen Reiches – seinen Tribut. Die Ärzte arbeiten am Limit und unter primitivsten Bedingungen. Chirurgische Eingriffe werden ohne Licht und Betäubung durchgeführt; es fehlt an allem: Medikamente, Verbandszeug, Decken, sauberes Wasser.

Hilferufe in der Times

Ein Hilferuf in der Tageszeitung Times erreicht 1854 die Bevölkerung Englands: „Sind unter uns keine hingebenden Frauen, die fähig und willens wären, zu unseren kranken und leidenden Soldaten im Orient in das Lazarett von Skutari hinauszuziehen und sie zu pflegen?“ (2) 40 Frauen, die in Spitälern oder religiös-karitativen Einrichtungen tätig sind, brechen Ende Oktober mit dem Schiff Richtung Krim auf. An ihrer Spitze die vom Staatssekretär des Kriegsministeriums zur „Oberaufseherin der weiblichen Pflegekräfte des englischen Allgemeinen Militärhospitals in der Türkei“ ernannte 34-jährige Florence Nightingale, – „der einzige Mensch (…) in ganz England (…), der imstande wäre, so etwas zu organisieren und zu beaufsichtigen.“ (3)

Geboren in Florenz als zweite Tochter einer liberalen englischen Familie, die zum Besitzbürgertum des viktorianischen Zeitalters gehört, wächst sie in der Grafschaft Hampshire südwestlich von London auf. Bedingt durch ihre Herkunft wird Florence Nightingale früh in die Gesellschaft eingeführt; Sie besucht Tanzbälle, Opern und Konzerte, unternimmt Reisen quer durch Europa. Hierbei macht sie die Bekanntschaft mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft und genießt eine vielseitige Bildung. Sie erlernt alte und neue Sprachen, erhält Unterricht in Geschichte und Philosophie; heimlich und autodidaktisch beschäftigt sie sich mit Mathematik und Statistik. Schon früh gibt sie ihren Eltern zu verstehen, dass sie nicht das klassische Leben einer Tochter der wohlhabenden Oberschicht führen, sondern etwas Nützliches und Sinnvolles tun möchte.

In Holloway, dem Nachbarort der familiären Sommerresidenz Lea Hurst, versorgt sie die armen Kleinbauern und Weber mit Lebensmitteln Kleidung und Arzneimitteln, und kümmert sich um Kranke und Hilfsbedürftige. Konfrontiert mit dem Leid des Industrieproletariats der 1840er-Jahre beschließt sie – sehr zum Entsetzen ihrer Familie –, ihr Leben der Krankenpflege zu widmen. Angesichts der zeitgenössischen schlechten gesellschaftlichen Reputation der Pflegerinnen – diese entstammen der untersten Schicht, die zur Verrichtung einfachster Tätigkeiten wie Krankenzimmer reinigen, Wasser und Feuerholz holen, Schlaflager und Bäder bereiten herangezogen werden und als unmoralisch und trunksüchtig gelten – verbietet sich eine solche Stellung für sie. Alternativ beschäftigt sie sich theoretisch mit dem Spitalwesen.

Notwendigkeit von Reformen

Sie studiert Schriften und Jahrbücher, besichtigt Hospitäler in England und Frankreich, sie entwirft und verschickt Fragebögen zwecks Erhebung von Daten, die von ihr fachgerecht aufbereitet und statistisch auswertet werden. Auf diese Weise erwirbt sie bedeutende Kenntnisse über Strukturen und Prozesse; erkennt zugleich deren Mängel und die Notwendigkeit von Reformen. 1850 hospitiert sie in der von Pastor Theodor Fliedner gegründeten Diakonissenanstalt von Kaiserswerth am Rhein. Zwei Jahre später übernimmt sie die Leitung des Londoner Establishment for Gentlewoman during Illness und im Sommer 1854 arbeitet sie im Cholerahospital Middlesex in den Slums um St. Giles.

