ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2020Coronakrise: Tools für den medizinischen Alltag

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Coronakrise: Tools für den medizinischen Alltag

Krüger-Brand, Heike E.

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Fragebogen-Apps als Entscheidungshilfe für Patienten oder zur Diagnoseunterstützung des Arztes, eine interaktive Website zum Fachaustausch und ein Knowledge Graph für die Forschung

Foto: elenabsl/stock.adobe.com
Foto: elenabsl/stock.adobe.com

Mithilfe von Apps lassen sich Patientinnen und Patienten künftig stärker aktiv einbeziehen, wenn es um die Ausgestaltung der Versorgung oder auch um Wissensgenerierung für Forschungsfragen vor dem Hintergrund der Coronapandemie geht. Aber auch für Ärztinnen und Ärzte und weiteres medizinisches Fachpersonal gibt es digitale Werkzeuge, die den Durchblick in der Informationsflut erleichtern oder den Informationsaustausch fördern.

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Eine solche Anwendung ist beispielsweise die „CovApp“ der Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Digital-Health-Unternehmens Data4Life. Sie soll Menschen eine Entscheidungshilfe anbieten, ob sie eine COVID-19-Untersuchungsstelle aufsuchen sollen. Für diejenigen, die den Fragebogen der CovApp durchlaufen haben, kann die App das Arztgespräch vor Ort unterstützen und dazu beitragen, die Wartezeit zu verkürzen.

Die Lösung ist als Open-Source-Software verfügbar, sodass Softwareingenieure weltweit die App weiterentwickeln können. Da der zugrunde liegende Quellcode öffentlich bereitsteht, können andere medizinische Einrichtungen die Web-Anwendung in HTML, JavaScript und CSS nutzen. Darüber hinaus kann ein QR-Code generiert werden, über den sich die Ergebnisse des Fragebogens in die Patientenmanagementsysteme übermitteln und damit die Abläufe vor Ort noch effizienter gestalten lassen.

Forschung per Symptomtracker

Das Universitätsklinikum Freiburg hat ebenfalls eine Fragebogen-App vorgestellt. Die App „COVID-19 Symptom-Tracker“ soll den Ärzten wichtige Hinweise zum besseren Verständnis der Erkrankung geben und die Diagnostik unterstützen.

Nach Erfassung von anonymen Daten der Nutzer und deren Vorerkrankungen wird über tägliche Fragebögen deren Gesundheitszustand dokumentiert. Ergeben sich daraus Hinweise, die stark für eine COVID-19-Erkrankung sprechen, erhalten die Betreffenden einen entsprechenden Hinweis. Zwar ersetzt die App nicht den Arztkontakt und kann eine Infektion nicht mit letzter Sicherheit bestätigen oder ausschließen. Mit den anonymisierten Daten können die Forschenden aber den Verlauf, die Häufigkeit und die zeitliche Abfolge bestimmter Beschwerden sowie Hinweise auf Risikofaktoren auswerten.

„Die App ermöglicht eine neue Dimension bei der Datenerfassung. Sie kann damit wichtige Hinweise auf den Verlauf von COVID-19 liefern und möglicherweise sogar helfen, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und somit die Ausbreitung zu verhindern“, sagte Prof. Dr. med. Frederik Wenz, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Freiburg. Neben häufig geschilderten Symptomen wie Husten und Fieber treten auch Durchfall, Atemnot, Kopfschmerzen und andere Beschwerden als Anzeichen einer Infektion mit dem Coronavirus auf. Die App ist derzeit für das Apple-Betriebssystem iOS verfügbar, eine Android-Version soll in Kürze folgen.

Sämtliche Daten werden anonymisiert und verschlüsselt auf einem Server in Deutschland abgelegt. Teilnehmen können Personen ab 18 Jahren. Bei unklaren Krankheitssymptomen oder nach Kontakt zu Corona-positiv getesteten Patienten kann die App heruntergeladen werden. Nach einem Basisfragebogen, der etwa fünf Minuten in Anspruch nimmt, erfragt die App täglich die aktuellen Symptome. Der Aufwand liegt bei etwa drei Minuten am Tag.

Hilfen aus der Praxis

#M4MvsCOVID ist ein Zusammenschluss von engagierten Medizinerinnen und Medizinern aus der Notfall-, Akut- und Intensivmedizin, die sich der Idee der Free Open Access Medical Education (#FOAMed) verschrieben haben und in der Coronakrise gegenseitig unterstützen wollen. Ihr Ziel ist es, medizinische Inhalte sowie die Empfehlungen nationaler und internationaler Fachgesellschaften zu COVID-19 auf dem aktuellsten Stand zu diskutieren und praxisnah für andere Ärzte aufzubereiten. Seit Kurzem ist die interaktive Webseite „Mediziner für Mediziner gegen COVID“ freigeschaltet.

