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Interstitielle Zystitis (IC/BPS): Frühe Diagnose und Therapie für eine bessere Lebensqualität

Ayazpoor, Ute

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Bei Blasenschmerzen in der Füllungsphase der Blase, dazu ständigem Harndrang und Pollakisurie auch nachts, sollte an die Interstitielle Zystitis (IC/BPS) gedacht werden. Die Blasenerkrankung beeinträchtigt die Lebensqualität der Patienten, insbesondere bei langjähriger frustraner Therapie, nachdrücklich in vielen Lebensbereichen. Wie die IC/BPS frühzeitig diagnostiziert und therapiert werden kann, erläuterten Experten beim 31. Kongress der Deutschen Kontinenz Gesellschaft.

Die Interstitielle Zystitis wurde schon vor über 100 Jahren erstmals beschrieben, ist also beileibe keine Modediagnose. Dennoch wird sie bis heute viel zu spät erkannt, berichtete Dr. med. Björn Kaftan, Leitender Oberarzt der Klinik für Urologie, Klinikum Lüneburg. Immer noch vergehen laut einer aktuellen Patientenbefragung bei 4000 Ärzten in Deutschland durchschnittlich 9 Jahre bis zur korrekten Diagnose; bei 47 % der Patienten waren mehr als 20 Arztbesuche zur Sicherung der Diagnose notwendig [1]. Die Studie hatte auch gezeigt, dass eine falsche Erwartung, der chronische Verlauf und die sehr schwierige Therapie IC-Kranke zu „ungeliebten Patienten“ machen und der behandelnde Arzt Gefahr läuft, die „schwierigen“ Patienten bewusst oder unbewusst abzuwehren. In dieser Situation kommt die neue S2k-Leitlinie ins Spiel: Sie ist laut Kaftan eine gute Hilfe, wenn es um die Diagnostik geht und enthält zielführende Therapieempfehlungen [2].

Schon die Definition der Interstitiellen Zystitis in der Leitlinie bringt laut Kaftan Licht ins Dunkel: Danach handelt es um eine chronische, nicht-bakterielle Harnblasenerkrankung mit progredientem Verlauf, geprägt von Schmerzen, Pollakisurie, Nykturie und imparativem Harndrang (LUTS) in unterschiedlicher Ausprägung und Kombination der Symptome, wobei differenzialdiagnostische Erkrankungen als Ursache der Symptome ausgeschlossen werden müssen.

Unterschieden werden 2 Subtypen: Der sog. Hunner-Typ mit klaren, zystoskopisch feststellbaren Hunner-Läsionen, und den Nicht-Hunner-Typ (a) mit oder (b) ohne Glomerulationen (petechiale Einblutungen) erkennbar bei einer Zystoskopie ggf. unter Hydrodistension. Wie Kaftan hervorhob, ist die Diagnose nicht an ein bestimmtes Blasenvolumen oder dauerhafte Schmerzen gebunden. Auch eine Harnblasenbiopsie ist nicht essenziell, da sie die IC/BPS weder nachweisen noch ausschließen kann.

Die Diagnose umfasst eine gründliche Anamnese, ein Miktions-/Trinkprotokoll (MTP) über 3 Folgetage, eine Schmerzerfassung laut VAS/NAS, eine körperliche Untersuchung, eine Laboruntersuchung (Urinstatus/Sediment/Kultur, Urinzytologie, STD) sowie eine Zystoskopie mit Hydrodistension unter Anästhesie zur Erkennung typischer Hunner-Läsionen (Abb. 1) bzw. Glomerulationen (Abb. 2). Hierbei wird die Blase unter Druck von 80–100 cm H2O für 1–2 Minuten mit einer Wiederholung gedehnt [3]. Besteht eine Interstitielle Zystitis, kann beim Ablassen des Füllmediums unter optischer Kontrolle das typische „waterfall bleeding“ beobachtet werden und es kann unter Dehnung zum Aufbrechen der Blasenschleimhaut (mucosa cracking) kommen. Da sich hinter den Symptomen auch verwechselbare Erkrankungen verbergen können, die häufiger auftreten, ist deren Ausschluss obligatorisch. Aber: Auch beim Nachweis verwechselbarer Erkrankungen kann laut Kaftan durchaus gleichzeitig eine IC/BPS vorliegen. Eine Biopsie ist laut Kaftan für die Sicherung und Dokumentation der IC/BPS zwar keine Bedingung, aber wichtig, um ein carcinoma in situ auszuschließen und aufzudecken.

Hunner-Läsionen (Abb. 1 u. 2: Dr. Björn Kaftan, Städtisches Klinikum Lüneburg)
Abbildung 1
Hunner-Läsionen (Abb. 1 u. 2: Dr. Björn Kaftan, Städtisches Klinikum Lüneburg)
Glomerulation Grad 1 (vor Hydrodistension)
Abbildung 2
Glomerulation Grad 1 (vor Hydrodistension)

Oberstes Ziel der Therapie der IC/BPS ist es, die beeinträchtigte Lebensqualität wiederherzustellen, erklärte Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel, Direktorin des Kontinenzzentrums Südwest, Schwarzwald-Baar-Klinikum, Villingen-Schwenningen. Eine Erhebung belegt dramatische psychosoziale Folgen für IC-Patienten: Durch ihre Beschwerden seien sie „gefangen im eigenen Haus“, d.h. für 95 % war Reisen unmöglich, 89 % hatten Schlafprobleme, 68 % keine Freude an Aktivitäten, 31 % fühlten sich wertlos, 27 % litten unter Angst usw. Zudem war die Suizidrate in diesem Klientel um das 4-Fache erhöht [4].