Soldatenlazarett im türkischen Skutari um 1854. Foto: picture alliance/Photo12/Ann Ronan/Picture Libray
Soldatenlazarett im türkischen Skutari um 1854. Foto: picture alliance/Photo12/Ann Ronan/Picture Libray

„The lady with the lamp“

Im November auf der Krim angekommen, wird sie mit den Folgen des jahrelangen Missmanagements, Kompetenzgerangels und Schlen-drians im Bereich des Heeressanitätswesens konfrontiert. Erschwerend hinzukommt die Weigerung der Ärzte, mit weiblichem Pflegepersonal zusammenzuarbeiten. Nightingales Taktik, die Autorität der Mediziner zu bewahren, gleichzeitig deren Vertrauen zu gewinnen, indem sie sich nicht in die Lazarettarbeit einmischtʼ sondern abwartet, bis diese ihre Unterstützung erbitten, geht auf. Und so kommt ihre große Stunde. Das Pflegerinnenteam bringt Ordnung und Sauberkeit, Struktur und Übersicht in das Chaos, sorgt mittels eines Fonds der „Times“ für die Versorgung der Patienten mit Essen, Wäsche und Kleidung sowie die Ausstattung des Lazaretts mit Schlaflagern, Behandlungstischen, Stützkissen, Bettpfannen, Essgeschirren. Darüber hinaus verlangen die Ärzte nach tätiger Mithilfe am Krankenbett sowie bei Operationen. Florence selbst ist unermüdlich auf den Beinen; organisiert, pflegt, wacht bei Patienten und spendet Sterbenden Beistand. Die kleine Lampe, die sie – gekleidet in ihrer Schwesternkluft: schwarzes Kleid mit weißem Leinenkragen, Manschetten, Schürze und Haube – auf ihrem nächtlichen Rundgang durch die Krankenzimmer trägt, wird zur Legende.

Als 1856 wieder Frieden herrscht, der letzte Patient das Lazarett verlassen kann und die Pflegerinnen heimreisen, ist Nightin-gales Wirken vor Ort beendet. Ihre eigentliche Mission jedoch liegt noch vor ihr. Auf der Basis jahrelang erworbener theoretischer Kenntnisse und der eigenen praktischen Erfahrungen auf der Krim – von ihr dokumentiert und analysiert –, der Korrespondenz mit medizinischen Experten sowie ihrer Beschäftigung mit dem neuen Wissenschaftszweig der Sozialstatistik erarbeitet sie Reformvorschläge. Entgegen aller Widerstände seitens Regierungsmitgliedern und Kommissionen dringt sie auf deren Umsetzung. In den folgenden Jahren agiert sie als kritische Beobachterin und Ratgeberin des englischen Gesundheitswesens und verfasst zahlreiche Schriften. Die Verbesserungen der sozialen und sanitären Bedingungen im englischen Militärwesen sowie des militärischen und zivilen Sanitätswesens in der Kolonie Indien, die Initiierung der Krankenpflege und Hygienestandards in den englischen Zivilkrankenhäusern, der Ausbau der Hauskrankenpflege nebst Versorgung der Londoner Arbeitshäuser und Armen-asyle, sowie ihr Plädoyer für die Einführung einer systematischen Bevölkerungsstatistik sind nur einige ihrer vielen Leistungen. Diese finden weltweit Nachahmer. Zugleich schafft sie die Basis für die später sich entwickelnden Disziplinen Medizinische Dokumentation, Biometrie und Epidemiologie sowie Sozialmedizin.

Geachteter Frauenberuf

Florence Nightingale erkennt früh, dass Engagement und Nächstenliebe zur Ausübung einer fachgerechten Krankenpflege nicht ausreichen, sondern eine fundierte Qualifizierung erforderlich ist. Daher widmet sie sich diesem Ressort mit ganz besonderem Interesse; theoretisch in ihrer wohl bekanntesten Publikation „Notes on nursing“, praktisch mit der Gründung der ersten Ausbildungsstätte am Hospital St. Thomas. Durch ihre Pionierarbeit verschafft sie der Krankenpflegerin den Status eines interkonfessionellen, finanziell gesicherten, gesellschaftlich geachteten Frauenberufes, den sie aus der Sphäre des karitativen Liebesdienstes in den Bereich der ethisch motivierten rationellen Tätigkeit erhebt.

