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Primär progrediente Multiple Sklerose: Alltagsrelevante Fähigkeiten länger erhalten mit Ocrelizumab

Reisdorf, Simone

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PD Dr. Hela-F. Petereit, Köln-Mülheim
PD Dr. Hela-F. Petereit, Köln-Mülheim

Das gegen B-Zellen gerichtete Ocrelizumab ist das einzige zugelassene krankheitsmodifizierende Medikament bei primär progredienter Multipler Sklerose (PPMS). Die Therapie mit Ocrelizumab kann den Krankheitsverlauf deutlich verzögern und den Patienten helfen, ihre Gehfähigkeit, Armfunktion, Kognition und weitere Fähigkeiten länger zu erhalten. Im Unterschied zu den schubförmigen MS-Verlaufsformen ist PPMS durch eine allmähliche Verschlechterung der Symptome ohne erkennbare Schübe charakterisiert. Zudem tritt PPMS bei Männern und Frauen etwa gleich häufig auf, meist erst nach dem 40. Lebensjahr [1–6].

Warum eine Therapie bei PPMS so wichtig ist und welche Patienten für Ocrelizumab (Ocrevus® ) in Frage kommen, erläutert PD Dr. Hela-F. Petereit, niedergelassene Neurologin in Köln-Mülheim.

Frau Dr. Petereit, welche Erkenntnisse haben dazu geführt, dass jetzt eine effektive Therapieoption, die den Verlauf der Erkrankung modifizieren kann, für Patienten mit PPMS verfügbar ist?

Auch bei PPMS spielen Inflammation und Immunreaktionen eine wichtige Rolle. So sind im Liquor von PPMS-Patienten B-Zellen nachweisbar, welche das Nervengewebe schädigen. Die gegen B-Zellen gerichtete Therapie mit Ocrelizumab, die auch bei RRMSa und aktiver SPMSb zugelassen ist, war in Studien mit PPMS-Patienten ebenfalls effektiv: Sie hat das Fortschreiten der Erkrankung signifikant verzögert und die Zahl neuer Herde reduziert.

Warum ist gerade für Patienten mit PPMS eine Behandlung wichtig, auch wenn sie vielleicht schon vor einigen Jahren diagnostiziert wurden?

Die Studien haben gezeigt, dass PPMS-Patienten bis zu einer Krankheitsdauer von 15 Jahren von der Therapie mit Ocrelizumab profitieren. Neben dem Erhalt der Gehfähigkeit geht es ja auch um die Handfunktion und weitere Fertigkeiten. Allerdings gilt: Je früher man beginnt, desto mehr Schaden an den Nerven kann man verhindern – zumal die Erkrankung bei PPMS-Patienten zwar gleichmäßiger, aber rascher voranzuschreiten scheint.

Welche PPMS-Patienten kommen denn für Ocrelizumab in Frage?

Die Patienten müssen laut Fachinformation eine frühe PPMSc aufweisen. Diese ist durch die Dauer der Erkrankung und den Behinderungsgrad bestimmt. Das muss der Facharzt im Einzelfall entscheiden. Außerdem müssen sich in der Bildgebung Hinweise für eine Krankheitsaktivität finden.c

Ocrelizumab (Ocrevus®)

Ocrelizumab ist zur Therapie erwachsener Patienten mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose (RRMS)a, aktiver sekundär progredienter MS (SPMS)b sowie früherc primär progredienter MS (PPMS) zugelassen [7]. Es handelt sich um einen humanisierten monoklonalen Antikörper, der an CD20-positive B-Zellen bindet. Die Gabe von Ocrelizumab erfolgt nach Initialdosis in einer patientenfreundlichen Intervalltherapie alle 24 Wochen.

 

Welche Chance bietet die Therapie mit Ocrelizumab bei PPMS?

Wir können die Krankheit nur selten komplett stoppen, aber die Patienten gewinnen Zeit. So können wir beobachten, dass sich die Gehfunktion unter Ocrelizumab langsamer verschlechtert; wir können häufig die Rollstuhlpflicht verzögern oder die Armfunktion länger bewahren; kognitive Fähigkeiten bleiben länger erhalten, die Patienten sind länger belastbar.

Welche Empfehlung möchten Sie den hausärztlichen Kollegen noch mitgeben?

Ich möchte dazu ermutigen, bei Fragen den Facharzt, etwa den Neurologen oder Urologen, miteinzubeziehen. Und ich möchte dafür plädieren, auch bei fortgeschrittener PPMS an die zugelassene Therapieoption zu denken, also an Ocrelizumab, und dafür den Patienten zum Neurologen zu überweisen. So können Hausarzt und Facharzt gemeinsam daran arbeiten, den Patienten lange bei möglichst guter Gesundheit zu erhalten.

Frau Dr. Petereit, vielen Dank für das freundliche Gespräch!

a) RRMS (schubförmig remittierende Multiple Sklerose) mit aktiver Erkrankung, definiert durch klinischen Befund oder Bildgebung.

b) SPMS (sekundär progrediente MS) = Verlaufsform, die aus einer schubförmig remittierenden MS (RRMS) hervorgeht, bei der die akut-entzündliche Aktivität in Form abgrenzbarer Schübe immer seltener wird oder ganz fehlt. Die neurodegenerativen ZNS-Veränderungen dominieren immer stärker und die Behinderung nimmt stetig zu. Wird die SPMS weiterhin von Schüben begleitet, spricht man von einer rSPMS (sekundär progrediente MS mit aufgesetzten Schüben).

c) Frühe primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS), charakterisiert anhand der Krankheitsdauer und dem Grad der Behinderung, sowie mit Bildgebungsmerkmalen, die typisch für eine Entzündungsaktivität sind.