Medizinisches Fachpersonal – Ärzte, Pflegekräfte, Rettungsdienstpersonal und sonstige Behandelnde – soll dort eine fokussierte erste Hilfestellung im Umgang mit teils hochkomplexen Krankheitsbildern erhalten. Weil im klinischen Alltag und unter den teilweise hochgradig belastenden Umständen oft keine Zeit dafür bleibe, die täglich erscheinenden Empfehlungen zu sichten und einzuordnen, soll praxisnahes Erfahrungswissen zum Umgang mit COVID-19 breit zur Verfügung gestellt werden, heißt es auf der Webseite.

Wenn keine ausreichend genaue Evidenz durch Studien vorhanden ist, wird versucht, eine Hilfestellung, etwa durch Einzelmeinungen von Experten, zu geben. Die Informationen gliedern sich in die Bereiche Präklinik, Notaufnahme, Normalstation, Intensivstation, Beatmung und Hygiene.

Graph-Technologie

Das Anfang März gestartete Projekt „COVID*Graph“ entwickelt einen Knowledge Graph, um Forschenden einen schnellen Zugriff auf aktuelle wissenschaftliche Daten zu ermöglichen. Ziel sei es, möglichst schnell Erkenntnisse über Verbreitung und Krankheitsverlauf des Coronavirus zu gewinnen und so die Entwicklung eines Impfstoffs zu beschleunigen, teilte das Unternehmen Neo4j mit, das die Graph-Datenbank zur Verfügung stellt. Das Projekt wird unter anderem vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) und der Universität Freiburg unterstützt.

Knowledge Graphen sind semantische Wissensdatenbanken, in denen eine große Anzahl heterogener Daten aus unterschiedlichen Quellen gespeichert, verknüpft und abgefragt werden kann. Das intuitive Modell aus Knoten und Kanten ermöglicht es, gesammeltes Wissen anschaulich abzubilden, Zusammenhänge aufzudecken und Muster zu erkennen. Das Verknüpfen großer Datensätze und deren Auswertung sollen Ansätze für weitere Forschungsarbeiten liefern.

Wissenschaftliche Publikationen und Forschungsarbeiten werden in einem zentralen „COVID-19 Wissens-Hub“ auf Basis der Graph-Datenbank gebündelt. Verknüpft werden dabei öffentlich zugängliche Datenquellen zum Coronavirus, relevante Patentschriften sowie Datensätze aus Genom- und molekularbiologische Datenbanken.

„In den letzten Monaten wurde sehr viel und sehr schnell über das Coronavirus publiziert. Allein die COVID-19 Open Research Datenbank (CORD-19) zählt 44 000 wissenschaftliche Artikel. Für die medizinische Forschung ist es schwer, den Überblick zu behalten – vor allem da bislang keine Zeit war, die Arbeiten in gewohnter Weise zu validieren“, erklärt Dr. rer. nat. Alexander Jarasch, Leiter Bioinformatik und Datenmanagement vom DZD und Mitinitiator von COVID*Graph. „Mit unserem Projekt wollen wir Forschern und Wissenschaftlern helfen, schnell und unkompliziert einen Weg durch die Unmenge an Informationen zu finden.“

In der Datenanalytik sind Graph-Datenbanken etwa in der medizinischen Forschung und bei der Medikamentenentwicklung weit verbreitet. Im Kampf gegen COVID-19 kann Graph-Analytik beispielsweise eingesetzt werden, um Kontaktpersonen von infizierten Menschen zu erfassen (Clustern). Über Kürzester-Pfad-Algorithmen lassen sich zum Beispiel Infektionswege über mehrere Kontaktpunkte hinweg zurückzuverfolgen.

Neo4j hat daher alle COVID-19-
relevanten Graph-Projekte in sein „Graphs4Good“-Programm aufgenommen. Anwender, die Graph-Technologie im Kampf gegen das Coronavirus einsetzen, erhalten einen kostenfreien Zugriff auf die Enterprise-Version der Datenbank.

Darüber hinaus unterstützt das Unternehmen die Anwender bei der Vermittlung von Mentoren, dem Teilen von Datensätzen und dem Austausch innerhalb der Community. Heike E. Krüger-Brand

Weitere Angebote

Die Mitglieder des Bundesverbands Gesundheits-IT (bvitg) wollen medizinische Einrichtungen bei der Bewältigung der Coronapandemie unterstützen, indem sie viele bestehende und neue Angebote kostenfrei zur Verfügung stellen, den Support ausweiten und nicht unbedingt nötige Updates aufschieben.

Auf seiner Webseite hat der Verband daher eine Übersicht mit hilfreichen Health-IT-Lösungen seiner Mitglieder zusammengestellt, die permanent aktualisiert wird. Untergliedert ist die Sammlung nach IT-Tools für Patienten, Telemedizinlösungen, Angeboten für Krankenhäuser und Angeboten für weitere medizinische Einrichtungen. Zu jedem IT-Tool gibt es eine Kurzbeschreibung und einen direkten Link auf das betreffende Angebot.

bvitg.de/themen/covid-19

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