Diese Patienten müssen deshalb laut Schultz-Lampel im Mittelpunkt der Bemühungen stehen. Zu Beginn der Therapie benötigen alle eine Aufklärung zur Anpassung ihrer Lebensumstände, eine Ernährungsberatung sowie eine Sexualberatung – auch um selbst aktiv mitarbeiten zu können. Immer wird eine psychologische/psychiatrische Betreuung, eine Physiotherapie sowie frühzeitig eine individuelle Schmerztherapie empfohlen. Abhängig vom Befund und Typ der IC/BPS ist eine individualisierte Therapie indiziert. Hier sollte bereits in der Frühphase der IC medikamentös (oral) behandelt werden. Als Substanz der ersten Wahl wird bei Hunner-Läsionen und Glomerulationen Pentosanpolysulfat-Natrium (PPS, elmiron® 100 mg Hartkapseln) empfohlen. PPS wird renal ausgeschieden und bindet an das Urothel. Dank seiner strukturellen Ähnlichkeit zu den Glykosaminen wird vermutet, dass PPS die bei IC/BPS gestörte GAG-Schicht wieder aufbaut und damit das Eindringen schädigender Substanzen aus dem Harn verhindert, vor Entzündungen schützt, die Durchblutung der Harnblase fördert und letztlich die Symptome lindert.

Die Früherkennung der IC/BPS müsse und könne durch Fortbildungen zum Thema, eine Verbreitung und Durchdringung der Leitlinie als Hilfestellung, eine frühzeitige Einbindung von IC-Zentren und mehr Forschungsaktivität verbessert werden. Entscheidend sei es aber auch, die Krankheit mit ihren belastenden Begleiterkrankungen zu akzeptieren, Empathie für die Patienten zu zeigen und ihre Mitarbeit bei der Behandlung der Interstitiellen Zystitis wertzuschätzen und zu nutzen. Das heißt ihnen zuzuhören, sich Zeit zu nehmen und den Schmerz von Anfang an zu behandeln, so das einhellige Fazit der Experten.

Impressum

Verlag: Deutscher Ärzteverlag GmbH

Dieselstraße 2, 50859 Köln

Geschäftsführung: Jürgen Führer

Telefon 02234 7011-0 (Zentrale)

Autorin: Ute Ayazpoor

Druckerei: L.N. Schaffrath GmbH & Co. KG DruckMedien, Marktweg 42, 47608 Geldern

Diese Sonderpublikation erscheint im Auftrag und inhaltlichen Verantwortungsbereich der Dr. Pfleger Arzneimittel, Dr.-Robert-Pfleger-Straße 12, 96045 Bamberg.

Quelle: Industriesymposium Dr. Pfleger Arzneimittel GmbH , 23.11.2019, Kongress der DKG, Essen

Der Verlag kann für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen keine Gewähr übernehmen. Durch sorgfältige Prüfung der Fachinformationen der verwendeten Präparate und ggf. nach Konsultation eines Spezialisten ist jeder Benutzer angehalten, festzustellen, ob die dort gegebene Empfehlung für Dosierung oder die Beachtung von Kontraindikationen gegenüber der Angabe in dieser Beilage abweicht. Bei selten verwendeten oder neu auf den Markt gebrachten Präparaten ist eine solche Prüfung besonders wichtig. Jede Dosierung oder Applikation erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers.

Diese Sonderpublikation erscheint außerhalb des Verantwortungsbereichs des Deutschen Ärzteverlages.

1.
Jocham D et al.: Urologe 2013; 52: 691–702
2.
Leitliniengruppe: S2K-Leitlinie für Interstitielle Cystitis (IC/BPS) Langfassung, 1. Auflage, Version 1, 2018
3.
Homma Y et al.: Int J Urol 2009; 16: 597–615
4.
Suskind AM et al.: J Urol 2012; 187: 508–512
Hunner-Läsionen (Abb. 1 u. 2: Dr. Björn Kaftan, Städtisches Klinikum Lüneburg)
Abbildung 1
Hunner-Läsionen (Abb. 1 u. 2: Dr. Björn Kaftan, Städtisches Klinikum Lüneburg)
Glomerulation Grad 1 (vor Hydrodistension)
Abbildung 2
Glomerulation Grad 1 (vor Hydrodistension)
1.Jocham D et al.: Urologe 2013; 52: 691–702
2.Leitliniengruppe: S2K-Leitlinie für Interstitielle Cystitis (IC/BPS) Langfassung, 1. Auflage, Version 1, 2018
3.Homma Y et al.: Int J Urol 2009; 16: 597–615
4.Suskind AM et al.: J Urol 2012; 187: 508–512

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