ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2020Glioblastoma multiforme: Eine radikale Resektion kann das molekulargenetische Risiko kompensieren

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Glioblastoma multiforme: Eine radikale Resektion kann das molekulargenetische Risiko kompensieren

Gulden, Josef

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Foto: Science Photo Library/R. BICK, B. POINDEXTER, UT MEDICAL SCHOOL
Foto: Science Photo Library/R. BICK, B. POINDEXTER, UT MEDICAL SCHOOL

Neudiagnostizierte Glioblastome werden seit eineinhalb Jahrzehnten nach dem EORTC-Protokoll mit Resektion, Bestrahlung und dem Alkylans Temozolomid behandelt. Die komplette Resektion von kontrastmittelverstärktem (CE) Tumorgewebe im T1-gewichteten MRT verlängert das Überleben. Weniger klar war bislang, ob auch ein nicht kontrastverstärkter (NCE) Tumor möglichst vollständig entfernt werden sollte und welche Rolle Mutationen der Gene für die Isocitrat-Dehydrogenasen 1 und 2 (IDH1/2) spielen. Sie finden sich bei knapp jedem 10. Glioblastom und sind mit einer besseren Prognose assoziiert (mediane Überlebenszeit 3,6 Jahre vs. 1,2 Jahre bei IDH-Wildtyp-Tumoren). US-amerikanische Neurochirurgen entwickelten in einer retrospektiven Kohortenstudie anhand von 761 Patienten mit einer rekursiven Partitionierungsanalyse (RPA) ein Modell zur Risikoabschätzung, das außer dem Resektionsstatus auch molekulargenetische und klinische Parameter enthielt.

Es ließen sich 4 Gruppen beim Überleben unterscheiden: Jüngere Patienten (≤ 65 Jahre) mit IDH-Wildtyp-Tumoren, bei denen alle mit CE und NCE sichtbaren Anteile radikal entfernt worden waren, und Patienten mit IDH-Mutationen überlebten etwa gleich lang, nämlich median 37,3 Monate (Gruppe 1). Für Patienten hingegen, bei denen nur CE-Anteile radikal entfernt worden waren, aber ein residueller NCE-Anteil von mehr als 5,4 mL Volumen verblieben war, war die Dauer nicht einmal halb so lang (median 16,5 Monate; Gruppe 2).

Über 65-jährige Patienten mit IDH-Wildtyp-Tumoren profitierten mit median 12,4 Monate immer noch von einer chirurgischen Reduktion von CE-Tumoranteilen (Gruppe 3) im Vergleich zu Patienten, die nach Op kein Temozolomid erhalten konnten (3,6 Monate; Gruppe 4). Die Rolle der aggressiven Operation von CE- und NCE-Anteilen bei Wildtyp-Tumoren war unabhängig vom Methylierungsstatus des MGMT-Promotors, der die Wirkung alkylierender Chemotherapien beeinflusst. Die Daten bestätigten sich in 2 Validierungskohorten mit 107 und 99 Patienten.

Fazit: In dieser Analyse wurde erstmals das Ausmaß der zytoreduktiven Chirurgie bezüglich kontrastverstärkter und nicht kontrastverstärkter Tumoranteile mit molekulargenetischen und klinischen Informationen zum Glioblastom kombiniert. „Die Resultate bestätigen den Nutzen einer möglichst radikalen Operation von kontrastmittelpositivem Tumorgewebe und bei jüngeren Patienten auch der NCE-Anteile des Tumors, unabhängig vom IDH-Mutations- und vom MGMT-Methylierungsstatus“, kommentiert Prof. Dr. med. Michael Sabel, Leiter des Zentrums für Neuroonkologie an der Neurochirurgischen Klinik der Universität Düsseldorf. „Eine aggressive Resektionstechnik muss auch die intensive Nutzung aller Möglichkeiten zur intraoperativen Darstellung des Tumors umfassen, also Bildgebung und fluoreszenzbasierte Methoden. Darauf weisen die Studienautoren auch hin. Zugleich ist zur Vermeidung neurologischer Defizite ein intraoperatives Monitoring unerlässlich.“ Josef Gulden

Molinaro AM, Hervey-Jumper S, Morshed RA, et al.: Association of maximal extent of resection of contrast-enhanced and non–contrast-enhanced tumor with survival within molecular subgroups of patients with newly diagnosed glioblastoma. JAMA Oncol 2020; DOI 10.1001/jamaoncol.2019.6143.

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