ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2020COVID-19: Symptombeobachtung
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In einer kleinen Beobachtungsstudie aus der Umgebung positiv getesteter COVID-19-Patienten haben wir die Symptome von 19 Personen zwischen sieben und 77 Jahren gesammelt und die Infektionswege nachverfolgt. Diese konnten natürlich nicht zweifelsfrei, aufgrund der derzeitigen Isolationsmaßnahmen aber mit hoher Wahrscheinlichkeit, zugeordnet werden.

Interessanterweise hatten nur zwei der 19 Personen die „Leitsymptome“ Fieber und Husten. Außer einem trockenen Kratzen im Hals als Erstsymptom klagten sonst fast alle Erkrankten über unspezifische Symptome wie Kopf- und Gliederschmerzen sowie Abgeschlagenheit.

Auffälligste Symptome waren dabei – neben den schon oft beschriebenen Veränderungen des Geruchssinns – funktionelle zentralnervöse Störungen, die „wie nach einer Karussellfahrt“ oder „nach einem zu starken Joint“ beschrieben und von den Erkrankten als völlig neuartig bezeichnet wurden. Dazu gesellten sich häufig flushartige Überwärmungen bestimmter Körperregionen wie beispielsweise am Kopf und oberen Thorax oder an beiden Unterschenkeln, die sich in sichtbaren Hyperämien, lokal begrenztem Schwitzen und subjektivem Hitzegefühl äußerten. Interessanterweise war auch bei generellem Fiebergefühl die gemessene Körpertemperatur meistens normal.

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Des Weiteren scheint der anfallartige Charakter der oben genannten Symptome typisch zu sein, der ähnlich der infektiösen Mononukleose nach völlig beschwerdefreien Intervallen „wie aus dem Nichts zuschlägt“ und mehrere Minuten bis etwa eine Stunde andauert. Diese paroxysmale Verlaufsform scheint bei schwerer Erkrankten nicht mehr so stark ausgeprägt zu sein, wohingegen in der Rekonvaleszenzphase auch bei diesen ein allmähliches Abebben ihrer Symptome zu beobachten war. So trat bei einer Patientin am 21. Krankheitstag nach einem mehrtägigen symptomfreien Intervall nochmals eine dreitägige Episode mit Nachtschweiß auf.

Interessanterweise scheint die Übertragung von SARS-CoV-2 in den hier beobachteten Fällen von den Indexpersonen jeweils ein bis zwei Tage vor bzw. direkt bei Symptombeginn erfolgt zu sein. Mindestens zwei davon geschahen offensichtlich im Freien jeweils ohne Körperkontakt bei noch fehlenden Symptomen. Mindestens fünf weitere Übertragungen erfolgten in geschlossenen Räumen ohne Krankheitszeichen wie Husten oder Niesen und teilweise ohne Körperkontakt, sodass wir uns von dem Verdacht auf einen hier vorliegenden rein aerogenen Übertragungsvorgang nicht freimachen können.

Die Zeit von vermuteter Infektion bis zum ersten unspezifischen Symptom betrug in der Regel fünf (zwei bis sechs)Tage. Außer vier Kindern im Alter zwischen neun und 14 Jahren blieb keine der Kontaktpersonen symptomfrei. Ohne die Evaluation hätten aber nur zwei der Personen ihre Symptome mit COVID-19 in Zusammenhang gebracht. Da gleichzeitig auch nur zwei der 19 Personen die in den Listen der WHO und des RKI aufgelisteten Symptome „Fieber“ und „Husten“ hatten, wirft das folgende Fragen auf:

Liegt nicht nur die Dunkelziffer unentdeckter COVID-19-Verläufe deutlich höher als angenommen, sondern insbesondere auch der Anteil der sehr milden Verläufe? Handelt es sich bei COVID-19 wirklich um eine Lungenerkrankung oder ist es vielleicht eher eine Systemerkrankung, bei der es bei einigen Patienten zu einer Komplikation kommt, die sich als Lungenerkrankung manifestiert?

Dr. med. Etienne Atangana, Dr. med. Axel Steinhardt, 28325 Bremen

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