ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2020Selbstmanagement: Warum es gefährlich sein kann, Ziele zu haben

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Selbstmanagement: Warum es gefährlich sein kann, Ziele zu haben

Schuster, Gabriele

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Heutzutage ist es unpopulär, keine Ziele zu haben. Dabei können Ziele demotivieren oder gar echten Erfolg verhindern. Das Leben wird definiert durch das, was wir tun, und nicht durch das, was wir planen.

Foto: Anatoliy/stock.adobe.com
Foto: Anatoliy/stock.adobe.com

Vor einigen Jahren fiel mir in einem mehrtägigen Seminar ein Arzt auf, der in der rheumatologischen Abteilung einer größeren Klinik arbeitete. Er wirkte sehr ruhig und in sich gekehrt. Ich hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. In einer Pause setzte ich mich zu ihm und fragte ihn, ob alles ok sei. „Nein, gar nicht“, antwortete er. Das war der Beginn eines längeren Gesprächs. Seine Freundin hatte ihn vor einigen Monaten verlassen. Seither war sein Leben aus den Fugen geraten. Er war in eine kleine Wohnung gezogen und hatte es noch immer nicht geschafft, die Umzugskisten auszupacken. Seine Doktorarbeit sollte schon lange fertig sein, sein Doktorvater machte ihm die Hölle heiß. Zum Sportmachen fehlte ihm die Energie und dass er seither ordentlich an Gewicht zugelegt hatte, machte die Situation nicht besser.

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„Eigentlich wollte ich jetzt schon zwei Kinder haben und in einem Haus wohnen. Das hat alles nicht funktioniert. Ich fühle mich mies, weil ich offensichtlich jemand bin, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt.“ Ich lehnte mich zurück, lächelte ihn an und sagte: „Dass Ihre Situation völlig normal ist, ist Ihnen klar, oder?“ Er sah mich an, als hätte ich grüne Hörnchen über den Ohren. Die Jammerhypnose wirkte durchbrochen und ich hatte zumindest seine Aufmerksamkeit. „Na ja, täglich scheitern Millionen von Menschen an ihren Zielen. Das ist gar nichts Besonderes“, sagte ich. „Die Frage ist, was Sie jetzt daraus machen.“

Ziele haben mitunter desaströse Folgen

Ziele sollen helfen, sich oder etwas zu verbessern. Leider sind die Ergebnisse, die das Setzen von Zielen mit sich bringt, häufig ein Desaster. So macht es unglücklich und raubt Energie, auf nicht erreichte Ziele zu starren. Viele Menschen verwenden viel Zeit darauf, sich wegen nicht erreichter Ziele schlecht zu fühlen. Und wer sich schlecht fühlt, dem fehlt die Energie, Dinge anzugehen. Andere ignorieren ihre Ziele schlichtweg. Je häufiger ihnen ihre Ziele vor Augen kommen, desto effizienter werden sie darin, diese zu ignorieren. Doch Unglück, Stagnation und Ignoranz sind schlechte Resultate für ein Werkzeug, das etwas verbessern soll.

Das Setzen von Zielen ist nicht der Grund für Erfolg. Viele Menschen und Unternehmen verwenden viel Zeit auf das Setzen der Ziele und kümmern sich danach um etwas völlig anderes. Damit liegt die Wirksamkeit der gesetzten Ziele bei exakt null. Auch verändert das Erreichen von Zielen die Dinge nur kurzfristig. Wurde ein Ziel erreicht, endet die Anstrengung. Das Ziel ist ja erreicht, „nun ist gut“. Die Folgen sind, dass innerhalb von wenigen Monaten das Erreichte wieder zunichtegemacht wird.

