ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2000Präimplantationsdiagnostik: Am Rande der schiefen Bahn

POLITIK: Kommentar

Präimplantationsdiagnostik: Am Rande der schiefen Bahn

Dtsch Arztebl 2000; 97(9): A-507 / B-447 / C-409

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Ganz restriktiv soll die Präimplantationsdiagnostik (PGD = preimplantation genetic diagnosis) eingesetzt werden; nur wenigen Paaren mit hohem genetischem Risikofaktor soll sie zugute kommen, ein kompliziertes Genehmigungsverfahren ist allem vorangestellt. So sieht es der Richtlinienentwurf des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer vor, der vom BÄK-Vorstand nach längerem Ringen als "Diskussionsentwurf" für die öffentliche Diskussion freigegeben wurde. Bereits im Vorfeld kam es freilich zu gehörigen Missverständnissen. In der Presse war davon zu lesen, die Ärzteschaft gestatte nunmehr die PGD. Zu hoffen ist, dass ein Presseseminar der Bundes­ärzte­kammer, das wenige Tage nach Bekanntwerden des Diskussionsentwurfes in Berlin stattfand (dazu der Leitartikel), die Positionen wieder etwas zurechtgerückt hat. Die Bundes­ärzte­kammer und auch ihr Wissenschaftlicher Beirat sind nämlich keineswegs entschieden in Sachen PGD. Bei dem einen oder anderen Wissenschaftler mag die Entscheidung vielleicht gefallen sein, nicht aber bei den Verantwortlichen für den Richtlinienentwurf. Die freilich haben durch die Form einer fix und fertig formulierten Richtlinie, die alsdann zum Diskussionsentwurf erklärt wurde, einiges dazu beigetragen, dass ein falscher Eindruck entstehen konnte. Der wird jetzt hoffentlich korrigiert sein. PGD ist im Ausland, sofern hier die aufwendigen technischen Vorrichtungen gegeben sind, durchaus im Einsatz (siehe Tabelle). In Deutschland nicht, jedenfalls ist nichts bekannt. Die Rechtslage spricht dagegen. PGDBefürworter interpretieren die zwar zu ihren Gunsten, es gibt aber gewichtigere Argumente, wonach PGD in Deutschland verboten ist. Nicht umsonst suchen die mit der Methode befassten Kreise ja nunmehr mittels öffentlicher Diskussion und einer Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer zu Rechtssicherheit zu kommen. Die wird es letzten Endes nur mit Hilfe des Gesetzgebers geben; der zögert - aus gutem Grund.
Die Absichten der wohlwollenden Ärzte, die ihren Patientinnen und Patienten zu einem von Krankheit möglichst nicht belasteten Kind verhelfen wollen, sind glaubhaft. Doch wenn mit PGD die Grenze zur Selektion ungeborenen Lebens überschritten wird - und das wird sie, man mag noch so verhüllende Bezeichnungen wählen -, dann wird die Entwicklung von den wohlwollenden, wohlmeinenden Wissenschaftlern und Ärzten nicht mehr zu steuern sein. Mit PGD kommt, man mag das bedauern oder insgeheim befürworten, die verbrauchende Forschung an Embryonen, etwa mit der Argumentation: Weshalb Embryonen, die sich als "defekt" erwiesen haben, vernichten, können sie doch für weitergehende Forschung noch gute Dienste leisten. Mit PGD wird schließlich die schiefe Bahn zur Eugenik beschritten, wird zudem ein Tabu gebrochen, das nach den NS-Untaten errichtet wurde. Der Wissenschaftliche Beirat und die Bundes­ärzte­kammer erklären zwar ausdrücklich, sie hätten Eugenik nicht im Sinn; doch wenn Embryonen nach genetischen "Defekten" untersucht und gegebenenfalls ausgesondert werden, dann ist der Weg eingeschlagen. Und er wird immer breiter. Man wird erwarten dürfen, dass der Katalog von Krankheiten, die mit PGD diagnostiziert werden können, immer weiter ausgedehnt wird, allein schon weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse wachsen. Aber auch, weil die Vorstellungen darüber, was "defekt" oder was "gesund" ist, weit auseinander gehen. Der Wissenschaftliche Beirat hat sich nicht getraut, und zwar aus guten Gründen, einen Indikationskatalog aufzustellen. Das heißt aber auch, dass man im Einzelfall demnächst unterschiedlich entscheiden wird, ob beispielsweise beim DownSyndrom der Embryo verworfen werden kann oder nicht. Und wer will eigentlich verhindern, dass nebenbei auch nach dem Geschlecht gesucht und entschieden wird?
Die Diskussion um PGD trifft in eine seit Jahren von philosophischer Seite angestoßene Debatte über Selektion von Leben, erinnert sei etwa an Singer oder jüngst Birnbacher. Mit der Diskussion um PGD werden auch die Forderungen nach verbrauchender Embryonenforschung wieder belebt werden, die seinerzeit zu den strengen Regelungen des Embryonenschutzgesetzes führten. In der Diskussion um PGD in Deutschland wird mit Sicherheit das Argument hochkommen, im Ausland sei das aber alles erlaubt. Folgt man diesem Argument, dann wird man auf die Dauer mit dem ethischen Minimum nicht nur bei der Auswahl ungeborenen Lebens leben müssen. Norbert Jachertz


Tabelle Präimplantationsdiagnostik im europäischen Vergleich
PGD PGD Gesetz Gesetzes zulässig unzulässig vorhaben
Großbritannien ja ja Dänemark ja ja
Norwegen ja ja
Schweden ja ja
Italien ja ja
Spanien ja ja
Portugal ja ja
Frankreich ja ja
Belgien ja
Niederlande ja
Griechenland ja
Österreich ja ja
Schweiz ja ja
Deutschland fraglich ja
modifiziert nach Simon 1999

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