Obwohl Florence Nightingale sich selbst gegen jenen Lebensweg entscheidet, den ihr gesellschaftlicher Status und ihr Geschlecht ihr vorgeben, versteht sie sich nicht als eine Verfechterin der weiblichen Emanzipation. Im Gegenteilʼ ein Engagement in der Frauenrechtsbewegung lehnt sie ab, und auch das Wahlrecht ist für sie von sekundärer Bedeutung. Selbst die Zulassung zum Medizinstudium – von ihr bewertet als Versuch der „Frauen, sich in alle männlichen Berufe einzudrängen (…), nur weil es männliche sind“ (4) – unterstützt sie nicht. Statt geschlechtsspezifischen Separatismus plädiert sie für ein gemeinsames Wirken zum Wohle des sozialen und humanitären Fortschritts (5). Sandra Krämer M. A.

Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0520

1.
William Howell Russell, engl. Korrespondent „The Times“, schildert in seinen Depeschen vom 9., 12., 13. und 14. Oktober 1854 die Situation auf der Krim und schließt mit einem leidenschaftlichen Appell. Infolge der Enthüllungen gegenüber der bis dato in Unkenntnis gelassenen Bevölkerung kommt es zur Gründung eines „Times-Fonds“ zur finanziellen Unterstützung der anvisierten Hilfsmaßnahmen. Zitiert nach: Woodham-Smith C; 137 ff. und Vasold M; 67 ff.
2.
Ebd.
3.
Brief Sidney Herbert (Staatssekretär engl. Kriegsministerium) an Florence Nightingale vom 15. Oktober 1854. Zitiert nach: Woodham-Smith C; 140 – 3.
4.
Nightinale F: Notes on nursing. What it is, and what it is not. London 1859.
5.
Mc Donald L: Florence Nightingale. A very brief history. London 2017/Cook E: The Life of Florence Nightingale. 2 Bände. Bd. 1: 1820–1861. Bd. 2: 1862–1910. London 1913 / Genschorek W: Schwester Florence Nightingale – Triumph der Menschlichkeit. Leipzig 1990/Small H: Florence Nightingale: Avenging Angel. London 1998/Vasold M: Florence Nightingale – Eine Frau im Kampf für die Menschlichkeit. Regensburg 2003/Woodham-Smith C: Florence Nightingale. London 1950.
1. William Howell Russell, engl. Korrespondent „The Times“, schildert in seinen Depeschen vom 9., 12., 13. und 14. Oktober 1854 die Situation auf der Krim und schließt mit einem leidenschaftlichen Appell. Infolge der Enthüllungen gegenüber der bis dato in Unkenntnis gelassenen Bevölkerung kommt es zur Gründung eines „Times-Fonds“ zur finanziellen Unterstützung der anvisierten Hilfsmaßnahmen. Zitiert nach: Woodham-Smith C; 137 ff. und Vasold M; 67 ff.
2. Ebd.
3. Brief Sidney Herbert (Staatssekretär engl. Kriegsministerium) an Florence Nightingale vom 15. Oktober 1854. Zitiert nach: Woodham-Smith C; 140 – 3.
4. Nightinale F: Notes on nursing. What it is, and what it is not. London 1859.
5. Mc Donald L: Florence Nightingale. A very brief history. London 2017/Cook E: The Life of Florence Nightingale. 2 Bände. Bd. 1: 1820–1861. Bd. 2: 1862–1910. London 1913 / Genschorek W: Schwester Florence Nightingale – Triumph der Menschlichkeit. Leipzig 1990/Small H: Florence Nightingale: Avenging Angel. London 1998/Vasold M: Florence Nightingale – Eine Frau im Kampf für die Menschlichkeit. Regensburg 2003/Woodham-Smith C: Florence Nightingale. London 1950.

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