▼ Dieses Arzneimittel unterliegt einer zusätzlichen Überwachung. Dies ermöglicht eine schnelle Identifizierung neuer Erkenntnisse über die Sicherheit. Angehörige von Gesundheitsberufen sind aufgefordert, jeden Verdachtsfall einer Nebenwirkung zu melden. Bitte melden Sie Nebenwirkungen an die Roche Pharma AG (grenzach.drug_safety@roche.com oder Fax +49 7624/14-3183) oder an das Paul-Ehrlich-Institut (www.pei.de oder Fax +49 6103/77-1234).

Pflichtangaben gem. § 4 HWG

Ocrevus® 300 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung

Wirkstoff: Ocrelizumab. Zusammensetzung: 1 Durchstechflasche enthält 300 mg Ocrelizumab in 10 ml. Sonstige Bestandteile: Natriumacetat-Trihydrat, Essigsäure 99 %, Trehalose-Dihydrat (Ph.Eur.), Polysorbat 20, Wasser für Injektionszwecke. Anwendungsgebiete: RMS: Ocrevus ist angezeigt zur Behandlung erwachsener Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose (RMS) mit aktiver Erkrankung, definiert durch klinischen Befund oder Bildgebung. PPMS: Ocrevus ist angezeigt zur Behandlung erwachsener Patienten mit früher primär progredienter Multipler Sklerose (PPMS), charakterisiert anhand der Krankheitsdauer und dem Grad der Behinderung, sowie mit Bildgebungsmerkmalen, die typisch für eine Entzündungsaktivität sind. Gegenanzeigen: Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile; aktuell vorliegende, aktive Infektion; schwer immunsupprimierter Zustand; bekannte aktive Malignome. Nebenwirkungen: Infektion der oberen Atemwege, Nasopharyngitis, Influenza, Immunglobulin M im Blut erniedrigt, Infusionsbedingte Reaktionen (u.a. Pruritus, Hautausschlag, Urtikaria, Erythem, Flush, Hypotonie, Pyrexie, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Rachenreizung, oropharyngeale Schmerzen, Dyspnoe, Pharynx- oder Larynxödeme, Übelkeit, Tachykardie), Sinusitis, Bronchitis, oraler Herpes, Gastroenteritis, Infektion der Atemwege, virale Infektion, Herpes zoster, Konjunktivitis, Zellulitis, Husten, Katarrh, Immunglobulin G im Blut erniedrigt, Neutropenie. Verschreibungspflichtig. Hinweise der Fachinformation beachten. Pharmazeutischer Unternehmer: Roche Registration GmbH, Grenzach-Wyhlen, DE. Weitere Informationen auf Anfrage erhältlich. Vertreter in Deutschland: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen. Stand der Information: März 2018.

Impressum

Verlag: Deutscher Ärzteverlag GmbH

Dieselstraße 2, 50859 Köln

Geschäftsführung: Jürgen Führer

Telefon 02234 7011-0 (Zentrale)

Autorin: Simone Reisdorf

Druckerei: L.N. Schaffrath GmbH & Co. KG DruckMedien, Marktweg 42, 47608 Geldern

Diese Sonderpublikation erscheint im Auftrag und inhaltlichen Verantwortungsbereich der Roche Pharma AG, Emil-Barell-Str. 1,

79639 Grenzach-Wyhlen.

Der Verlag kann für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen keine Gewähr übernehmen. Durch sorgfältige Prüfung der Fachinformationen der verwendeten Präparate und ggf. nach Konsultation eines Spezialisten ist jeder Benutzer angehalten, festzustellen, ob die dort gegebene Empfehlung für Dosierung oder die Beachtung von Kontraindikationen gegenüber der Angabe in dieser Beilage abweicht. Bei selten verwendeten oder neu auf den Markt gebrachten Präparaten ist eine solche Prüfung besonders wichtig. Jede Dosierung oder Applikation erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers.

Diese Sonderpublikation erscheint außerhalb des Verantwortungsbereichs des Deutschen Ärzteverlages.

1.
Bsteh G, Berger T: J Neurol Neurochir Psychiatr 2017; 18: 129–34
2.
www.msif.org/research/challenges-of-ms-research/progressive-ms (abgerufen am 21.03.2020)
3.
Cottrell DA et al.: Brain 1999; 122: 625–39
4.
Miller DH, Leary SM: Lancet Neurology 2007; 6: 903–12.
5.
Antel J et al.: Neuropathol 2012; 123: 627–38
6.
Correale J et al.: Brain 2017; 140: 527–48
7.
Fachinformation Ocrevus® (Stand: April 2020)
1. Bsteh G, Berger T: J Neurol Neurochir Psychiatr 2017; 18: 129–34
2. www.msif.org/research/challenges-of-ms-research/progressive-ms (abgerufen am 21.03.2020)
3. Cottrell DA et al.: Brain 1999; 122: 625–39
4. Miller DH, Leary SM: Lancet Neurology 2007; 6: 903–12.
5. Antel J et al.: Neuropathol 2012; 123: 627–38
6. Correale J et al.: Brain 2017; 140: 527–48
7.Fachinformation Ocrevus® (Stand: April 2020)

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