Die Magie der kleinen Momente

Ich fragte meinen Kunden, was ihm aktuell am meisten fehle. Vor der Trennung von seiner Freundin war er regelmäßig laufen gegangen. Der Wegfall des Trainings resultierte in einem schlechten Körpergefühl, was seine Situation nicht gerade verbesserte. „Es wäre gut, wieder mal richtig lange laufen zu gehen. Aber mir fehlt die Energie. Wenn ich abends nach Hause komme, falle ich vor den Fernseher und dann ist der Abend gelaufen und nicht ich.“

Wir vereinbarten, dass er die Laufschuhe aus der Umzugskiste auspacken und in den Flur seiner neuen Wohnung stellen sollte. Er sollte ausdrücklich nicht laufen gehen, sondern nur die Schuhe in den Flur stellen und mir ein Foto davon schicken. Ich hörte an diesem Abend lange nichts von ihm bis um 20 Uhr ein Foto der Laufschuhe im Flur kam – gemeinsam mit der Nachricht: „Konnte nicht anders: War richtig lange laufen. War klasse. Danke.“

Wir telefonierten am darauffolgenden Tag. Lachend beschrieb er, dass er, als er die Schuhe in der Hand hatte, gar nicht anders konnte, als sie anzuziehen und eine Stunde Joggen zu gehen. Abends habe er sich das erste Mal seit Wochen wieder richtig gut gefühlt. Auch habe er das erste Mal seit langer Zeit wieder gut geschlafen. Wir vereinbarten, dass er die Sportschuhe nun immer im Flur stehen lassen sollte. Sobald er nach Hause kam, zog er die Arbeitskleidung aus, schlüpfte in die Laufschuhe und ging laufen. Diese Routine hielt er diszipliniert und täglich durch.

Aus Routinen wird Identität

Drei Wochen später hatte sich sein Körpergefühl verbessert. Er schlief inzwischen gut und seine Stimmung wurde viel besser. „Ich bin schon immer Sportler gewesen“, sagte er. „Es ist gut, dass ich das wieder machen kann.“ Aus „Ich bin jemand, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt“ wurde „Ich bin Sportler!“. Dies gelang mit ein paar Sportschuhen an der richtigen Stelle, kombiniert mit dem konsequenten Umsetzen einer festen Routine.

Inzwischen hatte er die meisten seiner Umzugskisten ausgeräumt. Nun meinte er: „Naja, jetzt wäre es schon nicht schlecht, wenn ich abends nicht immer allein rumsitzen würde. Aber ich war so lange in einer festen Beziehung, dass ich mich gar nicht mehr traue, auf Leute zuzugehen.“ Wir vereinbarten, dass er jeden Tag beim Betreten der Klinik einen Kollegen oder eine Kollegin freundlich anlächeln und grüßen sollte. Nicht mehr, aber das konsequent jeden Tag. Eine Woche später telefonierten wir. Er hatte so viele positive Reaktionen bekommen, dass er am Wochenende bei Kollegen zum Grillen eingeladen war. Vier Wochen später hatte er den Anfang geschafft, sich einen neuen Freundeskreis zu erarbeiten.

Die Frage nach der Doktorarbeit

Dann kam die Frage nach der Doktorarbeit. Er meinte: „O. k. Ich brauche eine neue Routine. Ab jetzt werde ich mich jedes Mal, wenn ich nach dem Laufen etwas gegessen habe, an den Schreibtisch setzen, den PC hochfahren und die Datei mit der Doktorarbeit öffnen und mindestens drei Sätze schreiben.“ Nach wenigen Wochen war die Arbeit fertig und mein Kunde ein „echter Doktor“. In einem Telefonat nach der anschließenden Feier, bei der eine gewisse Schwester Monika wohl länger blieb als geplant, meinte er: „Ich bin wohl nicht unbedingt jemand, der sein Leben stringent auf die Reihe bekommt. Aber ich bin offensichtlich jemand, der mit Schwierigkeiten fertig werden kann.“

Erfolge sind selten ein Durchbruch von null auf hundert, sondern immer die Folge von Routinen in der Zeit davor. Verändert man kleine Routinen und hält diese stabil durch, werden sie zu Bausteinen für große Veränderungen.

Dipl. Psych. Gabriele Schuster

Geschäftsführerin

Athene Akademie GmbH

Traubengasse 15

97072 Würzburg

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